"Tierlaute - Wer wollte das aufschreiben"
Tatort Geschichte in Heiner Müllers "Mommsens Block"
I. Einführung
Als das neunseitige Langgedicht "Mommsens Block" 1993 in der vom Berliner Ensemble herausgegebenen Publikation "Drucksache" erschien, war es nach längerer Pause die erste literarische Veröffentlichung Heiner Müllers, des wohl avanciertesten deutschsprachigen Schriftstellers seiner Generation.
Das Langgedicht thematisiert die Schreibhemmung des Geschichtsprofessors Theodor Mommsen (1817-1903), sein Standardwerk "Römische Geschichte" um einen vierten Band zu ergänzen. Die wissenschaftliche Rezeption konzentrierte sich bislang auf die Dekodierung der zahlreichen historischen Anspielungen und die naheliegende Parallele zwischen Mommsens und Müllers eigener Schreibhemmung. Helmut Fuhrmann diagnostizierte eine "anhaltende Schaffenskrise" bei Müller, die "zugleich eine tiefe Existenzkrise darstellte".
Tatsaechlich liest sich "Mommsens Block" als resignierender Parforceritt durch Schlachten, Massaker, Ausbeutung, Unterdrückung und Enttäuschung. Es ist der letzte grosse Text, den das Publikum zu Müllers Lebzeiten kennenlernen konnte.
II. Die Arbeit an der Geschichte
In "Mommsens Block" lässt sich Geschichte als Komplex von Inhaltsmerkmalen darstellen, die eine destruktive und gehemmte Bewegung repräsentieren. Das interpunktionslose Langgedicht veranschaulicht, was sich der Geschichtsschreibung als Geschichte darstellt: Katastrophen, Gewalt und Zerstörung.
Als dominante Inhaltsmerkmale des Textes fallen Tod, Gewalt und Vergänglichkeit auf. Diese korrespondieren mit der Einsicht in die Absurdität der Anstrengung, das, was sich als Geschichte darstellt, durch Geschichtsschreibung zu tradieren: "Kein Verlass auf die Literatur... Selbst die silbernen Fragmente / Des lakonischen Tacitus nur Lektuere für Dichter / Denen die Geschichte eine Last ist".
Die für die Geschichtsschreibung greifbaren gesellschaftlichen Verhältnisse zeichnen sich durch eine destruktive, zirkulare Bewegung aus, die keine offene und produktive Entwicklung zulässt. In diesem Gewaltszenario treten die Subjekte hinter non-personalen Akteuren wie Krieg, Truemmern und Massakern zurück und wirken als Handlanger in anonymen Strukturen.
Schreiben für die Toten
Der Text hebt drei einzelne Akteure besonders hervor: den Historiker Mommsen, den Ich-Erzähler und Johannes auf Patmos. Johannes ist als "Totenführer" mit den Toten verbunden, für die gehandelt werden muss. Das Geschick der Toten ist an die Geschichte der Lebenden gebunden: "Für wen sonst schreiben wir / Als für die Toten allwissend im Staub".
Da sich die Geschichte der Lebenden nicht auf einen Glückszustand aller zubewegt, kommen die Toten nicht zur Ruhe. Die nicht stattfindende Vorwärtsbewegung der Geschichte verwehrt den Toten eine nachhaltige Rehabilitation durch die Politik der Lebenden. Die Toten als Opfer und Repräsentanten geschehenen Unrechts bleiben zur "ewigen Wiederkehr" gezwungen.
III. Christentum und Sozialismus
In einer zentralen Textpassage bilden die mit Johannes verknuepften Inhaltsmerkmale den Kontrapunkt zu einer geschichtlichen Bewegung des Christentums, die kunstvoll mit der Bewegung des Sozialismus verknuepft wird.
