| Aus Liebe zum geschriebenen Wort
Startseite » Autoren » E.T.A. Hoffmann
Autorenportrait

E.T.A. Hoffmann

Der vielseitige Meister der Romantik

Zuletzt aktualisiert: 18.08.2024

Kuenstlerisches Portrait eines romantischen Schriftstellers
E.T.A. Hoffmann: Meister des Unheimlichen

Auf einen Blick

  • Geboren: 24. Januar 1776 in Königsberg
  • Gestorben: 25. Juni 1822 in Berlin
  • Beruf: Jurist, Schriftsteller, Komponist, Maler
  • Epoche: Romantik
  • Bekannt für: Der Sandmann, Die Elixiere des Teufels, Nussknacker und Mausekönig

Wenige Monate nach seinem Tod liessen Freunde ein Grabmal errichten. Die Inschrift nennt ihn "ausgezeichnet im Amte, als Dichter, als Tonkuenstler, als Maler". Diese Worte fassen die Vielseitigkeit eines Mannes zusammen, der zu den faszinierendsten Gestalten der deutschen Romantik gehört.

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, der sich später zu Ehren Mozarts den dritten Vornamen Amadeus gab, vereinte in sich mehrere Begabungen. Er war erfolgreicher Jurist, komponierte Opern und Sinfonien, malte Fresken und schrieb Erzählungen, die bis heute zum Kanon der Weltliteratur gehören. Sein Leben war geprägt von politischen Umbrüchen, beruflichen Krisen und einem unbändigen künstlerischen Schaffensdrang.

Kindheit in Koenigsberg

Hoffmann stammte aus einer Königsberger Juristenfamilie. Seine Eltern waren Cousin und Cousine. Diese Herkunft bestimmte seine berufliche Laufbahn von Anfang an: Er hatte Jurist zu werden, ob er wollte oder nicht.

Die Ehe seiner Eltern scheiterte früh. Als Hoffmann vier Jahre alt war, verliess der impulsive Vater die Familie. Die Mutter kehrte in das Haus ihrer eigenen Mutter zurück, wo sie bis zu ihrem Tod zurückgezogen lebte. Die Erziehung übernahm ein Onkel, den Hoffmann spottend "O-Weh-Onkel" nannte. Ein gescheiterter Jurist, bigott und pedantisch, hatte dieser sich seinen Tages- und Wochenablauf minutiös eingeteilt.

Zur bizarren Atmosphäre des Hauses trugen auch die Mieter im ersten Stock bei. Eine Frau Werner verehrte ihren Sohn Zacharias als wiedergeborenen Messias. Dieser Zacharias Werner sollte später ein erfolgreicher Dramatiker werden, ehe er den Dichterberuf aufgab und Priester wurde.

Wenige Lichtblicke gab es für das musisch begabte Kind. Eine geliebte Tante, die Freundschaft zu Theodor Gottlieb von Hippel und vor allem die Musik. Viele Jahre später beschrieb Hoffmann in der Erzählung "Der Musikfeind" einen Jungen, der in feindlicher Umgebung Trost findet, indem er seinen Kopf an das Klavier lehnt und in Gedanken davonschwebt.

Jurastudium und erste Stationen

So studierte er also Jura an der Universität Königsberg, durchaus mit Erfolg. Ab 1795 arbeitete er als Auskultator am Königsberger Gericht. Im folgenden Jahr übersiedelte er zu einem Onkel nach Glogau. Hintergrund war ein Verhältnis zu einer verheirateten, zehn Jahre älteren Musikschuelerin namens Dora Hatt, das die Familie auf diese Weise unterbinden wollte.

In Glogau lebte der junge Hoffmann auf. In der kunstinteressierten Atmosphäre der Familie des Onkels fand er Rückhalt. Er half dem Maler Aloys Molinary bei der Ausmalung der Jesuitenkirche und widmete sich kleineren Kompositionen. 1798 bestand er das zweite juristische Examen mit dem Praedikat "überall ausnehmend gut".

Kurze Zeit später folgte er der Familie nach Berlin. Dort knuepfte er rasch Kontakte zu namhaften Künstlern. Er lernte Jean Paul und Ludwig Tieck kennen, legte sein Singspiel "Die Maske" dem Theaterdirektor August Wilhelm Iffland vor und nahm Kompositionsunterricht bei Johann Friedrich Reichardt. Im März 1800 bestand er sein drittes juristisches Examen und wurde zum Assessor in Posen ernannt.

