Thomas Mann
Der Meister der deutschen Erzählkunst
Auf einen Blick
- Geboren: 6. Juni 1875 in Lübeck
- Gestorben: 12. August 1955 in Zürich
- Beruf: Schriftsteller, Essayist
- Bekannt für: Buddenbrooks, Der Zauberberg, Doktor Faustus
- Auszeichnung: Nobelpreis für Literatur 1929
Thomas Mann gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der deutschen Literatur. Sein Werk verbindet die Erzähltradition des 19. Jahrhunderts mit den intellektüllen Strömungen der Moderne. Als scharfsinniger Analytiker des Bürgertums und seiner Verfallserscheinungen schuf er monumentale Romane, die bis heute zum Kanon der Weltliteratur zählen.
Sein Schreiben war geprägt von der Spannung zwischen Künstlertum und Bürgerlichkeit, zwischen Geist und Leben. Diese Grundspannung durchzieht sein gesamtes Werk und macht es zu einem einzigartigen Dokument der kulturellen Selbstreflexion des 20. Jahrhunderts.
Herkunft und Jugend in Luebeck
Thomas Mann wurde am 6. Juni 1875 als zweiter Sohn des Kaufmanns und Senators Thomas Johann Heinrich Mann und seiner Frau Julia, geborene da Silva-Bruhns, in Lübeck geboren. Die Familie gehörte zur angesehenen Kaufmannschaft der Hansestadt. Der Vater führte eine Getreidehandlung, die seit Generationen im Familienbesitz war.
Die Mutter stammte aus einer deutsch-brasilianischen Familie und brachte ein künstlerisches Element in die nüchtterne Kaufmannswelt. Diese Verbindung von hanseatischer Bürgerlichkeit und südländischer Kunstsinnigkeit pragte Thomas Mann nachhaltig. Er selbst sah darin den Ursprung seines lebenslangen Themas: den Gegensatz zwischen bürgerlicher Ordnung und künstlerischer Existenz.
Die Schulzeit in Lübeck verlief wenig glänzvoll. Der junge Thomas zeigte kaum Interesse an den Unterrichtsfaechern und musste mehrere Klassen wiederholen. Stattdessen widmete er sich früh dem Schreiben und gründete zusammen mit Mitschuelern eine Literaturzeitschrift namens "Der Frühlingssturm".
Der Weg zum Schriftsteller
Nach dem Tod des Vaters 1891 wurde die Firma aufgelöst. Die Familie zog 1893 nach München, wo Thomas Mann zunächst als Volontär bei einer Feürversicherung arbeitete. Diese kaufmännische Tätigkeit brach er jedoch bald ab, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.
Er hörte Vorlesungen an der Technischen Hochschule und begann, erste Erzählungen zu veröffentlichen. 1896 unternahm er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Heinrich eine ausgedehnte Italienreise. In Rom begann er mit der Arbeit an seinem ersten Roman, der ihn beruehmt machen sollte.
1898 erschien sein erster Erzählungsband "Der kleine Herr Friedemann". Die Geschichten zeigten bereits die typischen Merkmale seines Schreibens: psychologische Schärfe, ironische Distanz und eine meisterhafte Beherrschung der deutschen Prosa.
Buddenbrooks - Der Durchbruch
1901 erschien der Roman "Buddenbrooks. Verfall einer Familie" im S. Fischer Verlag. Das Werk schildert den Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie über vier Generationen. Was als Familienchronik beginnt, wird zur umfassenden Diagnose einer Epoche.
Der Roman verarbeitet Elemente der eigenen Familiengeschichte, ohne blosse Autobiographie zu sein. Mann analysiert den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Niedergang und zunehmender Verfeinerung, zwischen Lebensschwaeche und künstlerischer Sensibilität. Der letzte Buddenbrook, der musikalisch hochbegabte Hanno, stirbt an Typhus - oder, wie der Erzähler andeutet, am mangelnden Willen zum Leben.
Der Erfolg stellte sich nicht sofort ein. Erst die preiswerte Volksausgabe von 1903 machte das Buch zum Bestseller. 1929 wurde Thomas Mann "vornehmlich für seinen grossen Roman Buddenbrooks" der Nobelpreis für Literatur verliehen.
