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Autorenportrait

Victor Hugo

Frankreichs literarischer Nationalheld

Zuletzt aktualisiert: 07.05.2024

Romantisches Portrait eines baertigen franzoesischen Schriftstellers
Victor Hugo: Visionaer der franzoesischen Romantik

Auf einen Blick

  • Geboren: 26. Februar 1802 in Besancon
  • Gestorben: 22. Mai 1885 in Paris
  • Nationalität: Franzoesisch
  • Epoche: Romantik
  • Bekannt für: Notre-Dame de Paris, Les Miserables

"Ein komisches Volk, diese Franzosen", notierte Edmond de Goncourt am 22. Mai 1885 in sein Tagebuch. "Sie wollen keinen Gott mehr, sie wollen keine Religion mehr, und da sie nun gerade Christus entgöttert haben, vergöttern sie im selben Moment Hugo." Victor Hugo war gerade verstorben. Frankreich erstarrte wie in Traür um ein geliebtes Staatsoberhaupt.

Die Beisetzung des Schriftstellers geriet zu einem nationalen Grossereignis. Mit dem Einzug seines Leichnams in das Pantheon auf dem Hügel Sainte-Genevieve wurde der ehemalige Kirchenbau endgueltig zur Ruhestätte der Grossen Frankreichs. "Aux Grands Hommes la Patrie reconnaissante" - Den grossen Männern das dankbare Vaterland.

Herkunft und fruehe Jahre

Die Geschichte dieses Mannes ist eng mit der Geschichte Frankreichs verknuepft. Der am 26. Februar 1802 in Besancon geborene Hugo unterlag zunächst den gegensätzlichen Einflüssen seiner Eltern. Sein Vater war Anhänger der Revolution und stieg unter Napoleon bis zum Rang eines Generals auf. Seine Mutter hingegen war Royalistin.

Da Napoleon durch die Versetzungen des Vaters das Familienleben nachhaltig beeintraechtigte und die Eltern bald getrennt lebten, galt auch Victor Hugos Loyalität während der Restauration zunächst den Bourbonen. Diese Haltung war entscheidend für seine Laufbahn. Die gegenseitige Sympathie zwischen dem jungen Dichter und dem Regime ermöglichte es ihm, sein ehrgeiziges Ziel "Chateaubriand oder nichts!" mit Nachdruck zu verfolgen.

Hugo erhielt eine staatliche Rente. Damit konnte er sich trotz früher Familiengründung ganz seiner schriftstellerischen Tätigkeit widmen. Dank seines grossen Arbeitseifers liessen die Erfolge nicht lange auf sich warten.

Der Kopf der franzoesischen Romantik

Sowohl in politischer als auch in literarischer Hinsicht wurde Hugo zum Liberalen. Die skandalumwitterte Uraufführung seines Dramas "Hernani" im Revolutionsjahr 1830 machte ihn zum Kopf der franzoesischen romantischen Schule. Die Schlacht um "Hernani", wie sie genannt wurde, war ein Kulturkampf zwischen Klassizisten und Romantikern. Hugo gewann.

Die Mittelalterbegeisterung der Romantik kam 1831 in seinem Roman "Notre-Dame de Paris" zur vollen Entfaltung. Die Geschichte von Quasimodo und Esmeralda wurde zum Welterfolg. Generationen von Lesern lernten durch dieses Buch die gotische Kathedrale und ihre Symbolik kennen.

Dieses innovative, wenn nicht revolutionäre Flair umgab Hugo seit 1830. Es wurde durch sein Exil unter Napoleon III. bestaetigt und prägte sich durch sein politisches Engagement 1870/71 unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis ein.

Familie und persoenliche Widersprueche

Der grosse Liberale war zu Hause ein zutiefst bürgerlicher Patriarch. Von seiner Frau Adele und seinen Geliebten erwartete er Treue und Ergebenheit. Diese Autorität wurde seiner Frau zur Last. Adele flüchtete sich in eine Romanze mit Hugos Kritiker und Konkurrent Sainte-Beuve.

Seiner Tochter, der jüngeren Adele, wurde der übermaechtige Vater zum Verhängnis. Sie konnte sich nie aus seinem Schatten in ein eigenes Leben befreien und erlitt ein tragisches Schicksal. Der Filmregisseur Francois Truffaut setzte ihr mit "Die Geschichte der Adele H." ein filmisches Denkmal.

Der Verlust seiner übrigen Kinder traf Hugo schwer. Seine geliebte Tochter Leopoldine ertrank 1843 bei einem Bootsunglück. Dieses Ereignis war der tiefste Einschnitt in seinem Leben und prägte seine spätere Dichtung nachhaltig.

