Königs Kinder
Kathrin Schmidts Erkundung von Erinnerung und Sehnsucht
Bibliografische Angaben
- Autorin: Kathrin Schmidt
- Titel: Königs Kinder
- Verlag: Kiepenheür und Witsch, Köln
- Jahr: 2002
- Umfang: 344 Seiten
- ISBN: 3-462-03129-5
- Preis: 22,90 Euro
Dieser Roman verlangt seinem Leser einiges ab. Er beginnt ohne vertraute Umarmung, ohne einladendes Entgegenkommen. Die Zusammenhänge erschliessen sich erst allmählich, während sich scheinbar Unverbundenes langsam zu einem dichten Gewebe fügt.
Drei Schicksale im Berliner Osten
Kathrin Schmidt entfaltet ihre Erzählung aus drei Perspektiven. Da ist Marl, ein Anwalt in einer homosexüllen Partnerschaft, der sich nach einem Kind sehnt. Da ist Ida Bergner, eine kasachische Aussiedlerin, die mit ihrer Enkelin Walja am Rande Berlins eine neue Existenz aufbaut. Und da ist die geschiedene Lehrerin Lioba Zeplin, der rätselhafte Zettel mit Beschreibungen ihrer eigenen Kindheit zugespielt werden.
Diese drei Figuren bewegen sich im Osten Berlins, in der unmittelbaren Gegenwart nach der Wende. Doch etwas arbeitet in ihnen, treibt sie um und führt sie zueinander: eine Sehnsucht, eine Ahnung, ein Erlösungswille, der sich mit dem Zeitungsschicksal eines kleinen Mädchens namens Janina verbindet.
Die vielgestaltige Janina
Marl begegnet dem Kind in einer naaechtlichen Szene an einer Tankstelle. Das Mädchen wurde entführt und ist wieder aufgetaucht, mit durchschnittener und notdürftig genähter Kehle. Der Anwalt fühlt sich in seinen Dienst gestellt, zum ersten Mal vor einer Aufgabe, die ihn als Menschen fordert.
Für Lioba werden die mysteriösen Zettel zu Nachrichten aus Janinas Welt. In der Umgebung von Ida Bergner erscheint Janina als Puppe, mitgebracht aus der alten Heimat, Kompensation eines uneingestandenen Heimwehs. So wird das Kind zum geheimen Zentrum des Romans, zum Fluchtpunkt aller Lebenslinien.
Kindheitsgerüche und Vergangenheitsarbeit
Der Roman betreibt, wie es an einer Stelle treffend heisst, die "Installation von Kindheitsgerüchen". Er führt zurück in die "bananenfreie Zeit", erkundet die Prägungen durch eine verschwundene Gesellschaft. Nur wer sich seiner abgelegten Vergangenheit stellt, kann in der Gegenwart bestehen.
Die Sprache, mit der das erzählt wird, ist von bemerkenswerter Intensität. Sie bleibt dicht an den Körpern, kann blumig sein wie spröde, poetisiert das Triste und adelt Unaussprechbares. Ein vergleichbarer Ton ist in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kaum zu finden.
Einordnung im Werk
Nach dem Erfolg der "Gunnar-Lennefsen-Expedition" vor einigen Jahren war es still geworden um Kathrin Schmidt. "Königs Kinder" hält dem Vergleich mit dem Vorgänger mehr als stand, auch wenn es diesmal weniger verspielt und zauberisch zugeht.
Schmidt weiss genau, was dem jeweiligen Stoff angemessen ist. Weil sie diesmal mehr in Innen- als in Aussenwelten leuchtet, verknappt sie die Räume. Der Text verweigert enthusiasmiertes Aufsteigen in einer Gegenwart, der das Utopische abhanden gekommen ist.
Fazit
Ein anspruchsvoller Roman, der Geduld verlangt, diese aber reich belohnt. Kathrin Schmidt gelingt eine eindringliche Erkundung von Erinnerung und Sehnsucht, von Kindheitsprägung und Gegenwartsbewältigung. Ein Buch, das man ungern verlässt.