Wilhelm Hauff oder Die Virtuosität der Einbildungskraft
Eine überfällige Neubewertung des unterschätzten Romantikers
Bibliografische Angaben
- Herausgeber: Ernst Osterkamp, Andrea Polaschegg, Erhard Schütz
- Titel: Wilhelm Hauff oder Die Virtuosität der Einbildungskraft
- Verlag: Wallstein Verlag, Göttingen
- Jahr: 2005
- Umfang: 384 Seiten, 24 Abbildungen
- ISBN: 3-89244-860-4
- Preis: 38,00 Euro
Wilhelm Hauff zählt zu den am meisten unterschätzten Autoren der deutschen Literaturgeschichte. Der 1802 in Stuttgart geborene und bereits 1827 verstorbene Schriftsteller wird bis heute vornehmlich als Verfasser orientalischer Märchen wahrgenommen, als eine Art deutscher Antwort auf Tausendundeine Nacht. Sein Ruf als harmloser Märchenonkel verstellt jedoch den Blick auf ein facettenreiches Werk, das weit mehr zu bieten hat als unterhaltsame Kindergeschichten.
Der vorliegende Sammelband unternimmt den längst überfälligen Versuch, Hauffs literarisches Schaffen einer gründlichen Neubewertung zu unterziehen. Die Herausgeber Ernst Osterkamp, Andrea Polaschegg und Erhard Schütz haben in Verbindung mit der Deutschen Schillergesellschaft einen Band zusammengestellt, der bisherige Urteile kritisch hinterfragt und neue Perspektiven eröffnet.
Ein Autor ohne Forschungstradition
Wie Andrea Polaschegg in ihrer Einführung zutreffend feststellt, kann "nicht ernsthaft von der Existenz einer Hauff-Forschung gesprochen werden". Die Beschäftigung mit dem jung verstorbenen Autor blieb stets punktüll und unsystematisch. Die einschlägigen Urteile über sein Werk wurden häufig ungerueft übernommen und tradiert.
Die gangigen Vorwürfe lauten: Hauff sei ein erfolgssüchtiger Modeschriftsteller gewesen, der sich konsequent am Publikumsgeschmack orientiert habe. Er habe als Übergangsautor zwischen Romantik und Realismus keinen eigenen Stil gefunden, sondern eklektizistisch verschiedene Vorbilder nachgeahmt. Der frühe Tod habe ihn daran gehindert, zu poetischer Reife zu gelangen.
Der vorliegende Band setzt sich mit diesen Stereotypen kritisch auseinander und gelangt zu bemerkenswert anderen Einschätzungen.
Einfachheit und Komplexität
Peter von Matt gelingt in seinem Beitrag "Wilhelm Hauff oder Der Weg in die Klarheit" eine überzeugende Neubewertung. Er weist den "Zusammenfall von Einfachheit in der Gestalt und Komplexität in der Bedeutung" als hohen ästhetischen Wert aus. Was früheren Kritikern als Oberflaechlichkeit erschien, erweist sich bei genauerem Hinsehen als bewusste künstlerische Entscheidung.
Matt stützt seine Argumentation auf einen Vergleich zwischen E.T.A. Hoffmann und Hauff. Während Hoffmann die romantische "Himmelsleiterpoetik" verkörpert, in der das Wunderbare stets auf ein Höheres verweist, entwerfen Hauffs Märchen eine neue Klarheit. Sie verzichten auf metaphysische Verheissungen und konzentrieren sich auf die immanenten Verhältnisse.
Damit erweisen sich Hauffs Texte nicht als epigonale Ausläufer romantischer Vorbilder, sondern als Vorboten realistischer Erzählverfahren. Diese These wird in Claudia Stockingers Beitrag "Verkehrungen der Romantik" überzeugend untermaürt.
Marktorientierung als Strategie
Guenter Oesterles Aufsatz "Wiederkehr des Virtuosen?" nimmt einen anderen Aspekt in den Blick. Er verteidigt zunächst Hauffs oft kritisierte Marktorientierung als legitime Selbstbehauptungsstrategie eines jungen, zunächst unbekannten Autors. Doch Oesterle geht weiter: Hinter den Marktstrategien ortet er "ein literaturhästhetisches, ja sogar literaturpolitisches Konzept".
Dieses Konzept verbindet Oesterle mit der 1824 in Paris gegründeten liberalen Zeitschrift "Le Globe". Diese verfolgte das Ziel, die Literaturen verschiedener Länder im Sinne eines "geistigen Handelsverkehrs" zu vermitteln, wie Göthe es ausdrückte. Hauff orientierte sich an diesem Programm einer interkulturellen Literaturvermittlung.
Mit dieser Argumentation gelingt es Oesterle glaubhaft, Hauffs literarische Praxis vor der Anklage eines wahllosen Eklektizismus zu verteidigen. Was als beliebige Übernahme verschiedener Stile erscheint, erweist sich als bewusste Aneignung im Rahmen eines weltliterarischen Programms.
Weitere Beiträge
Der Band versammelt zahlreiche weitere Aufsätze zu verschiedenen Aspekten des Hauffschen Werks. Die Beiträge zeichnen sich durchweg durch analytische Stringenz, stilistische Klarheit und die Integration aktüller Forschungsdiskussionen aus. Sie untersuchen einzelne Texte ebenso wie übergreifende Fragestellungen.
Besonders hervorzuheben ist die gründliche Qüllenarbeit, mit der die Autoren den Einfluss zeitgenössischer Diskurse auf Hauffs Schaffen nachweisen. Die 24 Abbildungen ergänzen die Textbeiträge um eine visülle Dimension.
Fazit
Der Sammelband bietet eine gründliche, fundierte und stellenweise mit kriminologischem Scharfsinn erstellte Demontage überkommener Vor- und Fehlurteile. Er ist nicht nur für an Hauff Interessierte von grossem Wert, sondern setzt auch wichtige Akzente in der weiteren Erforschung der Epoche zwischen Romantik und Realismus.
Die Herausgeber und Autoren leisten mit diesem Band Pionierarbeit. Sie schaffen die Grundlage für eine systematische Hauff-Forschung, die bislang fehlte. Wer sich künftig ernsthaft mit dem Werk des jung verstorbenen Schwaben beschäftigen will, wird an diesem Buch nicht vorbeikommen.
Für alle, die Wilhelm Hauff jenseits des Märchenonkels kennenlernen möchten, ist dieser Band eine lohnende Lektuere. Er zeigt einen Autor, dessen Bedeutung für die deutsche Literaturgeschichte neu zu entdecken ist.