News aus der Literatur- und Verlagsszene
Berichte und Meldungen aus dem Jahr 2002
Hinweis
Die folgenden Texte stammen aus dem Jahr 2002 und wurden für das Archiv aufbereitet. Einige der genannten Links und Verweise sind möglicherweise nicht mehr aktüll.
Welttag des Buches am 23. April 2002
Am 23. April wurde wieder der "Welttag des Buches" begangen, der seit November 1995 von der UNESCO festgelegt ist. In Großbritannien hatte man den Lesetag bereits am 14. März gefeiert. Ziel dieser Initiative ist es, das wohl wichtigste Kulturgut der Menschheit gebührend zu würdigen und die Freude am Lesen zu fördern.
Allein in Deutschland beteiligten sich rund 4.000 Buchhandlungen und Verlage an den Feierlichkeiten, über eine Million Besucher wurden gezählt. Autorenlesungen, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen sowie Film- und Musikveranstaltungen lockten in allen größeren Städten Literaturfans an.
Der 23. April wurde nicht ohne Grund gewählt: An diesem Tag starben im Jahr 1616 sowohl der große spanische Dichter Miguel de Cervantes Saavedra als auch William Shakespeare.
(TourLiteratur 1 / April 2002)
Criminale 2002 in München
Unter dem Motto "Spurensuche an der Isar" fand in München das größte Krimi-Festival des deutschsprachigen Raums statt. Die Veranstaltung wurde von der Krimiautoren-Vereinigung "Das Syndikat - Förderverein für Kriminalliteratur e.V." organisiert und brachte Verleger, Kritiker, Buchhändler und Autoren zum Gedankenaustausch zusammen.
Ein besonderer Höhepunkt war die "Nonstop Crime", die als "längste Krimilesung der Welt" über 100 Krimiautoren vereinte. Unter den Teilnehmern befanden sich bekannte Namen wie Ingrid Noll, Faye Kellerman, Hans Eckert, Friedrich Ani und Regula Fenske.
Friedrich-Glauser-Preise 2002
Am 20. April wurden die Friedrich-Glauser-Preise verliehen:
- Roman: Thomas Glavinic für "Der Kameramörder" (Volk & Welt) - dotiert mit 5.000 Euro
- Kurzkrimi: Nessa Altura für "Der Burschl aus Tirol" (Vertigo Verlag)
- Debüt: Christoph Spielberg für "Die russische Spende" (Piper Verlag) - 1.500 Euro
- Kinder- und Jugendkrimi "Martin": Lilli Thal für "Kommissar Pillermeier und die falschen Weihnachtsmänner" (Rowohlt) - 2.500 Euro
- Ehrenglauser: Gerhard Neumann für sein Lebenswerk
Die nächsten Veranstaltungsorte standen bereits fest: 2003 der Westerwald, 2004 Duisburg und der Niederrhein, 2005 das Saürland, 2006 Koblenz und 2007 Eisenach.
(TourLiteratur 2 / Mai 2002)
PEN-Ausschluss: Erich Köhler
Der 73-jährige Schriftsteller Erich Köhler wurde aufgrund seiner früheren Tätigkeit für die Staatssicherheit der DDR aus der deutschen Schriftstellervereinigung P.E.N. ausgeschlossen. Die Entscheidung gab der neue P.E.N.-Präsident Johano Strasser auf der Jahrestagung in Darmstadt bekannt.
Es sei nachgewiesen worden, dass Köhler über Jahre hinweg Autorenkollegen, darunter Klaus Schlesinger, bespitzelt und Informationen an die DDR-Staatssicherheit weitergeleitet habe.
Erich Köhler, geboren am 28. Dezember 1928 im böhmischen Karlsbad, hatte zunächst als Genossenschaftsbaür und Bergmann gearbeitet, bevor er von 1958 bis 1961 das Johannes-R.-Becher-Literaturinstitut in Leipzig besuchte. Seit 1956 veröffentlichte er zahlreiche Dramen und Prosabände, die vorwiegend im landwirtschaftlichen Milieu angesiedelt waren. Besonders seine 1970 entstandene Erzählung "Der Krott" (1976 im Berliner Rotbuch Verlag erschienen) wurde von der westdeutschen Kritik gelobt.
(TourLiteratur 2 / Mai 2002)
Hebel-Preis für Markus Werner
Der Schweizer Schriftsteller Markus Werner wurde mit dem Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Die mit 10.000 Euro dotierte Ehrung wurde am 10. Mai, dem Geburtstag Johann Peter Hebels, in Hausen im Wiesental verliehen.
Der 1944 im schweizerischen Eschlikon (Kanton Thurgau) geborene und promovierte Germanist debütierte 1984 mit dem viel gelobten Roman "Zündels Abgang". Es folgten "Froschnacht" (1985), "Bis bald" (1992), "Festland" (1996) und "Der ägyptische Heinrich" (1999). Werner war 1999 mit dem Hermann-Hesse-Preis und 2000 mit dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet worden.
