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Rezensionen > Henke, Susanne: Finderlohn

Wenn der Kopf aber nun ein Loch hat
oder Susanne Henkes hintersinnige Histörchen aus Hamburg

Susanne Henke: Finderlohn und andere Stories.
Norderstedt: Books on Demand GmbH 2006.
ISBN 978-3-8334-6536-9
88 Seiten.
EURO 8,80


Warum erscheint Neues von Susanne Henke immer kurz vor Weihnachten? Ein Verkaufstrick? Die Hoffnung auf richtig mieses, also Lesewetter? Das hätte dann in diesem Jahr nicht geklappt, denn während der Rezensent sich die 13 Geschichten durchlas, holte er nebenbei die T-Shirts wieder aus dem Schrank. Und dachte: Irgendwas stimmt nicht. Nicht mit dem Wetter und auch nicht mit dem ersten Satz. Da fehlt ein Komma oder so. Auf jeden Fall ist die Konstruktion grammatikalisch fragwürdig. Oh Gott, wenn das so weitergeht. Ging es aber nicht - zum Glück. Einmal drin in den Histörchen, wusste ich mich gut zu amüsieren, schmunzelte vergnügt und benahm mich ganz wie einer, der in der warmen Stube sitzt, kariertes Plaid überm Schoß und einen steifen Grog in Reichweite. Ein Genrebild aus vergangenen Zeiten (und Wintern), denn in Wahrheit saß ich natürlich längst in einem Biergarten, nickte meinem Tischnachbarn freundlich zu und sprach in dessen verdrossene Miene hinein: "Warum so mürrisch, junger Mann? Lesen Sie doch Henke, das hebt."

Doch nun Schluss mit den Geschichten. Schauen wir mal genauer hin. Einem Immobilienmenschen, der sich schon darauf gefreut hatte, der Nachfolger seines Chefs zu werden, wird plötzlich Konkurrenz vor die Nase gesetzt. Und die ist so beschaffen, dass seine Chancen auf den lukrativen Posten rapide sinken. Da kann er sich doch nur diebisch freuen, wenn ihm der pure Zufall einen Liebesbrief zuweht, aus dem hervorgeht, dass die Konkurrenz stockschwul ist, des Chefs Töchterchen also gar nicht ehelichen will, sondern nur um der schnellen Karriere willen blufft. Oder: Im Kampf um die so begehrten WM-Tickets seligen Angedenkens treten zwei Männer gegeneinander an, die erst Nachwuchs zu zeugen haben, bevor sie dem Nationalteam zujubeln dürfen (Hat nicht Harald Schmidt einst WM-Karten an Schwangere verteilt?). Allein das eine Paar hat sich auf Kinderlosigkeit geeinigt, was ihn dazu zwingt, seine Partnerin mehrmals böse hinters Licht zu führen. Das klappt ganz gut, aber Schweini und Co. sieht er am Ende trotzdem nicht. Und letztes Beispiel: Eine allein gelassene Frau hört Geräusche im Haus. Zum Glück hat sie sich einen Revolver besorgt. So kann sie sich wehren, während der Mann Überstunden macht. Am Ende liegt tatsächlich ein Toter auf dem Parkett. Ob es der Einbrecher ist, bezweifelt jeder, der Susanne Henke kennt.

Denn genauso funktionieren die besten Geschichten dieser Autorin. Hintersinnig und keineswegs an dem Punkt endend, bis zu dem wir sie eben erzählt haben. Denn da gibt es stets noch eine Pointe hinter der Pointe. Da kippt das große Glück plötzlich wieder. Aus eben noch lauthals Triumphierenden werden Verlierer. Und der erschwindelte Gewinn zerrinnt zwischen gierigen Fingern.

Nicht ganz so gut ist sie, wenn sie ihrem lobenswerten sozialkritischen Impetus allzu deutlich die Zügel schießen lässt. Dann weiß man zwar trotzdem, was Sache ist, und Witz hat das auch durchaus, aber der Schluss von Geschichten wie "Geschätzte Schätze" ist mir dennoch zu glatt, zu demonstrativ, ja, zu konstruiert in seinem überdeutlichen Gegenüber von Oben und Unten, Werbeparadies und Pennerhölle, alles Erscheinungen, die unsere Gesellschaft sicher in zunehmender Schärfe kennzeichnen, die sich aber auf den fünf, sechs oder sieben Seiten einer Kurzgeschichte wirklich nicht erschöpfend behandeln lassen.

Alles in allem erreicht Susanne Henkes zweiter Band mit Kurzprosa durchaus die Qualität des ersten, der vor Jahresfrist unter dem Titel "Bissige Stories für boshafte Leser" erschien. Besser gebändigt erscheint die Form, Satz 1, auf den wir oben anspielten, stellt tatsächlich nur eine Ausnahme dar und auch, dass ein Rettungswagen neben drei Feuerlöschzügen "zerbechlich" (S. 80) wirkt, überzeugt mich sprachlich wenig. Doch schön und gerecht sind die Niederlagen, die jene erleiden, die sich schon erhaben - wenn nicht gar erhoben - über andere fühlen, hämisch deren bald folgendes Unglück im Kopf antizipieren, während sie ihrem eigenen Schicksal gegenüber vollkommen blind sind. Kann bzw. darf man Gleiches mit Gleichem vergelten? Susanne Henkes Stories sagen: Ja. Und irgendwie menschlich ist das auch. Allein niemand kommt damit durch, stets folgt die Strafe auf dem Fuße.

Übrigens: Die Miene des Verdrossenen im Biergarten - siehe oben, Abschnitt zwei - hat sich dann schließlich doch noch aufgehellt. Ich habe ihm nämlich - er tat mir Leid - Susanne Henkes beste Geschichte - "Notwehr" - zu lesen gegeben. Da war er ganz beglückt, stand auf und ging davon in Richtung Hugendubel. Und in den warmen Spätnovembernachmittag hinein.

Dietmar Jacobsen

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Homepage des Autors Dietmar Jacobsen:
www.text-und-web.de

Buchcover: © Books on Demand, Norderstedt

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