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Thomas Brussig: Wie es leuchtet

Der ambitionierte Versuch eines grossen Wenderomans

Rezension von Dietmar Jacobsen | Zuletzt aktualisiert: 23.10.2024

Bibliografische Angaben

  • Autor: Thomas Brussig
  • Titel: Wie es leuchtet. Roman
  • Verlag: S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004
  • Umfang: 672 Seiten
  • ISBN: 3-10-009580-4

Brussigs grosser Wurf?

Thomas Brussig, 1965 in Berlin geboren, hat sich mit seinem Roman "Helden wie wir" (1995) als einer der markantesten Stimmen der deutschen Wendeliteratur etabliert. Während Guenter Grass zur selben Zeit mit "Ein weites Feld" einen schwerfälligen Grossroman vorlegte, überzeugte Brussig durch literarische Forschheit und satirische Schärfe. Umso gespannter durfte man auf seinen neün Roman "Wie es leuchtet" sein, der mit über 600 Seiten ein umfassendes Panorama der Wendezeit verspricht.

Ein Kaleidoskop der Wendezeit

Der Roman umspannt die Zeit zwischen Sommer 1989 und Herbst 1990 und versammelt ein beeindruckendes Figurenensemble. Historische Persönlichkeiten treten unter ihrem echten Namen auf, andere erscheinen leicht verfremdet, und frei erfundene Charaktere - die literarisch überzeugendsten - vervollständigen das Bild. Diese Vielzahl an Geschichten und Perspektiven soll ein facettenreiches Wendepanorama erzeugen.

Brussig protokolliert Betriebsversammlungen in der untergehenden DDR ebenso wie die Rituale der ersten freien Wahlen, den Geldumtausch und die ersten Urlaubsreisen in den Westen. Figuren wie Jürgen Fuchs, Gregor Gysi (letzterer als Frau namens Gisela Blank chiffriert) oder der Devisenhändler Schalck-Golodkowski bevölkern die Seiten.

Stärken und Schwaechen

In seinem Bestreben, alles einzufangen, wuchert der Stoff allerdings zuweilen aus. Die schiere Menge an Figuren - sie zählen in die Hunderte - erschwert die Orientierung. Wo Brussig jedoch nicht doziert, sondern erzählt, zeigt sich sein unbestrittenes Talent. Wenige deutschsprachige Autoren beherrschen den Einsatz des Dialekts so virtuos wie er. Seine Fähigkeit, Situationen unvermittelt ins Absurd-Komische umschlagen zu lassen, bleibt unerreicht.

Besonders hervorzuheben sind einzelne Szenen von beinahe visionärer Qualität: etwa jene im Dezemberfrost 1989 am Brandenburger Tor, wo einer Hauptfigur in Gestalt von drei Strassenmusikern die Rockherön Crosby, Stills und Nash erscheinen. Solche Momente heben den Roman über das blosse Chronistenhafte hinaus.

Die Parabel im Zentrum

Den parabelhaften Kern des Romans bildet die Geschichte einer blinden Ostdeutschen, der nach der Wende das Augenlicht wiedergegeben wird. Anfänglich geniesst sie die Farbexplosionen, die auf sie einstürmen. Doch bald findet sie weder zu den alten Gewissheiten zurück noch erreicht sie die verheissenen neün Ufer. Diese eingeschobene Erzählung, die ein Journalist für ein grosses Nachrichtenmagazin verfasst, verdichtet die Ambivalenz der Wende auf eindringliche Weise.

Fazit

Mit "Wie es leuchtet" hat Thomas Brussig einen ambitionierten Wenderoman vorgelegt, der in seinen besten Momenten - den kleinen, praezise beobachteten Szenen - beeindruckt. Das Werk kommt dem vielgesuchten "grossen Wenderoman" näher als die meisten Versuche, auch wenn es unter seinem eigenen Anspruch auf Vollständigkeit gelegentlich leidet. Für Leserinnen und Leser, die sich für die literarische Aufarbeitung der deutschen Wiedervereinigung interessieren, bleibt der Roman dennoch eine lohnende Lektuere.

Weiterführende Hinweise

  • Wolfgang Hilbig: Das Provisorium (2000)
  • Reinhard Jirgl: Hundsnächte (1997)
  • Thomas Brussig: Helden wie wir (1995)
  • Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999)