Wilhelm Genazino: Mittelmässiges Heimweh
Es ist nicht einfach, ein Einzelner zu sein
Buchdetails
- Autor: Wilhelm Genazino
- Titel: Mittelmässiges Heimweh
- Verlag: Carl Hanser Verlag, München/Wien 2007
- Umfang: 190 Seiten
Der Protagonist heisst Dieter Rotmund. Doch das erfährt man erst nach 95 Seiten. Bis dahin ist der Leser Zeuge der Lebensbeichte eines Angestellten geworden, der seine Mitmenschen fein säuberlich auf Distanz hält. Selbst bei intimsten Beschreibungen bleibt er bei der förmlichen Anrede. Dieter Rotmund ist ein schwieriger Fall und als solcher natürlich eine Genazino-Figur par excellence.
Ein Leben im Stillstand
Der Protagonist steckt richtig fest - im Leben, in der Liebe und auch sonst. Er ist noch verheiratet, hat eine kleine Tochter, eine diebische Geliebte und jede Menge Probleme. Der berufliche Aufstieg kommt wie aus heiterem Himmel und isoliert ihn nur noch mehr.
Dazu kommen merkwürdige körperliche Phänomene. Als es einmal ziemlich laut zugeht, verliert er ein Ohr. Später büsst er den kleinen Zeh ein. Zürst versteckt er diese Malaisen, doch als er bemerkt, dass es ihm nicht allein so geht, wird das Ereignis zur Nebensache. Die Dinge drängt es auseinander, es fehlt der Zusammenhalt.
Protokollant des eigenen Daseins
Rotmund bleibt stets der genaue Beobachter seines eigenen Lebens. Nichts entgeht ihm an der ärmlichen Existenz, die er führt. Nicht die Tatsache, dass er aus Sparsamkeit ohne Fahrkarte in den Schwarzwald fährt. Nicht die Ekelgefühle, die ihn unvermittelt überkommen. Nicht der Schmerz und die Traür in den Gesichtern ringsum.
Manchmal komponiert Genazino Brotkruemel in eine Kinderaugenbraue oder bildet Neologismen wie Bescheidenheitsangeber oder Tränensaugkraft. Er liebt die Aufzählungen und kennt sich in der Geschäftssprache aus: Coaching, Assessment, Kick-out-Kandidaten. Diese Vokabeln sind freilich hintersinnig aufgeladen. So reden keine wirklich glücklichen Menschen.
Die Suche nach Sinn
Am Ende hat der 43-jährige Held eine Ehe und eine Beziehung hinter sich, in denen keiner der Partner den anderen wirklich kennengelernt hat. Doch noch erwartet er Sinn vom Dasein. Es muss etwas geben, das lohnt, und sei es allein die Suche nach diesem Lohnenden.
Die Mittelmässigkeit seines Lebens ist ihm bewusst. Zu genau beobachtet er die Welt, als dass ihm dies entgehen könnte. Er sieht auch die Gefahr, dass seine Gefühle zu Abklatsch medialen Empfindens verkommen könnten. Der Auflösung entgegenzutreten scheint menschliche Pflicht zu sein, aber auch Tragik, denn was vermag ein Einzelner schon mehr, als zu sein und sich dem Nichts zu verweigern.