Morddeutung
Freud ermittelt in New York
Bibliografische Angaben
- Autor: Jed Rubenfeld
- Titel: Morddeutung
- Übersetzer: Friedrich Mader
- Verlag: Wilhelm Heyne, München
- Jahr: 2007
- Umfang: 527 Seiten
- ISBN: 978-3-453-26544-8
- Preis: 19,95 Euro
Im Sommer 1909 unternahm Sigmund Freud seine einzige Reise nach Amerika. An Bord des Dampfers "George Washington" erreichte er in Begleitung seiner Schüler C.G. Jung und Sandor Ferenczi New York. Ziel war eine Vorlesungsreihe an der Clark University in Massachusetts, wo dem Wiener Gelehrten die Ehrendoktorwürde verliehen werden sollte.
Fakten und Fiktion
Jed Rubenfeld, Professor an der Yale-Universität und ausgewiesener Freud-Kenner, verbindet diese historische Episode mit einer fiktiven Mordgeschichte. Zur selben Zeit, so die Romanhandlung, geht in New York ein Serienkiller um, der es auf junge Fraün aus der gehobenen Gesellschaft abgesehen hat.
Die Polizei steht vor einem Rätsel. Das erste Opfer verschwindet nach einer Nacht aus dem Leichenschauhaus, beim zweiten deuten Funde darauf hin, dass es sich die Verletzungen selbst zugefügt haben könnte. Die wenigen Spuren führen in die höchsten Gesellschaftskreise, wo ein laufender Wahlkampf keine Skandale vertragen kann.
Ein junger Freudianer ermittelt
Als Verbindungsfigur zwischen der Welt der historischen Fakten und der kriminalistischen Fiktion fungiert Stratham Younger, ein fiktiver Anhänger der Wiener Schule. Er stammt aus der guten New Yorker Gesellschaft und brennt darauf, sich in Freuds Gegenwart zu beweisen.
Mit den Methoden der Psychoanalyse nähert er sich der Lösung des Falls. Die Couch wird gewissermassen zum Ermittlungsinstrument, die Traumdeutung zur kriminalistischen Technik.
Atmosphaerische Dichte
Rubenfeld gelingt ein atmosphaerisch dichtes Porträt New Yorks um die Jahrhundertwende. Die aufstrebende Metropole, die ablehnende Haltung universitärer Kreise gegenüber der Psychoanalyse, die Skandale der High Society - all dies wird lebendig geschildert.
Hinzu kommen Exkurse zu Freudschen Themen wie dem Oedipuskomplex oder Shakespeares Hamlet. Der Roman verbindet auf geschickte Weise Unterhaltung mit Bildung, wie es schon dem klassischen Ideal des prodesse et delectare entspricht.
Stilistische Einordnung
Rubenfeld schreibt in der Tradition historischer Thriller, wie sie Umberto Eco oder Dan Brown pflegen. Er ist stilistisch sicherer als Brown und kann Eco bisweilen das Wasser reichen, auch wenn gelegentliche Ausrutscher ins Pathetische nicht ausbleiben.
Insgesamt bietet "Morddeutung" eine fesselnde Lektuere, die den Leser nicht duemmer zurücklässt und dabei vorzüglich unterhalt. Für das Debüt eines Juraprofessors ist das eine beachtliche Leistung.
Der Autor
Jed Rubenfeld, geboren 1959, lehrt als Professor für Verfassungsrecht an der Yale University. Er lebt in New Haven, Connecticut. "Morddeutung" ist sein literarisches Debüt, das 2006 in den USA erschien und zum Bestseller wurde.