Posen und erste Veroeffentlichungen

Posen lag im polnischen Teil Preussens. Eine schmale preussische Oberschicht stand einer grossen polnischen Bevölkerungsmehrheit gegenüber. Der familiaren Kontrolle endgueltig entwachsen, verlebte Hoffmann dort eine ungezwungene Zeit. Er löste seine Verlobung mit der Cousine Minna.

In dieser Zeit entstanden zahlreiche Kompositionen, darunter eine Messe und eine Vertonung von Göthes "Scherz, List und Rache". Für Kotzebues Zeitschrift "Der Freimüthige" verfasste er einen Essay über die Verwendung des Chores in Schillers "Die Braut von Messina". Es war seine erste literarische Veröffentlichung.

Die Zwistigkeiten zwischen Militär und Beamten kulminierten im Frühjahr 1802. Auf einer Karnevalsredoute tauchten Karikaturen auf führende Militärs auf. Obwohl allen klar war, dass nur Hoffmann über das nötige zeichnerische Können verfügte, konnte man den Urheber offiziell nicht ermitteln. Die Lösung: Hoffmann wurde zum Regierungsrat befördert und gleichzeitig in die entlegene Kleinstadt Plock strafversetzt. Kurz vor der Abreise heiratete er die Polin Michälina Rorer.

Plock und Warschau

Plock war ein Albtraum. Abgeschnitten vom geistigen und kulturellen Leben verkuemmerte er. In einem Brief an seinen Jugendfreund Hippel nannte er die Kleinstadt einen Sumpf, in dem man nur bei grösster Anstrengung nicht versinke. Er fertigte eine Karikatur an, die seinen Vorgesetzten zeigt, wie er seine Mitarbeiter mit einer langen Stange immer wieder in den Schlamm zurückstösst.

Hippel, der mittlerweile Karriere in der preussischen Verwaltung gemacht hatte, intervenierte in Berlin. Mit Erfolg: 1804 konnte Hoffmann Plock verlassen und ans Gericht nach Warschau wechseln.

In Warschau erreichte sein künstlerisches Schaffen neue Höhen. Er komponierte nach einem Text von Clemens Brentano das Singspiel "Die lustigen Musikanten", das 1805 in Warschau uraufgeführt wurde. Er wurde Zweiter Vorsitzender der Musikalischen Gesellschaft, deren Räume er ausmalte. Unter seiner Leitung wurde seine Symphonie in Es-Dur uraufgeführt.

Dabei versäumte er seine Dienstpflichten nie. Ein Zeitgenosse berichtet, wie Parteien ihren eigenen Augen nicht traün wollten, als Hoffmann auf Vorlage einer dienstlichen Verfügung schnell vom Malergerüst herunterstieg, sich die Hände wusch und in wenigen Stunden ein gerichtliches Dokument über komplizierteste Verhältnisse aufs Papier warf, an dem auch die schärfste Kritik nichts auszusetzen fand.

Napoleons Einmarsch und die Flucht nach Berlin

Das glückliche Leben in Warschau endete mit dem Einmarsch Napoleons und der Niederlage Preussens 1806. Polen wurde zu einem selbstständigen Staat unter franzoesischem Protektorat. Die preussischen Beamten wurden aufgefordert, einen Treueeid auf den neün Staat abzulegen. Da sich niemand eine Rückkehr in den preussischen Staatsdienst verbaün wollte, leistete natürlich niemand den geforderten Eid.

Hoffmann brachte seine Frau und die wenige Monate alte Tochter Caecilia zu den Schwiegereltern nach Posen und reiste nach Berlin. Die Zustände dort waren katastrophal. Der preussische Staat war praktisch handlungsunfähig. Zu allem Ueberfluss wurde Hoffmann das wenige Geld gestohlen, das er bei sich hatte. Wochenlang hungerte er, hielt sich mit Zeichnungen für Zeitungen notdürftig über Wasser. Aus Posen kamen deprimierende Nachrichten: Seine Frau war schwer erkrankt, die gemeinsame Tochter gestorben.

Die Bamberger Jahre

Schließlich setzte Hoffmann alles auf eine Karte. Er gab eine Zeitungsannonce auf, in der er sich als Komponist und musikalischer Leiter empfahl. Gleichzeitig nahm er Kontakt zur "Allgemeinen Musikalischen Zeitung" in Leipzig auf. Beide Schritte waren erfolgreich: Aus Bamberg kam ein Engagement als Kapellmeister am Theater. Der Leipziger Verleger Rochlitz sicherte ihm seine Unterstützung zu.

