Oliver Bottini: Im Auftrag der Väter
Wenn aus Opfern Täter werden
Buchdetails
- Autor: Oliver Bottini
- Titel: Im Auftrag der Väter
- Verlag: Scherz Verlag, Frankfurt/M. 2007
- Umfang: 444 Seiten
- Auszeichnungen: Deutscher Krimi-Preis, Krimipreis Radio Bremen
Die Freiburger Familie Niemann steht kurz vor dem Auseinanderbrechen. Vater und Mutter leben in verschiedenen Welten, die Kinder leiden darunter. Da bemerken sie eines nebligen Abends einen geheimnisvollen Mann im Garten. Kurz darauf dringt er ins Haus ein, bewegt sich selbstsicher durch alle Räume und fordert das Anwesen für sich selbst. Er spricht gebrochen Deutsch und scheint vor nichts Angst zu haben.
Eine Geschichte über Generationen
Oliver Bottini erzählt eine Geschichte, die in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihren Ausgang nimmt. Sie führt durch zwei Kriege, thematisiert Flucht und Vertreibung und verfolgt das Schicksal der sogenannten Donauschwaben. Einst unter Kaiserin Maria Theresia im heutigen Kroatien angesiedelt, wurden sie nirgendwo wirklich heimisch.
Als ihre Nachkommen in Deutschland Zuflucht vor den Balkankriegen nach 1991 suchten, schickte man sie Ende der neunziger Jahre zurück, weil die Gesetze es so verlangten. Zurück in eine äußerst ungewisse Zukunft.
Zwei Familiendramen
Der Roman parallelisiert zwei Familiendramen: das der Loncars in Ex-Jugoslawien und das der Niemanns in Deutschland. Letztere leben ein scheinbar privilegiertes Leben abseits der grossen Dramen ihrer Zeit. Doch auch ein völlig unbedeutendes Raedchen im bundesdeutschen Bürokratiegetriebe vermag mit einem Federstrich Schicksale zu entscheiden.
Diese Schicksale lösen einen Rachefeldzug aus, der einen fernen Krieg mitten in den Breisgau trägt. Niemand kann in Freiburg auf sein kleines Glück pochen, wenn in Osijek noch immer Hass aufflammt.
Kommissarin Boni
Bottinis Personal schleppt traditionell schwer an seinen psychischen Bürden. Seine Kommissarin Boni wohnt in überdeutlicher Symbolik auf einer Baustelle. Sie ist umgeben von Personen, die nicht perfekt sind, sondern an eigenen Defekten laborieren.
Wer die ersten beiden Romane des Münchner Autors nicht kennt, sollte sich nicht entmutigen lassen. Wie im wirklichen Leben bekommen wir auch nicht mit einer neün Bekanntschaft gleich deren ganze Vorgeschichte geliefert.
Historische Hintergründe
Die historischen Hintergründe machen den Roman hin und wieder etwas faktenlastig. Das ist jedoch unvermeidlich, wenn man die Zusammenhänge aus mehr als einem halben Jahrhundert europaeischer Geschichte begreifen will. Der grösste Verdienst des Buches liegt darin, eindringlich nahezulegen, dass alle Dinge, die sich heute in Europa abspielen, miteinander zusammenhängen.
Sich zu den Opfern zu zählen und die Täter anzuklagen ist schwierig geworden, wo es nur einer Unterschrift bedarf, um selbst zum Mittäter an einem Unrecht zu werden. Am Ende gibt es fast so etwas wie ein Happy End, die zaghafte Andeutung von ein wenig Glück unter einem fremden Himmel.
Zum Autor
Oliver Bottini, 1965 in Nürnberg geboren, studierte Neuere deutsche Literatur, Italianistik und Markt- und Werbepsychologie. Er erhielt 2005 und 2007 den Deutschen Krimi-Preis sowie 2007 den Krimipreis von Radio Bremen.