Der Literaturkritiker Hubert Winkels charakterisierte Werners typische Protagonisten in der ZEIT (Nr. 35 vom 21. August 1992) so: "Alle Helden Werners sind an Leib und Seele beschädigt. Leidend und aufbegehrend stürzen sie sich in sämtliche Schmutzritzen der Gesellschaft. Aber sie wissen auch um ihre Besonderheit: Das Häufchen Elend, das sie sind, ist eines der authentischen Art."
Der Johann-Peter-Hebel-Preis wird seit 1936 alle zwei Jahre verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern zählten unter anderem Otto Flake (1954), der Philosoph Martin Heidegger (1960), Marie Luise Kaschnitz (1970), der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti (1980) und Peter Bichsel (1986).
(TourLiteratur 2 / Mai 2002)
Göthepreis für Reich-Ranicki
Marcel Reich-Ranicki, als "Literaturpapst" bekannt geworden, erhielt den Göthepreis 2002 der Stadt Frankfurt am Main. Er wurde für sein Lebenswerk als "profiliertester deutscher Kritiker" geehrt, der es verstanden habe, breite Bevölkerungsschichten für das literarische Geschehen zu interessieren.
Die Auszeichnung wurde am 28. August, dem Geburtstag Göthes, in der Frankfurter Paulskirche verliehen. Die Laudatio hielt Peter von Matt.
Reich-Ranicki, geboren am 2. Juni 1920 in Wloclawek (Polen), kam 1929 mit seiner Familie nach Berlin. Nach der Deportation und dem Überleben im Warschaür Ghetto arbeitete er zunächst im polnischen Außenministerium, später als Lektor in einem Warschaür Verlag. 1958 reiste er in die Bundesrepublik ein. Von 1960 bis 1973 wirkte er als Literaturkritiker bei der ZEIT, danach leitete er bis 1988 die Literaturredaktion der FAZ. Seine Fernsehsendung "Das literarische Quartett" (ZDF, 1988-2001) machte ihn einem breiten Publikum bekannt.
In einem Spiegel-Interview aus dem Jahr 1989 formulierte er: "Die wichtigste Aufgabe der Kritik ist, dafür zu sorgen, dass Literatur ins Gespräch kommt und im Gespräch bleibt. Darauf kommt es an: Literatur zu einer öffentlichen Sache zu machen."
Der Göthepreis wird seit 1927 verliehen. Erster Preisträger war der Dichter Stefan George, es folgten unter anderem Sigmund Freud (1930), Thomas Mann (1949), Arno Schmidt (1973), Ernst Jünger (1982) und Siegfried Lenz (1999).
(TourLiteratur 2 / Mai 2002)
Neür P.E.N.-Präsident: Johano Strasser
Der Schriftsteller und Publizist Johano Strasser wurde am 26. April 2002 auf der P.E.N.-Jahrestagung in Darmstadt zum neün Präsidenten des deutschen P.E.N.-Zentrums gewählt. Er folgte auf den Exiliraner Said, der aus persönlichen Gründen nicht mehr kandidierte. Neür Generalsekretär wurde der Kritiker Wilfried Schöller.
Strasser, geboren am 1. Mai 1939 im niederländischen Leeuwarden, studierte in Mainz Philosophie und habilitierte sich 1977 an der FU Berlin in Politikwissenschaft. Von 1971 bis 1975 war er stellvertretender Vorsitzender der Jungsozialisten. Seit 1995 hatte er als Generalsekretär des deutschen P.E.N. gewirkt.
Innerhalb des P.E.N. engagierte sich Strasser besonders in den Programmen "Writers in Exile" und "Writers in Prison", mit denen auf das Schicksal verfolgter und inhaftierter Schriftsteller aufmerksam gemacht wird. Im Jahr 2001 waren weltweit über 100 Autoren verurteilt und 27 hingerichtet worden.
Die Mitbegründerin der Aktion "Writers in Exile", die Übersetzerin Elsbeth Wolffheim, war in der Nacht vor der Wahl überraschend verstorben.
(TourLiteratur 2 / Mai 2002)
Projekt Gutenberg-DE wieder online
Nach 16 Tagen Abwesenheit vom Netz war das "Projekt Gutenberg-DE" ab dem 28. März 2002 wieder erreichbar. Am 12. März hatte AOL die große Online-Textsammlung aus "technischen Gründen" vom Netz genommen - über 250.000 Textseiten von mehr als 1.000 Autoren waren mit einem Schlag nicht mehr zugänglich gewesen.
Neür Kooperationspartner wurde "Spiegel online", der den umfangreichen Textbestand in sein Internetangebot integrierte. Das Projekt verzeichnete bis dahin über drei Millionen Textabrufe pro Monat und gilt als beispiellos für den deutschsprachigen Raum.
(TourLiteratur 2 / Mai 2002)