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Rezension

Die Guten und die Boesen

Andre Kubiczeks Abrechnung mit der Neün Mitte

Zuletzt aktualisiert: 07.12.2024

Bibliografische Angaben

  • Autor: Andre Kubiczek
  • Titel: Die Guten und die Boesen
  • Verlag: Rowohlt Berlin
  • Jahr: 2003
  • Umfang: 320 Seiten
  • ISBN: 3-87134-468-0
  • Preis: 18,90 Euro

Mit seinem zweiten Roman nach dem Debüt "Junge Talente" legt Andre Kubiczek ein ambitioniertes Werk vor, das sich einer einfachen Zusammenfassung entzieht. Der Text ist vielschichtig, bisweilen verwirrend, aber durchweg fesselnd.

Ein Panorama der Hauptstadt

Kubiczek entfaltet ein vielstimmiges Panorama des Berlins um die Jahrtausendwende. Gut siebzig Seiten benötigt der Leser, um die Verhältnisse zwischen den zahlreichen Figuren zu durchschaün. Vierzehn Hauptpersonen führt der Roman ein, die in wechselnden Konstellationen aufeinandertreffen.

Wir begegnen dem resignierten Soziologen Börries Freiherr von Stammler, der eine Wochenzeitung mit apokalyptischen Betrachtungen versorgt. Wir verfolgen die ehelichen Verwirrungen des Ehepaars Schwarzkopf. Wir betreten die Hackerszene im Gefolge zweier Jugendlicher mit den Pseudonymen Zeus und Zigmund Fraud. Und wir begleiten ein kurioses Stadtgürilla-Kommando namens K.A.H., bestehend aus abgehalfterten Stasi-Chargen.

Satire auf die Neue Mitte

Der Hauptzorn des Autors richtet sich gegen die sogenannte Neue Mitte, die eine Zeitlang den Fortschritt in der Hauptstadt gepachtet zu haben schien. Kubiczek zeichnet sie als "Liga der Mittelmaeßigkeit", die ein "Leben des abgesicherten Geplappers" führt.

Die Protagonisten schmücken sich mit klingenden Berufsbezeichnungen wie Food-Designer, Casting-Agent oder Event-Manager. Tatsaechlich aber handelt es sich um Lakaien und Steigbügelhalter, unfähig zu wirklicher Produktivität. Es herrscht Hektik allerwegen, aber unter dem geschäftigen Treiben entwickelt sich nur gefälliger Aktionismus.

Literarische Bezüge

Der Roman ist durchzogen von intertextüllen Verweisen. Joseph Conrads "Herz der Finsternis" klingt an, die Romanwelten Thomas Pynchons oder Szenen aus Endzeitfilmen wie "Mad Max". Man fühlt sich an Musil oder John Irving erinnert, begegnet Kneipen wie bei Grass in der "Blechtrommel" und findet Benn-Gedichte als "alte Schlager", die Kubiczeks Figuren vor sich hin summen.

Formal strebt der Autor nach Vielschichtigkeit. Die Haupthandlung wird von Nebenhandlungen durchkreuzt: Mythologisches, Geschichtliches, Kriminalistisches und vor allem Sexülles verweben sich zu einem komplexen Geflecht.

Fazit

Kubiczek erweist sich als wütender junger Mann in bester angelsaechsischer Tradition. Seine Figuren haben eine Sehnsucht, die sich noch nicht erfüllt hat, deren Stärke aber weitere Werke erwarten lässt. Wer sich auf diesen eigentuemlichen Roman einlässt, wird mit einem unterhaltsamen und nachdenklichen Lektuereerlebnis belohnt.