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Autorenportrait

Wolfgang Hilbig

Dichter der ostdeutschen Nachtseite

Zuletzt aktualisiert: 11.04.2024

Portrait eines ostdeutschen Dichters vor industrieller Kulisse
Wolfgang Hilbig: Poet der Arbeitswelt

Auf einen Blick

  • Geboren: 31. August 1941 in Meuselwitz, Thüringen
  • Gestorben: 2. Juni 2007 in Berlin
  • Beruf: Schriftsteller, Lyriker
  • Bekannt für: Ich, Das Provisorium, Eine Übertragung
  • Auszeichnungen: Georg-Büchner-Preis 2002

Wolfgang Hilbig zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit. Sein Werk ist geprägt von einer dunklen, bildgewaltigen Sprache, die das Leben in der DDR ebenso eindringlich schildert wie die existenzielle Erfahrung des Schreibens selbst. Als Autodidakt aus der Arbeiterklasse schuf er eine einzigartige literarische Stimme.

Seine Texte führen in die Unterwelt der ostdeutschen Industrielandschaft: Braunkohlegruben, verlassene Fabrikhallen, nächtliche Hinterhöfe. In dieser Schattenwelt bewegen sich seine Protagonisten als Aussenseiter und Beobachter. Hilbigs Prosa vereint das Erbe der deutschen Romantik mit den Abgründen der DDR-Realität.

Herkunft und frühe Jahre

Wolfgang Hilbig wurde 1941 in Meuselwitz bei Altenburg geboren, einer Kleinstadt im thüringischen Braunkohlerevier. Der Vater fiel im Zweiten Weltkrieg. Die Mutter arbeitete in einer Fabrik. Der Grossvater, ein Bergmann, übernahm einen Teil der Erziehung und prägte den Jungen mit Erzählungen aus der Arbeitswelt.

Nach der Schule begann Hilbig eine Lehre als Bohrwerksdreher. Anschliessend arbeitete er in verschiedenen Berufen: als Heizer, Werkzeugmacher und Hilfsarbeiter in den Braunkohlegruben seiner Heimat. Diese Erfahrungen sollten später zum Grundmaterial seiner Literatur werden.

Früh begann er zu schreiben, heimlich und ohne Aussicht auf Veröffentlichung. Seine ersten Gedichte entstanden in den sechziger Jahren. In der DDR fand er keinen Verlag. Die staatlichen Kulturbehörden betrachteten den Aussenseiter mit Misstraün.

Durchbruch im Westen

1979 erschien Hilbigs erster Gedichtband "abwesenheit" im Frankfurter S. Fischer Verlag. Die Veröffentlichung im Westen brachte ihm in der DDR erhebliche Schwierigkeiten ein. Er wurde verhört, bespitzelt und unter Druck gesetzt. Mehrere Jahre stand er unter intensiver Beobachtung der Staatssicherheit.

Dennoch setzte er sein Schreiben fort. 1983 erschien die Erzählung "Die Weiber". 1985 folgte "Unterm Neomond", eine Sammlung von Prosatexten. Diese frühen Arbeiten zeigen bereits die charakteristischen Merkmale seines Stils: eine rhythmisch verdichtete Prosa, die zwischen Innen- und Aussenwelt oszilliert.

1985 erhielt Hilbig ein Visum zur Ausreise in die Bundesrepublik. Er lebte fortan zwischen Ost und West, pendelte zwischen Edenkoben in der Pfalz und seiner Heimatstadt. Diese Zwischenexistenz wurde zum Thema seines späten Werks.

Der Roman "Ich"

1993 erschien Hilbigs bedeutendster Roman: "Ich". Das Buch schildert das Doppelleben eines Schriftstellers, der als inoffizieller Mitarbeiter für die Staatssicherheit arbeitet. Die Hauptfigur, ein Heizer namens W., wird von der Stasi als Spitzel in der Literatenszene eingesetzt.

