Pierre Bourdieu und die Kultursoziologie
Grundbegriffe und ihre Bedeutung für die Literaturwissenschaft
Pierre Bourdieu (1930-2002) war der wohl bekannteste und meistdiskutierte französische Intellektülle nach dem Tod Sartres. Am 1. August 1930 in einem kleinen südfranzösischen Dorf in den Pyrenäen geboren, wuchs er als Sohn eines kleinen Beamten auf. Sein Bildungsweg führte ihn über das Elitegymnasium "Louis le Grand" und die Elitehochschule "Ecole Normale Superieure" bis zum berühmten College de France in Paris, wo er seit 1981 Lehrstuhlinhaber für Soziologie war.
In über dreißig Büchern beschäftigte er sich mit Fragen der Herrschaftspraxis, des Bildungssystems, der Kulturstrategie und der gesellschaftlichen Elitebildung. Sein wohl bekanntestes Buch ist die 1979 erschienene Studie "La distinction" (deutsch: "Die feinen Unterschiede", 1984). Mit seinen Büchern "Zur Soziologie der symbolischen Formen" und "Die Regeln der Kunst" wirkte er belebend auf die Literaturwissenschaft ein.
Der Begriff des Habitus
Der Bourdieu'sche Habitus-Begriff ist einer der vier Zentralbegriffe, in deren Dimension sich moderne Gesellschaften strukturieren. In scharfer Zurückweisung eines totalen "Strukturrealismus" unterstreicht Bourdieu die fundamentale und letztlich realitätskonstituierende Bedeutung des personalen Faktors.
Der Habitus ist ein "System der organischen oder mentalen Dispositionen und der unbewussten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata". Als "geometrischer Ort der Determinismen und Entscheidungen" verspricht der Habitusbegriff eine Überwindung langgeübter Dichotomisierung von Individuum und Struktur.
Der Habitus ist sowohl "strukturierte Struktur" (opus operatum) als auch "strukturierende Struktur" (opus operandi): Er wird durch die sozialen Verhältnisse geprägt und bringt zugleich sozial strukturierte Praxisformen hervor.
Der Begriff des Kapitals
In Erweiterung des Marxschen Kapitalbegriffs fasst Bourdieu "Kapital" als gesellschaftlichen Ressourcenbegriff, der über das enge ökonomische Verständnis hinausgeht und "soziales", "kulturelles" und "symbolisches" Kapital integriert.
Kulturelles Kapital
Innerhalb des Sektors "kulturelles Kapital" unterscheidet Bourdieu drei Erscheinungsweisen:
- Inkorporiertes Kulturkapital: Kognitive Kompetenz und ästhetischer Geschmack als Produkt der Sozialisation - "aus 'Haben' ist 'Sein' geworden".
- Objektiviertes Kulturkapital: Die Gesamtheit kulturellen Wissens und der Kulturgüter.
- Institutionalisiertes Kulturkapital: Das Bildungssystem, das über Nobilitierungskompetenzen verfügt und kulturelle Aneignung mit Titeln belohnt.
Symbolisches Kapital
Symbolisches Kapital weist auf das Feld der sozialen Wahrnehmung und verschafft sich Ausdruck durch Kleidung, Sprachverwendung und vor allem den "Lebensstil" - sozial distinkte Varianten kultureller Praktiken, die als "kultureller Einsatz im Konkurrenzkampf um soziale Vorteile" fungieren.
Der Begriff des Feldes
Die Kategorie des "Feldes" bezeichnet die Herausbildung und Autonomisierung einzelner Handlungsbereiche (Religion, Kunst, Wirtschaft, Politik, Recht, Literatur). Innerhalb eines Feldes beziehen sich die einzelnen Akteure durch die Art ihrer Praxis aufeinander, mittels der Verfügung über verschiedene "Kapitalsorten".
Das literarische Feld
Besondere Aufmerksamkeit widmet Bourdieu der Analyse des "literarischen Feldes", das für ihn einen der wichtigsten, durch relative Autonomie bestimmten sozialen Räume objektiver Beziehungen darstellt.
Im Verhältnis zu den Feldern ökonomischer und politischer Macht nimmt das literarische Feld eine Position des Beherrschtseins ein, obgleich es selbst als praktizierte kulturelle Herrschaft gesellschaftliche Macht mitkonstituiert. Wie in jedem Feld geht es auch im literarischen Feld um Machtgewinn und Machterhaltung - speziell um die Partizipation an der symbolischen Macht.
Bedeutung für die Literaturwissenschaft
Bourdieus Konzepte erlauben eine soziologisch fundierte Analyse literarischer Produktion und Rezeption, die weder in reiner Werkimmanenz verharrt noch Literatur auf bloße Widerspiegelung sozialer Verhältnisse reduziert. Die Begriffe des Habitus, der Kapitalsorten und des Feldes ermöglichen es, die komplexen Beziehungen zwischen Autoren, Verlagen, Kritik und Publikum zu erfassen.