Ehe und Familie
1905 heiratete Thomas Mann Katia Pringsheim, Tochter eines wohlhabenden Münchner Mathematikprofessors. Die Ehe, aus der sechs Kinder hervorgingen, war von bemerkenswerter Stabilität. Katia wurde zur unentbehrlichen Stütze ihres Mannes, verwaltete den Haushalt und schirmte ihn von allen praktischen Anforderungen ab.
Die Kinder - Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michäl - wuchsen in einem hochkulturellen Umfeld auf. Mehrere von ihnen wurden selbst zu Schriftstellern. Klaus Mann, der älteste Sohn, schrieb bedeutende Romane wie "Mephisto". Golo Mann wurde einer der angesehensten deutschen Historiker.
Das Familienleben war geprägt von den strengen Arbeitsgewohnheiten des Vaters. Thomas Mann schrieb jeden Vormittag, meist von neun bis zwölf Uhr. Diese Disziplin hielt er sein ganzes Leben hindurch aufrecht, unabhängig von äußeren Umständen.
Der Zauberberg
1924 erschien "Der Zauberberg", an dem Mann mit Unterbrechungen zwölf Jahre gearbeitet hatte. Der Roman spielt in einem Schweizer Lungensanatorium und schildert den siebenjährigen Aufenthalt des jungen Hans Castorp in dieser abgeschlossenen Welt.
Was als ironische Kurzgeschichte geplant war, wuchs sich zum intellektüllen Zeitroman aus. Die Figuren des Sanatoriums verkörpern die geistigen Strömungen der Vorkriegszeit. Der humanistische Aufklärer Settembrini und der jesuitisch geprägt Naphta führen endlose Debatten über Fortschritt und Reaktion, Vernunft und Mystik.
Hans Castorp, der "einfache junge Mann" aus Hamburg, wird zum Medium, durch das diese Ideen gefiltert werden. Seine Krankheit erscheint als Ausdruck einer tieferen Lebenskrise. Das Sanatorium wird zum Symbol einer kranken Zivilisation, die dem Untergang entgegentreibt. Am Ende bricht der Erste Weltkrieg aus, und Castorp verschwindet im "Weltfest des Todes".
Politische Wandlung
Thomas Manns politische Entwicklung verlief nicht geradlinig. Während des Ersten Weltkriegs verfasste er die "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918), ein umfangreiches Werk, in dem er die deutsche Kultur gegen die westliche Zivilisation verteidigte. Er stellte sich auf die Seite des Kaiserreichs und polemisierte gegen seinen Bruder Heinrich, der die Demokratie verteidigte.
In den zwanziger Jahren vollzog Mann eine bemerkenswerte Wende. Er bekannte sich zur Weimarer Republik und warnte früh vor dem aufkommenden Nationalsozialismus. In seiner Rede "Von deutscher Republik" (1922) plaedierte er für Demokratie und Humanität.
Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, befand sich Mann auf einer Vortragsreise in der Schweiz. Er kehrte nicht nach Deutschland zurück. 1936 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, sein Vermögen beschlagnahmt. Mann nahm die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft an und übersiedelte 1938 in die USA.
Das Exil in Amerika
In den Vereinigten Staaten wurde Thomas Mann zum prominentesten Vertreter des deutschen Exils. Er lehrte zunächst an der Princeton University, zog 1941 nach Pacific Palisades bei Los Angeles. Dort entstand ein Zentrum der deutschen Emigration, in dem sich Künstler und Intellektülle wie Bertolt Brecht, Arnold Schönberg und Theodor W. Adorno trafen.
Von 1940 bis 1945 hielt Mann monatlich Radioansprachen, die von der BBC nach Deutschland ausgestrahlt wurden. In diesen "Deutschen Hörern" wandte er sich direkt an das deutsche Volk und rief zum Widerstand gegen das NS-Regime auf. Diese Reden machten ihn zur moralischen Instanz des Exils.
