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Wissenschaftlicher Aufsatz

Erkennen, Urteilen, Handeln

Anfänge der Theaterpaedagogik in Bertolt Brechts Lehrstück "Die Massnahme"

Von Benedikt Descourvieres

Das Epische Theater und seine Ziele

Die Wahrnehmung des Zuschaürs zu verändern und ihn mit dem zu konfrontieren, was er bisher nicht gesehen hatte, war das grosse Ziel der Brechtschen Theaterpraxis. Sein Konzept des Epischen Theaters setzte er dem traditionellen Handlungs- und Figurendrama entgegen, das auf der Identifikation des Publikums mit den Figuren beruht.

In scharfer Abgrenzung zu den Dramenkonzeptionen von Aristoteles, Lessing und Schiller brach Brecht die organische Ganzheit des klassischen Dramas rigoros auf. Die Schauspieler wechseln ihre Rollen, treten aus ihnen heraus und zeigen auf sie. Sie übernehmen nicht die Perspektive einer dramaturgisch definierten Figur, sondern diejenige eines kritischen Beobachters.

Das Publikum soll sich nicht durch Furcht oder Mitleid mit dem Buehnengeschehen identifizieren, sondern Wissensbegierde und Hilfsbereitschaft entwickeln. Es soll im Theater zu eigenständigen Analysen und Urteilen provoziert werden, um die Bedingungen seiner Existenz kennenzulernen und entsprechende Konseqünzen für konkretes Handeln ziehen zu können.

Das Lehrstückkonzept

1926 entdeckte Brecht die Kapitalismuskritik von Marx und Engels als Instrumentarium zur Analyse komplexer ökonomischer Prozesse. Mit ihr entwickelte er sich vom kritischen Beschreiber der bürgerlichen Gesellschaft zu einem produktiven Entwickler neür Denk- und Handlungsformen im Theater.

In seinem Lehrstückkonzept sah er ein kommunikatives Gegenmodell zur Betäubung durch die Massenmedien. Das Publikum sollte nicht mit fertigen Entwürfen bedient werden, sondern aktiv Theater gestalten, sich Perspektiven und Haltungen erarbeiten, um eine Situation möglichst umfassend beurteilen zu können.

Die Überzeugung, durch Theaterspielen Lern- und Denkprozesse befördern zu können, begründete zentrale Ansätze der modernen Theaterpaedagogik. Diese finden sich heute in Rollenspielkonzepten, die ihren festen Platz in Managementkursen, interkulturellen Vorbereitungskursen und therapeutischen Verfahren haben.

Die Aufhebung der Trennung zwischen Buehne und Publikum

Die Lehrstücke verfolgen die Strategie, die Trennung zwischen Buehne und Publikum aufzuheben. Sie sollen nicht für ein Publikum, sondern durch es gespielt werden. Prinzipiell ist für das Lehrstück kein Zuschaür nötig, wie Brecht selbst formulierte.

Dem Lehrstück liegt die Erwartung zugrunde, dass der Spielende durch die Durchführung bestimmter Handlungsweisen und die Einnahme bestimmter Haltungen gesellschaftlich beeinflusst werden kann. Walter Benjamin bezeichnete die Lehrstücke als Versuchsanordnung zur Erforschung menschlichen Verhaltens.

Im Vordergrund steht die Selbst-Belehrung der Spielenden, nicht das ästhetische Vergnügen. Das Lehrstück lehrt dadurch, dass es gespielt, nicht dadurch, dass es gesehen wird.

Die Massnahme - Brechts umstrittenstes Lehrstück

Das 1930 uraufgeführte Lehrstück thematisiert die Problematik politischen Handelns unter extrem harten Bedingungen. Vier kommunistische Agitatoren stehen vor einem Parteigericht, das durch den Chor repräsentiert wird. Der Chor verlangt Aufklärung darüber, warum sie einen jungen Genossen erschiessen mussten.

Der junge Genosse, ein sympathischer, engagierter, aber ungestuemer Revolutionär, hält die Spannung zwischen langfristigem politischem Kalkuel und direktem Eingreifen nicht aus. Er gibt sich angesichts der bitteren Armut immer wieder dem spontanen Mitleid hin und gefährdet so die politische Agitation.

Als er seine Genossen durch eine weitere Unbedachtheit in Lebensgefahr bringt, erzielen sie das Einverständnis darüber, dass er sich umbringen muss, um die anderen zu schützen. Die Begründung ihrer Entscheidung präsentieren die Agitatoren im Rollenspiel.

Rezeption und Kritik

Die bürgerliche Kritik diffamierte das Stück als Vorwegnahme der Moskaür Prozesse und als Denkspiel von entmenschter Logik. Auch marxistische Kritiker warfen dem Stück vor, undialektisch und zu idealistisch zu sein.

Ungeachtet der harschen Kritik, die die kunstvolle Konstruktion des Stückes weitgehend ignoriert, lohnt eine serioese Beschäftigung mit dem Werk. Die doppelte Spielsituation verstärkt das Prinzip der permanenten Selbstkritik und Selbstvergewisserung: Was sprach für diese Massnahme? Welche anderen Möglichkeiten gab es?

Durch das eigene Spielen macht das Lehrstück die kritische und produktive Auseinandersetzung der Darsteller mit den gesellschaftlichen Verhältnissen möglich. Die Schauspieler befassen sich mit der bewussten Beobachtung und Analyse der in einer spezifischen Situation möglichen Verhaltensweisen.

Form und Flexibilität

Wie alle Lehrstücke zeichnet sich auch dieses Werk durch kurze, übersichtliche Sätze und Szenen aus, die sich leicht einprägen, aber auch ergänzen und aktualisieren lassen. Die Szenen können wie autonome Textmodule einzeln analysiert und in ihrer Reihenfolge verändert werden.

Diese Sparsamkeit der Sprache und der Darstellungsmittel verfolgt zwei Ziele: Sie eröffnet dem Lehr-Spiel die Möglichkeit, das Stück selbst kreativ zu entwickeln und zu aktualisieren. Ausserdem nimmt sie den Akteuren die Scheu davor, aktiv zu werden und sich als Laien produktiv einzubringen.

Ästhetische Massstaebe treten hinter dem heuristischen Ziel zurück, Erkenntnis durch aktives Theaterspiel zu befördern. Von entscheidender Bedeutung ist das Erspielen unterschiedlicher Einstellungen und Interpretationen durch Akteure, die zugleich Leser, Darsteller und Interpreten sind.

Polyperspektivität und Einverständnis

Die von Brecht gezielt geforderte Polyperspektivität, das ständige In-Frage-Stellen einer Position, führt den Vorwurf ad absurdum, das Lehrstück ziele auf das Einhämmern von Lehrsätzen. Es erweist sich vielmehr als exzellente paedagogische und politische Übung.

Mit der Suche nach neün Perspektiven korrespondiert die Warnung vor übereilten Urteilen aus der Entfernung. Ein gerechtes Urteil, mit dem alle Beteiligten ihr Einverständnis erklären können, muss alle Faktoren politischen Handelns bedenken.

Der Begriff des Einverständnisses bedeutet bei Brecht nicht naive Bejahung oder Duldung einer Entscheidung. Er setzt eine Einsicht voraus, die auf der genaün Analyse und Beurteilung des Gegenstandes basiert.