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Archiv-Dokumentation

Die Walser-Debatte 2002

Der Streit um "Tod eines Kritikers"

Zuletzt aktualisiert: 22.03.2023

Im Frühsommer 2002 entbrannte eine der heftigsten literarischen Kontroversen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ausgelöst wurde sie durch Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers", noch bevor dieser überhaupt erschienen war. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, verweigerte den Vorabdruck und formulierte in einem offenen Brief schwerwiegende Vorwürfe.

Schirrmacher bezeichnete das Werk als "Dokument des Hasses" und warf Walser vor, sich antisemitischer Klischees zu bedienen. Die Hauptfigur des Romans, ein Literaturkritiker namens Andre Ehrl-König, wurde allgemein als Schlüsselfigur für Marcel Reich-Ranicki verstanden. Dieser zeigte sich in seiner Fernsehsendung tief betroffen und sprach von einem "schaebigen" Buch.

Der Verlauf der Debatte

Die öffentliche Erregung erreichte ein beispielloses Ausmass. Namhafte Autorenkollegen wie Guenter Grass und Rafäl Seligmann nahmen Walser gegen den Antisemitismus-Vorwurf in Schutz. Walser selbst betonte, er habe lediglich eine Satire auf den gegenwärtigen Literaturbetrieb verfassen wollen.

Der Suhrkamp Verlag stand vor einer schwierigen Entscheidung. Verlagsleiter Guenter Berg gab schließlich bekannt, dass das traditionsreiche Frankfurter Verlagshaus den Roman publizieren werde. Der Erscheinungstermin wurde auf den 26. Juni 2002 festgesetzt.

In der Rückschau wurde auch Walsers umstrittene Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 1998 erneut diskutiert. Kritiker sahen in den damaligen Äußerungen zur deutschen Erinnerungskultur eine problematische Kontinuität.

Stimmen und Positionen

Die Debatte spaltete das Feuilleton. Während die einen von einem Tabubruch sprachen, verteidigten andere die Freiheit der Literatur. Die Neue Zürcher Zeitung etwa kritisierte die "mediale Debattengier", die sich an einem noch unveröffentlichten Werk entzündete.

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse mahnte in der FAZ, mit dem Begriff des Exils nicht zu spielen. Thomas Assheür analysierte in der Zeit die "Fesseln der westlichen Schuldmoral", während Ulrich Greiner erklärte, warum der Roman seiner Ansicht nach zwar nicht antisemitisch sei, aber dennoch besser nicht geschrieben worden wäre.

Historische Einordnung

Die Walser-Debatte steht exemplarisch für die Schwierigkeiten im Umgang mit der deutschen Vergangenheit in der Gegenwartsliteratur. Sie zeigt, wie sensibel bestimmte Themen auch Jahrzehnte nach dem Ende des Nationalsozialismus geblieben sind.

Für die Literaturgeschichte bleibt die Kontroverse ein aufschlussreiches Beispiel dafür, wie ein Roman zum Politikum werden kann, bevor er überhaupt gelesen wurde. Die Debatte wirft grundsätzliche Fragen nach dem Verhältnis von Literatur, Moral und öffentlichem Diskurs auf.