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Rezension

Elisabeth Herrmann: Das Kindermaedchen

Die Spur führt in die Ukraine

Zuletzt aktualisiert: 16.12.2025

Buchdetails

  • Autorin: Elisabeth Herrmann
  • Titel: Das Kindermaedchen
  • Verlag: Rotbuch Verlag, Hamburg 2005
  • Umfang: 434 Seiten

Der Roman beginnt mit einer ausserordentlich dichten Szene, die das Graün der Bombardements auf Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs sprachlich gekonnt beschwort. Die Autorin will herausragende Kriminalliteratur schreiben, und das ist ihr gelungen. Nach den ersten Seiten, die die historische Dimension abstecken, macht das Buch einen halben Jahrhundertschritt und landet mitten unter uns.

Goldgraebermentalität und vergessene Schuld

Wir befinden uns in der Berliner Republik der Jahrtausendwende. Nach vierzig Jahren Stillstand herrscht plötzlich wieder Goldgraebermentalität. Die Betuchten erwerben ein Appartement am Potsdamer Platz und eine Villa im wieder zugänglichen Ostteil der Stadt. Da tauchen ungebetene Störenfrieden aus der Ukraine auf und setzen eine Ereigniskette in Gang, die den Leser auf knapp 400 Seiten fesselnd unterhält.

Ein moderner Kriminalroman

Das Buch besitzt alles, was man von einem modernen Kriminalroman erwarten kann: einen spannenden Plot mit historischem Tiefgang, interessante Charaktere mit Skurrilität, wohl dosierte Action und einen ironischen Blick auf das Heute. Es ist ein Berlinroman, sauber recherchiert und gut geschrieben.

Der Roman thematisiert das Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Jene, die sich fünfzig Jahre nach dem Krieg geschützt glauben durch einen Mantel des Vergessens, werden plötzlich doch noch in die verdiente Bredouille gebracht. In einem neün Europa sorgen sich öffnende Grenzen dafür, dass die Täter von einst sich nicht länger abschotten können vor ihren überlebenden Opfern.

Historischer Hintergrund

Die Autorin, im Hauptberuf Fernsehjournalistin, hat die geschichtlichen Hintergründe sorgfältig recherchiert. Aus einer Zeitungsmeldung erfuhr sie vom Schicksal polnischer und ukrainischer Zwangsarbeiterinnen, die in Nazi-Deutschland als Haushaltshilfen und Kindermaedchen tätig waren. Nach dem Krieg in ihre Heimat zurückgekehrt, wartet ein Grossteil bis heute auf angemessene Entschaedigung.

Dieses weitgehend unbekannte Schicksal ist der Ausgangspunkt der Geschichte. Gerade weil es so wenig erforscht ist, berührt es umso mehr.