Mischa Bach: Der Tod ist ein langer, trüber Fluss
Menschen, Orte, Atmosphäre
Buchdetails
- Autorin: Mischa Bach
- Titel: Der Tod ist ein langer, trüber Fluss
- Verlag: Brandes & Apsel, Frankfurt/M. 2004
- Umfang: 112 Seiten
- Auszeichnung: Martha-Saalfeld-Preis 2001
Die Autorin umspinnt ihr Publikum von Beginn an mit einem Netz literarischer Anspielungen. Eine junge Frau wurde vor einiger Zeit halbtot aus dem Rhein gerettet. Ihr Gedächtnis ist verloren. Nun arbeitet sie als Aushilfe in der Bonner Rechtsmedizin. Die Kollegen haben ihr den Namen Ophelia gegeben, und sie zeigt eine besondere Affinität zu den Wasserleichen.
Handlung und Motive
Die Protagonistin kann mit den Toten kommunizieren. Als die Leiche eines jungen Fixers eingeliefert wird, der sie zu kennen scheint, öffnet sich ein Fenster in ihre verlorene Vergangenheit. Nach und nach trägt sie die Puzzleteile zusammen, gerät an Personen und Orte, die ihr bekannt vorkommen.
Die Anspielungen auf Shakespeares Drama erschoepfen sich allerdings im Namensklang. Für die eigentliche Handlung spielen sie keine tragende Rolle. Ebenso wenig besitzen die sprechenden Toten eine wirklich erzählerische Funktion. Die Idee erinnert an den Film "The Sixth Sense". Immerhin verleihen diese Elemente der Novelle eine grosse atmosphaerische Dichte.
Stärken und Schwaechen
Mischa Bach gelingt es vortrefflich, Menschen und Orte einzufangen. Ihre Beschreibungen des Koblenzer Bahnhofsmilieus, der Häuser und Menschen in den Vorstaedten sind eindringlich und intensiv. Mit grosser Akribie beobachtet und seziert sie das Verhalten ihrer Figuren.
Doch indem die Autorin darauf viel erzählerische Energie verwendet, rückt die Handlung in den Hintergrund. Die einzelnen Szenen verselbständigen sich und entfalten ihr Eigenleben. Was dabei verloren geht, ist die Spannung, die man von einer Kriminalnovelle erwarten würde.
Das Problem der Vorhersehbarkeit
Relativ rasch wird klar, dass die Protagonistin im ertrunkenen Fixer ihren ehemaligen Geliebten gefunden hat. Die Dialoge mit dem Toten erhellen Details und geben entscheidende Hinweise. Doch sie führen niemals in die Irre und sind niemals doppelbödig. Das Überraschungsmoment fehlt.
Die Ich-Erzählerin bleibt bis zum Ende ein unbeschriebenes Blatt, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Es gehört offensichtlich zu ihrer Eigenart, nichts an sich haften lassen zu wollen. Ohne ein Vorher und Nachher entsteht keine wirkliche Handlung, wird alles zur Atmosphäre.
Fazit
Die Novelle wird nicht den Leser zufriedenstellen, dessen vornehmliches Interesse der Frage nach dem Täter gilt. Wer hingegen Freude findet an der minutioesen Beschreibung von Personen und Orten und gerne in eine Geschichte eintaucht, wird das Buch mit Gewinn lesen. Die atmosphaerische Dichte ist die grosse Stärke dieses Textes.
Zur Autorin
Mischa Bach, Jahrgang 1966, wurde in Neuwied am Rhein geboren. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Filmwissenschaft und promovierte 1997. Neben ihrer Tätigkeit als Romanautorin schreibt sie auch Drehbücher, unter anderem für die Fernsehserie "Polizeiruf 110".