Die Jahre des Exils

Nach dem Staatsstreich Napoleons III. im Jahr 1851 ging Hugo ins Exil. Fast zwanzig Jahre verbrachte er auf den Kanalinseln Jersey und Gürnsey. Dort entstanden einige seiner bedeutendsten Werke, darunter der monumentale Roman "Les Miserables" (Die Elenden).

Während des Exils entwickelte Hugo die Idee einer gemeinsamen europaeischen Währung. Am 14. Juli 1870, dem Jahrestag des Sturms auf die Bastille und Vorabend des deutsch-franzoesischen Krieges, pflanzte er in seinem Garten auf Gürnsey eine Eiche der Vereinigten Staaten von Europa. Er prophezeite, dass es in hundert Jahren keine Kriege und keinen Papst mehr geben werde, die Eiche aber gross sein würde.

Der Schriftsteller und Hugo-Biograph Andre Maurois stellte 1954 lakonisch fest, dass sich bis dahin nur die letzte dieser Prophezeiungen bewahrheitet habe.

Rueckkehr und spaete Jahre

Kurz nach der Proklamation der Dritten Republik kehrte Hugo 1870 pflichtbewusst nach Paris zurück. Er wollte seinen Landsleuten in den schwierigen Zeiten der preussischen Belagerung zur Seite stehen. Die Republik setzte grosse Hoffnungen in die Rückkehr des grossen Schriftstellers.

Deutschland, dessen Landschaft und Kultur Hugo während seiner Rheinreisen 1838 bis 1840 schätzen gelernt hatte, bedachte er zunächst mit einem wohlwollenden Appell. Die anhaltende Belagerung von Paris zwang ihn dann jedoch zu patriotischen und unverhohlen martialischen Tönen.

Hugos 80. Geburtstag 1882 wurde zu einem nationalen Feiertag. Den franzoesischen Schülern wurden alle Strafen erlassen. Die Strasse, in der Hugo wohnte, wurde zur Avenue Victor Hugo umbenannt. Man konnte fortan adressieren: "An Monsieur Victor Hugo, in seiner Avenue."

Das literarische Werk

Das Multitalent Victor Hugo bediente alle Gattungen. Seine bändefüllenden lyrischen Dichtungen beschworen alle Facetten des politischen und persönlichen Lebens mit kraftvollen Worten. Seine Dramen erreichten solche Superlative, dass manche, wie "Cromwell", dessen programmatisches Vorwort beruehmt wurde, nie zur Aufführung gelangen konnten.

Seine Romane illustrieren die bildungstheoretischen und gesellschaftskritischen Ambitionen des Autors. Gleichzeitig tragen sie der zeitgenössischen Lust am Phantastischen und Graünhaften Rechnung. Die Geschichten von Quasimodo und Esmeralda aus "Notre-Dame de Paris" oder von Jean Valjean und Cosette aus "Les Miserables" kennt jeder.

Dass diese Geschichten bis heute lebendig sind, verdanken wir Adaptionen wie dem Disney-Film "Der Gloeckner von Notre Dame" oder dem Musical "Les Miserables" von Andrew Lloyd Webber. Weniger verdanken wir es der Tatsache, dass Hugo heute tatsaechlich gelesen wird.

Bedeutung und Nachwirkung

Hugos Bücher sind selten zeitlos. Ihr Verständnis erfordert literaturhistorisches Hintergrundwissen. In Frankreich gehört die Kenntnis ausgewählter Hugoscher Gedichte noch zur besseren Schulbildung. In Deutschland hingegen geht Hugo-Lektuere längst weit über die Allgemeinbildung hinaus.

Dennoch bleibt Hugo eine Ikone. Seine europaeischen Visionen machen ihn heute attraktiver denn je. Seine Verbindung von literarischem Genie, politischem Engagement und menschlicher Fehlbarkeit macht ihn zu einer faszinierenden Gestalt der Weltliteratur.

Wichtige Werke

  • "Hernani" (Drama, 1830)
  • "Notre-Dame de Paris" (Der Gloeckner von Notre-Dame, 1831)
  • "Les Feuilles d'automne" (Herbstblätter, 1831)
  • "Les Contemplations" (1856)
  • "Les Miserables" (Die Elenden, 1862)
  • "Les Travailleurs de la mer" (Die Arbeiter des Meeres, 1866)
  • "L'Homme qui rit" (Der Mann, der lacht, 1869)
  • "Quatrevingt-treize" (Dreiundneunzig, 1874)

Weiterfuehrende Literatur

  • Jörg W. Rademacher: Victor Hugo. dtv, München 2002
  • Karlheinrich Biermann: Victor Hugo. Rowohlt Bildmonographien, Reinbek 1998