1944 wurde Mann amerikanischer Staatsbürger. Er bekannte sich zu seiner neün Heimat, ohne seine deutschen Wurzeln zu verleugnen. "Wo ich bin, ist Deutschland", lautete sein beruehmt gewordenes Diktum.
Doktor Faustus
Im amerikanischen Exil entstand Thomas Manns ambitioniertestes Werk: "Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkuehn, erzählt von einem Freunde" (1947). Der Roman erzählt die Geschichte eines genialen Komponisten, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um seine künstlerischen Kräfter zu steigern.
Das Werk ist zugleich ein Roman über Deutschland und seinen Weg in die Katastrophe. Leverkuehns Biographie spiegelt die Geschichte des Landes: sein Aufstieg zu künstlerischer Grösse, sein Fall in Wahnsinn und Vernichtung. Die Parallele zwischen individüllem Schicksal und nationalem Verhangnis ist gewollt und durchkomponiert.
Für die musikalischen Partien des Romans beriet sich Mann intensiv mit Theodor W. Adorno, der ihm die Grundlagen der Zwölftonmusik erklärte. Der "Doktor Faustus" wurde zu Manns Abrechnung mit der deutschen Geschichte und zugleich zu seinem persönlichsten Buch.
Rueckkehr nach Europa
Die antikommunistische Hysterie der McCarthy-Aera veranlasste Thomas Mann, die USA zu verlassen. 1952 kehrte er nach Europa zurück und liess sich in Kilchberg bei Zürich nieder. Nach Deutschland zurückzukehren, konnte er sich nicht entschliessen - zu tief sass die Enttäuschung über die mangelnde Aufarbeitung der NS-Zeit.
Die letzten Jahre waren geprägt von literarischer Produktivität. Mann vollendete den Roman "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" (1954), an dem er mit langen Unterbrechungen seit 1910 gearbeitet hatte. Das Werk, eine ironische Variation des Bildungsromans, blieb Fragment, gilt aber dennoch als eines seiner heitersten Bücher.
Thomas Mann starb am 12. August 1955 in Zürich. Er wurde auf dem Friedhof von Kilchberg beigesetzt. Sein literarisches Erbe umfasst Romane, Erzählungen, Essays und Briefe von monumentalem Umfang - das Lebenswerk eines Schriftstellers, der die deutsche Sprache auf einzigartige Weise geformt hat.
Stil und Bedeutung
Thomas Manns Prosa ist gekennzeichnet durch ihren musikalischen Aufbau, ihre ironische Brechung und ihre Verwendung von Leitmotiven. Er selbst sprach von einer "epischen Prosa, die recht viel von der Musik gelernt hat". Sätze von bemerkenswerter Länge und Komplexität wechseln mit knappen, pointierten Formulierungen.
Die Ironie ist sein wichtigstes Stilmittel. Sie ermöglicht es ihm, Distanz zu wahren, ohne kalt zu werden. Seine Figuren werden mit liebevoller Schärfe gezeichnet, ihre Schwaechen blossgelegt, ohne sie zu denunzieren. Diese ironische Haltung hat Mann als "Ironie der Mitte" bezeichnet - eine Position jenseits der Extreme.
Sein Einfluss auf die deutsche Literatur ist kaum zu überschätzen. Generationen von Schriftstellern haben sich an seinem Werk abgearbeitet, es nachgeahmt oder sich davon abgegrenzt. Die Verbindung von höchstem künstlerischen Anspruch und erzählerischer Zugänglichkeit macht sein Werk bis heute lebendig.
Wichtige Werke
- "Buddenbrooks. Verfall einer Familie", Roman, 1901
- "Tonio Kröger", Novelle, 1903
- "Der Tod in Venedig", Novelle, 1912
- "Betrachtungen eines Unpolitischen", Essays, 1918
- "Der Zauberberg", Roman, 1924
- "Mario und der Zauberer", Novelle, 1930
- "Joseph und seine Brüder", Romantetralogie, 1933-1943
- "Lotte in Weimar", Roman, 1939
- "Doktor Faustus", Roman, 1947
- "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", Roman, 1954