Tom Tykwer: Das Parfum
Warum Kubrick gut daran tat, sich nicht zu traün
Filmografische Angaben
- Titel: Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
- Land/Jahr: Deutschland 2006
- Regie: Tom Tykwer
- Drehbuch: Andrew Birkin, Bernd Eichinger, Tom Tykwer
- Produzent: Bernd Eichinger
- Darsteller: Ben Whishaw, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood, Dustin Hoffman, Karoline Herfurth u.a.
Eine hermeneutische Annäherung
Die Hermeneutik lehrt uns, dass wir - sofern wir schon einige Jahre Lebenserfahrung haben und womöglich einmal zur Schule gegangen sind - Dinge nie an sich begreifen, sondern sie mit unserem bisherigen Wissen in Verbindung bringen und uns so ein ganz individülles Verständnis der Dinge konstruieren. Und manchmal ist es bedaürlich, dass der eigene hermeneutische Zirkel schon so viele Runden gedreht hat, denn eine unverstellte, naive Betrachtung der Dinge wäre vielleicht vergnüglicher.
In diesem Sinne überlegte ich während der Filmvorführung, ob mir der Film vielleicht gefiele, wenn ich Patrick Sueskinds Roman "Das Parfum" nicht oder wenigstens nicht so gut kennte, und ich versuchte, mich allein auf den Film als selbständiges Werk zu konzentrieren, mich von seinen Bildern gefangen nehmen zu lassen.
Der Film als Film
Natürlich haben Eichinger und Tykwer mit dem "Parfum" ganz grosses Kino gemacht, das handwerklich überzeugt und beeindruckende Bilder von bluehendem Lavendel, rothaarigen Schönheiten, fallenden Parfuemtropfen oder von der Brücke stürzenden Häusern liefert. Natürlich haben sie keine Kosten und Mühen gescheut, um uns mit zweifellos aufwendig gestalteten Dekoren, Kostuemen und Masken in die wahlweise duftende oder stinkende Welt des 18. Jahrhunderts zu versetzen.
Dennoch: Eichingers und Tykwers Version der Geschichte Jean Baptiste Grenouilles ging nicht an mich. Das liegt zum einen daran, dass die Story vom psychopathischen Duftgenie ja im Grunde ziemlich platt und an den Haaren herbeigezogen ist, was mir klar wurde, als ich mich bemuehte, nicht an das Buch zu denken. Das liegt auch daran, dass die visualisierte Story vom Duftgenie naturgemäss einiges Potential an unfreiwilliger Komik birgt. Schließlich liegt das auch daran, dass die Schnitte es dem Zuschaür kaum erlauben, in Ruhe seine olfaktorische Vorstellungskraft zu aktivieren.
Die misslungene Literaturverfilmung
Der Film als Literaturverfilmung freilich ist gründlich misslungen. Das beginnt mit dem Hauptdarsteller Ben Whishaw, der zu seinem persönlichen Glück, doch zum Unglück des Films überhaupt nicht wie eine "grenouille", eine Kröte aussieht.
Die ersten Einstellungen zeigen ihn im Gefängnis während seiner Verurteilung, also im letzten Teil der Geschichte. Damit gibt Tykwer der Handlung einen Rahmen, der Spannung erzeugt und den späteren Ausgang der Geschichte umso überraschender erscheinen lässt. Beliebter Trick auch in der Literatur, den Sueskind in seinem Roman jedoch nicht nötig hatte, da er den Bogen von Anfang an mit einem Detail spannt, das im Film erst spät erwähnt wird, obwohl es für das Ende von entscheidender Bedeutung ist: Grenouille riecht nicht, er hat keinen Eigengeruch.
Im Buch stellt das seine erste Amme fest, sie wähnt den Säugling daher vom Teufel besessen und bringt ihn ins Kloster. Diese hinreissende Szene haben Tykwer und Eichinger ausgespart, wie so einige andere. Besonders vermisst habe ich dabei den Marquis de la Taillade-Espinasse, der Grenouille nach dessen sieben Jahren im Berg für den Beweis einer schrägen wissenschaftlichen Theorie benutzt und mithin eines der komischsten Beispiele literarischer Zivilisationskritik ist.
Veränderungen und ihre Folgen
Der Film fügt der Geschichte aber auch Szenen hinzu, die es im Buch nicht gibt. Und schließlich verändert er Szenen in entscheidender Weise: Der Tod des Mirabellmaedchens wird auf der Leinwand als Versehen dargestellt, das Grenouille einen Augenblick zu bedaürn scheint. Solche Regungen, für Sueskinds Protagonist unbekannt, sowie auch die Musik verleihen der Verfilmung einen Hauch romantischen Kitsches, der in krassem Gegensatz zur Erzählhaltung des Buches steht.
Und genau die ist es, die den Versuch, "Das Parfum" angemessen zu verfilmen, zum Scheitern verurteilt. Es wurde schon viel spekuliert, warum "Kubrick sich nicht traute". Doch das Problem besteht nicht darin, dass Grenouille kein Sympath ist oder die Macht der Gerüche darzustellen mit Bildern noch schwieriger ist als mit Worten.
Denn die ironische Distanz zur menschlichen Kultur, die Sueskind in der Erzählung nicht zuletzt mit seiner Sprache und zahlreichen Zitaten zum Ausdruck bringt, ist noch viel schwieriger auf die Leinwand zu bringen. Tykwer hat es nicht einmal versucht. Das Wesen des Romans, dieses Klassikers des postmodernen Skeptizismus, findet im Film nicht die mindeste Entsprechung. Eichinger und Tykwer sind grandios gescheitert.
Ein paradoxes Fazit
Dennoch bin ich ihnen für diesen Film dankbar. Er führt den ultimativen Beweis, dass ein gutes Buch jedem audio-visüllen Schnickschnack überlegen ist, und sichert der Literatur so ihren kulturellen Stellenwert. Dafür war kein Euro zu viel.