Müller schreibt: "EIN KOEHLERGLAUBE / FUER GRAFEN UND BARONE das Christentum / Eine Baumkrankheit von der Wurzel her". Dies kann auf Mommsens Vorwurf zurückgeführt werden, das Christentum habe die Umbruchsstimmung in der römischen Kaiserzeit zur Konstituierung eigener Machtstrukturen missbraucht.
Die "zwölf Apostel zwölf Geheimagenten" agierten versteckt und bedienten sich der zeitgenössischen Diskurse, um ihre Lehre zu verbreiten. Dem "Verräter, der den Gottesbeweis liefert", können die Figuren des Judas Iskariot und des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske zugrundeliegen.
Paulus und Noske: Depotenzierung revolutionärer Kraft
Saulus, der zu den energischsten Verfolgern der jungen christlichen Gemeinschaft zählte, wurde nach seinem Sturz vom Pferd und seiner Bekehrung zu Paulus zum zentralen Koordinator der Institutionalisierung. Als "depotenzierte Kraft", die sich einer Zähmung unterworfen hat, ist Paulus nicht mehr an einer radikalen Veränderung der Verhältnisse interessiert.
Noske organisierte als Volksbeauftragter und Reichswehrminister die repressive Niederschlagung der sozialistischen Aufstände zu Beginn der Weimarer Republik. Ihm wird die Äußerung zugeschrieben: "Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht."
Paulus und Noske können als Personifikationen der Depotenzierung revolutionärer Kraft bezeichnet werden, da sie den Elan junger und radikaler Bewegungen zugunsten eines Denkens in Hierarchie und Integration gebrochen haben.
Petrus und Stalin
"Ein Polizeispitzel der erste Papst" spielt auf die Verleugnung von Simon Petrus wie von Stalin an. Beiden kann die Rolle "Papst" zugeschrieben werden, da sich mit beiden Personen Merkmale wie Autorität, Macht und Personenkult verbinden.
Simon Petrus beginnt sein Papstamt mit einer Verleugnung, da er seinen Freund Jesus in der Stunde der Gefahr dreimal verleugnet. Die Parallele zu Stalin verweist auf den Verrat sozialistischer Ideale durch deren institutionelle Waechter.
Johannes auf Patmos: Der Widerständige
Nur Johannes auf Patmos erscheint als widerständige Figur: "Nur Johannes auf Patmos im Drogenqualm / Der Ketzer der Totenführer der Terrorist / Hat das Neue Tier gesehn das heraufkommt".
Johannes ist durch die Lexeme "Ketzer", "Totenführer" und "Terrorist" in dreifacher Weise mit Qualitäten ausgestattet, die eine Praxis der Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen der destruktiven gesellschaftlichen Bewegung bezeichnen.
Die Spannung zwischen dem Sehen des Johannes und der Gefahr des "Neün Tieres" ist als der entscheidende Widerspruch zwischen dem erkennenden Sehen der Gewaltgeschichte und dem Anerkennen dieser Geschichte als wahre Geschichte zu lesen.
Fazit: Geschichtsschreibung als Dilemma
Müllers "Mommsens Block" thematisiert das fundamentale Dilemma der Geschichtsschreibung. Die Geschichte, verstanden als Entwicklung humanen Daseins für alle, hat nicht stattgefunden. Schreibhemmung und intellektülle Produktionsverweigerung erscheinen als Ausdruck dieser Enttäuschung.
Der nie erschienene vierte Band von Mommsens "Römischer Geschichte" über die Kaiserzeit wird zum Symbol für das Unschreibbare: eine Geschichte, die als Kontinuum anhaltender Katastrophen keine progressive Erzählung erlaubt.
Dennoch bleibt das Schreiben notwendig - "für die Toten", die ohne die Arbeit der Lebenden nicht zur Ruhe kommen können. Die ästhetische Spannung des Textes liegt nicht im Gegensatz von ruinoeser Geschichte und deren leidenschaftsloser historiographischer Tradierung, sondern in der Frage nach der Erkenn- und Veränderbarkeit dieser gehemmten geschichtlichen Bewegung.