Der Roman verhandelt grundlegende Fragen nach Identität und Selbstentfremdung. Wer ist das Ich, das spricht? Der Autor, der Spitzel, die literarische Figur? Hilbig löst diese Ebenen nicht auf, sondern verwickelt sie ineinander. Das Ergebnis ist ein beklemmendes Zeugnis über die Deformation des Individuums im Ueberwachungsstaat.

Die Literaturkritik feierte "Ich" als herausragendes Werk der deutschen Gegenwartsliteratur. Der Roman steht in der Tradition des romantischen Künstlerromans, führt diese Tradition aber in die spezifisch ostdeutsche Moderne.

Das Provisorium und späte Werke

Im Jahr 2000 erschien "Das Provisorium". Der Roman schildert die Erfahrung eines ostdeutschen Schriftstellers im Westen: die Fremdheit, den Alkohol, die gescheiterten Beziehungen. Die Hauptfigur C. lebt in einem permanenten Ausnahmezustand, unfähig zur Ankunft in der neün Heimat.

Das Buch ist eine schonungslose Abrechnung mit dem eigenen Leben. Hilbig beschreibt den Schriftsteller als jemanden, der zwischen den Welten hängengeblieben ist. Der Fall der Maür hat die innere Spaltung nicht geheilt, sondern vertieft.

2002 erschien "Das Meer in Sachsen", eine Sammlung von Erzählungen. 2008, posthum, wurde der Roman "Das Geschlecht der Hausmaus" veröffentlicht. Diese Texte vertiefen die Themen des früheren Werks: die Industrielandschaft der Kindheit, die Schrecken des Schreibens, die Unmöglickeit der Erinnerung.

Lyrik und Poetik

Neben der Prosa schuf Hilbig ein bedeutendes lyrisches Werk. Seine Gedichte sind dunkel, bildreich und von hoher sprachlicher Verdichtung. Sie kreisen um Motive des Verfalls, der Nacht, der unterirdischen Welten. Die Tradition der deutschen Romantik, insbesondere Novalis, ist deutlich spürbar.

In pötologischen Texten hat Hilbig sein Verständnis von Literatur erläutert. Schreiben bedeutet für ihn das Eindringen in Bereiche jenseits der sichtbaren Wirklichkeit. Der Schriftsteller ist ein Grenzgänger, der zwischen Tag und Nacht, Bewusstsein und Traum vermittelt.

Seine Gedichtbände "abwesenheit" (1979) und "die versprengung" (1986) zählen zu den wichtigsten lyrischen Werken der DDR-Literatur. Der Band "Bilder vom Erzählen" (2001) dokumentiert die enge Verbindung zwischen seiner Lyrik und Prosa.

Auszeichnungen und Würdigung

Wolfgang Hilbig erhielt zahlreiche Literaturpreise. Die wichtigsten sind:

  • 1983: Bremer Literaturpreis
  • 1989: Ingeborg-Bachmann-Preis
  • 1994: Berliner Literaturpreis
  • 1996: Lessing-Preis des Freistaates Sachsen
  • 2002: Georg-Büchner-Preis
  • 2002: Peter-Huchel-Preis

Die Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2002 war die höchste Anerkennung seines Schaffens. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung würdigte ihn als Dichter, der "die deutsche Sprache um neue Ausdrucksmöglichkeiten bereichert" habe.

Wichtige Werke

  • "abwesenheit" (Gedichte), 1979
  • "Unterm Neomond" (Erzählungen), 1982
  • "Die Weiber" (Erzählung), 1983
  • "die versprengung" (Gedichte), 1986
  • "Eine Übertragung" (Roman), 1989
  • "Alte Abdeckerei" (Erzählungen), 1991
  • "Ich" (Roman), 1993
  • "Die Kunde von den Bäumen" (Erzählung), 1994
  • "Das Provisorium" (Roman), 2000
  • "Bilder vom Erzählen" (Gedichte), 2001
  • "Das Meer in Sachsen" (Erzählungen), 2002