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Rezension

Die dritte Jungfrau

Fred Vargas auf dem Höhepunkt ihrer Kunst

Zuletzt aktualisiert: 15.03.2024

Bibliografische Angaben

  • Autorin: Fred Vargas
  • Titel: Die dritte Jungfrau
  • Übersetzerin: Julia Schoch
  • Verlag: Aufbau Verlag, Berlin
  • Jahr: 2007
  • Umfang: 474 Seiten
  • ISBN: 978-3-351-03205-0
  • Preis: 19,95 Euro

Am Anfang stehen viele Handlungsfaeden. Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg zieht in eine neue Wohnung. Zwei Taugenichtse liegen mit durchschnittenen Kehlen in Paris. Hundert Kilometer entfernt tötet ein Unbekannter Hirsche und reisst ihnen das Herz heraus. Eine brutale Mörderin entkommt aus dem Gefängnis. Alles wie immer bei Fred Vargas.

Meisterhafte Verknuepfung

Auch in diesem Roman ordnen sich die Dinge erst allmählich. Kunstvoll werden die Faeden aufeinander zugeleitet, bis im grandiosen Finale klar wird, dass kein Thema umsonst angeschlagen wurde. Selbst scheinbare Ablenkungsmanoever haben dem Aufmerksamen viel zu sagen. Die erzählerische Souveränität, mit der Vargas dies bewerkstelligt, sucht im europaeischen Kriminalroman ihresgleichen.

Vertrautes Personal

Vargas kann sich auf ihr eingeführtes Team verlassen. Matthias, einer der drei Evangelisten aus früheren Romanen, ist dabei, der Experte für Ur- und Frühgeschichte mit unkonventionellem Kleidungsstil. Camille Forestier, Adamsbergs grosse Liebe, hat ihm inzwischen einen Sohn geboren, bleibt aber auf der Kameradschaftsschiene.

Auch Danglard fehlt nicht, fünf Kinder allein erziehend, ein wandelndes Lexikon mit Hang zum Alkohol. Ein eingeschleppter Kater namens "Die Kugel" erweist sich in ungewohnter Funktion als Lebensretter.

Neue Figuren

Herrlich ist die ländliche Männerrunde, mitten aus dem Leben gegriffen und klug kommentierend. Hintersinnig der Neue in der Abteilung, Veyrenc, der in zwölffüssigen Versen spricht und mit dem Kommissar ein Kindheitsgeheimnis teilt. Geheimnisvoll die neue Gerichtsmedizinerin Ariane Lagarde, mit der Adamsberg beinahe einmal im Bett gelandet wäre.

Die letzten Dinge

Der Roman handelt von grossen Themen: der Unausweichlichkeit des Alterns und der Sehnsucht, ihm zu entgehen. Von Liebe und Betrug, von einer Vergangenheit, die in die Gegenwart hineinregiert. Von Einsamkeit und Schuld, Wahn und Wirklichkeit. Und natürlich von der titelgebenden dritten Jungfrau, deren Schicksal der Tod ist, wenn Adamsberg sie nicht vor ihrem Mörder findet.

Die Botschaft der Vargas

Hinter den sinistren Fällen kristallisiert sich eine Botschaft heraus: Es ist der Aberwitz der Menschen, der sie zu Menschen macht. Die kleinen Absonderlichkeiten und Spleens individualisieren die Figuren nicht nur auf wunderbare Weise, sondern schützen sie auch vor dem Dunklen. Die Täter bei Vargas haben nie eine Chance. Ihre Pläne sind zu perfekt, um aufzugehen. Das Leben gehorcht anderen Gesetzen.