Amy Tan: Das Tuschezeichen
Eine literarische Reise zwischen zwei Welten
Buchdetails
- Autorin: Amy Tan
- Titel: Das Tuschezeichen
- Verlag: Goldmann Verlag, München 2003
- Übersetzung: Elke Link
- Umfang: 448 Seiten
Amy Tans Roman verbindet auf fesselnde Weise zwei grundverschiedene Welten miteinander. Die Autorin erzählt von der Vergangenheit in China zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart im modernen Amerika. Dabei gelingt es ihr, kulturelle Unterschiede und generationenübergreifende Konflikte mit grosser Sensibilität darzustellen.
Handlung und Aufbau
Die 46-jährige Ruth lebt als Halbchinesin in San Francisco. Ihre Mutter Lu Ling zog sie nach dem frühen Tod des Vaters allein gross. Ruth arbeitet als Co-Autorin für Ratgeberliteratur und führt ein geordnetes Leben mit ihrem Partner Art und dessen beiden Töchtern.
Eines Tages findet Ruth alte chinesische Aufzeichnungen ihrer Mutter. Diese Memoiren öffnen ihr ein Fenster in eine fremde Welt. Als bei Lu Ling eine Demenzerkrankung diagnostiziert wird, beschliesst Ruth, die Texte übersetzen zu lassen. Was sie dabei erfährt, verändert ihr Verständnis für die eigene Familiengeschichte grundlegend.
Der Roman pendelt zwischen zwei Zeitebenen. Die Gegenwartshandlung in Amerika zeigt Ruths Alltag mit seinen Beziehungsproblemen und der Sorge um die altersschwache Mutter. Die Vergangenheitsebene führt in ein chinesisches Dorf, in dem Lu Lings Familie seit Generationen Tusche herstellt. Dort wuchs Lu Ling unter der Obhut eines Kindermaedchens auf, dessen tragische Lebensgeschichte erst nach und nach ans Licht kommt.
Themen und Motive
Das Tuschezeichen behandelt zeitlose Fragen nach Identität und Herkunft. Die Protagonistin steht zwischen zwei Kulturen und muss ihren eigenen Platz finden. Die komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung bildet dabei den emotionalen Kern des Romans.
Tan thematisiert auch die Schwierigkeiten der Immigration. Lu Lings gebrochenes Englisch sorgt für komische Momente, verweist aber zugleich auf die Kluft zwischen den Generationen. Die Mutter blieb ihrer chinesischen Herkunft verhaftet, während die Tochter vollständig in der amerikanischen Kultur aufging.
Ein weiteres zentrales Thema ist das Erinnern und Vergessen. Die fortschreitende Demenz der Mutter macht die Rekonstruktion der Familiengeschichte zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Gleichzeitig zeigt der Roman, wie verdrängte Geheimnisse über Generationen hinweg wirken können.
Stilistische Besonderheiten
Amy Tan gelingt es, die unterschiedlichen Welten auch sprachlich voneinander abzugrenzen. Die Passagen über das alte China sind poetisch gefärbt und vermitteln ein Gefühl für die fremde Kultur. Die Gegenwartsszenen in Amerika sind dagegen nüchtern und alltagsnah gehalten.
Die Autorin verarbeitet in diesem Werk autobiografische Erfahrungen. Wie ihre Protagonistin hat auch Tan eine chinesische Mutter, deren Geschichte sie literarisch aufarbeitete. Diese persönliche Verbundenheit verleiht dem Roman eine besondere Authentizität.
Einschätzung
Der Roman besticht durch seine atmosphaerische Dichte und die einfühlsame Charakterzeichnung. Die Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart ist geschickt komponiert und hält die Spannung über die gesamte Erzählung aufrecht.
Ein kritischer Einwand betrifft die Dramaturgie. Der Text verzichtet auf einen klassischen Höhepunkt, was manche Leser als Schwaeche empfinden mögen. Dennoch überwiegen die Stärken des Romans deutlich. Wer sich für interkulturelle Familiengeschichten und die Auseinandersetzung mit kultureller Identität interessiert, wird in diesem Buch eine lohnende Lektuere finden.
Zur Autorin
Amy Tan wurde 1952 in Oakland, Kalifornien, als Tochter chinesischer Einwanderer geboren. Ihren literarischen Durchbruch erzielte sie 1989 mit dem Roman "The Joy Luck Club", der auch erfolgreich verfilmt wurde. In ihren Werken setzt sie sich immer wieder mit dem Spannungsfeld zwischen chinesischer Tradition und amerikanischer Gegenwart auseinander.