1808 reiste Hoffmann einer ungewissen Zukunft als Künstler entgegen. In Bamberg begann die intensivste Phase seines literarischen Schaffens. Hier entstanden die "Fantasiestücke in Callots Manier", sein erster Erzählband. Die Sammlung enthält unter anderem "Ritter Gluck" und die Kreisleriana, die später Robert Schumann zu seinem gleichnamigen Klavierzyklus inspirierten.

Für die "Allgemeine Musikalische Zeitung" verfasste Hoffmann einflussreiche Musikkritiken. Seine Rezension der fünften Symphonie Beethovens gilt als Meilenstein der Musikkritik und prägte das Bild des Komponisten für Generationen.

Berlin und literarischer Ruhm

Nach Jahren als Theaterkapellmeister in Leipzig und Dresden kehrte Hoffmann 1814 in den preussischen Staatsdienst zurück. Er wurde Kammergerichtsrat in Berlin. Neben seiner juristischen Tätigkeit entfaltete er nun eine enorme literarische Produktivität.

1815 erschien "Die Elixiere des Teufels", ein Schaürroman, der zu den Klassikern der Gattung zählt. Es folgten die "Nachtstücke" mit der beruehmt gewordenen Erzählung "Der Sandmann". Diese Geschichte um den Studenten Nathanäl, der durch das traumatische Erlebnis seiner Kindheit in den Wahnsinn getrieben wird, gilt als Meisterwerk der deutschen Romantik. Sigmund Freud widmete ihr in seinem Aufsatz "Das Unheimliche" eine ausführliche Analyse.

1816 schrieb Hoffmann das Märchen "Nussknacker und Mausekönig", das durch Tschaikowskys Ballett weltberuehmt wurde. In seinen letzten Lebensjahren entstanden die "Serapionsbrüder", eine Sammlung von Erzählungen, und der unvollendete Roman "Lebens-Ansichten des Katers Murr".

Konflikt mit der Obrigkeit

Als Mitglied der "Immediat-Untersuchungskommission zur Ermittlung hochverrätrischer Verbindungen" geriet Hoffmann in Konflikt mit der Staatsmacht. Er setzte sich für die Rechte der Verfolgten ein und prangerte in seiner Erzählung "Meister Floh" willkürliche Verhaftungen an. Die Zensur beschlagnahmte das Manuskript. Ein Disziplinarverfahren wurde eingeleitet.

Zu einem Urteil kam es nicht mehr. Hoffmann starb am 25. Juni 1822 an einer fortschreitenden Lähmung des Rückenmarks. Er war 46 Jahre alt. Auf dem Sterbebett diktierte er seinem Schreiber noch Erzählungen.

Bedeutung und Nachwirkung

Hoffmanns Erzählungen verbinden die Welt des Alltäglichen mit dem Phantastischen. Träume, Wahnvorstellungen und übernatürliche Erscheinungen brechen in die bürgerliche Ordnung ein. Seine Figuren sind oft Künstler, die an der Unvereinbarkeit von Kunst und Leben verzweifeln.

Im 19. Jahrhundert wurde Hoffmann vor allem in Frankreich verehrt. Baudelaire, Balzac und Poe beriefen sich auf ihn. Jacqüs Offenbach machte ihn zur Hauptfigur seiner Oper "Hoffmanns Erzählungen". In Deutschland galt er lange als blösser Unterhaltungsschriftsteller. Erst das 20. Jahrhundert erkannte seine Bedeutung als Vorläufer der modernen phantastischen Literatur.

Seine Musik geriet weitgehend in Vergessenheit. Die Oper "Undine" gilt als sein bedeutendstes musikalisches Werk. Carl Maria von Weber würdigte sie als "eines der geistvollsten Kunstwerke der neueren Zeit".

Wichtige Werke

  • "Fantasiestücke in Callots Manier" (1814/15)
  • "Die Elixiere des Teufels" (1815/16)
  • "Nachtstücke" mit "Der Sandmann" (1816/17)
  • "Nussknacker und Mausekönig" (1816)
  • "Klein Zaches genannt Zinnober" (1819)
  • "Die Serapionsbrüder" (1819-1821)
  • "Lebens-Ansichten des Katers Murr" (1820/22)
  • "Meister Floh" (1822)