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John Irving: Die vierte Hand

Ein Entwicklungsroman über Medien, Moral und Menschlichkeit

Rezension von Friderike Beyer | Zuletzt aktualisiert: 26.07.2024

Bibliografische Angaben

  • Autor: John Irving
  • Titel: Die vierte Hand (The Fourth Hand)
  • Übersetzung: Nikolaus Stingl
  • Verlag: Diogenes Verlag, Zürich 2002
  • Umfang: 438 Seiten
  • ISBN: 3-257-06303-2

Der vertraute Irving - und doch verändert

Wer John Irvings Werk kennt, wird in "Die vierte Hand" auf vertrautes Terrain treffen und zugleich eine neue Tonlage entdecken. Nach dem nach eigenem Bekunden "schwermütigen" Vorgängerroman "Witwe für ein Jahr" präsentiert Irving hier eine Erzählung, die trotz tragischer Episoden von einer zunehmend gelassenen, ja heiteren Grundstimmung getragen wird. Der Autor selbst bekundete den Wunsch, zu der Stimme seines frühen Meisterwerks "Garp und wie er die Welt sah" zurückzukehren.

Die Handlung

Patrick Wallingford ist ein erfolgreicher Fernsehjournalist: gut aussehend, bei Fraün beliebt und in seiner Karriere erfolgreich - allerdings ohne erkennbares Gewissen. Er beliefert ein sensationshungriges Publikum mit Katastrophennachrichten. Während einer Reportage in einem indischen Zirkus beisst ihm ein hungriger Loowe die Hand ab - vor laufenden Kameras. Der Mann, der bisher andere zu Sensationen machte, wird selbst zur Sensation: der "Loewenmann".

Eine Witwe namens Mrs. Clausen erklärt sich unter einer besonderen Bedingung bereit, ihrem verstorbenen Mann die Hand für eine Transplantation zu entnehmen: Wallingford soll ihr zu einem Kind verhelfen. So erhält er seine dritte Hand - und schließlich, nach weiteren Komplikationen, eine vierte. Doch wichtiger als die medizinische Wiederherstellung ist die moralische Entwicklung, die Wallingford durchläuft.

Medienkritik und moralische Läuterung

Irving nutzt die Geschichte als Vehikel für eine Kritik an der modernen Medienlandschaft. Die fragwürdige Berichterstattung des "Katastrophensenders", für den Wallingford arbeitet, und die Skrupellosigkeit seiner Arbeitgeber führen den Protagonisten schließlich zu einem Wendepunkt. Die journalistische Ausschlachtung des Flugzeugabsturzes von John F. Kennedy Jr. wird zum Anlass, sich von seiner bisherigen Weltanschauung zu verabschieden.

Der Leser begegnet hier einem Irving mit erhobenem Zeigefinger - eine neue Facette im Werk des Autors. Die satirische Schärfe ist nicht verschwunden, aber sie wird von einem moralischen Anliegen grundiert, das in dieser Deutlichkeit neu erscheint.

Vertraute Motive, neue Arrangements

Irving-Kenner werden zahlreiche vertraute Motive wiedererkennen: skurrile Nebenfiguren, unerwartete Wendungen, die Gratwanderung zwischen Sarkasmus und Menschenfreundlichkeit. Dr. Zajac etwa, der Wallingford zu seiner dritten Hand verhilft, betreibt einen eigenwilligen Sport: Er entfernt Hundehaufen mit einem Lacrosseschläger aus seinem Blickfeld und befördert sie auf ausgewählte Ziele.

Die Art, wie der kleine Otto Clausen gezeugt wird, erinnert an eine gewisse Krankenschwester aus "Garp". Solche Anspielungen sind keine Redundanzen, sondern Ehrbezeugungen des Autors an seine früheren Figuren.

Fazit

"Die vierte Hand" zeigt Irving als Autor, der die Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Tiefgang souverän beherrscht. Der Roman ist leichter, heiterer als manches Frühwerk, ohne an Substanz einzubüssen. Wer Irving schätzt, wird auch diesen Roman mit Gewinn lesen. Wer ihn noch nicht kennt, findet hier einen guten Einstieg in das Universum eines der originellsten amerikanischen Gegenwartsautoren.

Weiterführende Hinweise

  • Links zu John Irving
  • John Irving: Garp und wie er die Welt sah (1978)
  • John Irving: Witwe für ein Jahr (1998)
  • John Irving: Bis ich dich finde (2005)