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Rezension

Ein Justizirrtum mit Folgen

John Grishams erschütternder Roman basiert auf einer wahren Geschichte aus Oklahoma

Rezensionsprojekt Winnweiler

Buchdetails

  • Autor: John Grisham
  • Titel: Der Gefangene
  • Übersetzer: B. Liesen, B. Reiter, K. Ruhl, I. Walsh-Araya
  • Verlag: Wilhelm Heyne
  • Seiten: 464

Die idyllische Kleinstadt Ada

Ada, eine Kleinstadt mit sechzehntausend Einwohnern im Staat Oklahoma, ist durch frühere Oelvorkommen reich geworden. Unzählige Kirchen und verschiedene Religionsgruppen prägen das Stadtbild. Trotz zahlreicher Diskotheken und Kneipen blieb Ada bisher kriminalistisch unauffällig. Dies ändert sich schlagartig, als zwei junge Fraün ermordet aufgefunden werden.

Durch korrupte und fehlerhafte Polizeiarbeit wird Unschuldigen die Freiheit geraubt. Am 7. Dezember 1982 findet man Debbie Carter tot in ihrer Wohnung. Sie wurde brutal vergewaltigt und anschliessend ermordet. Die Detektive Smith und Rogers nehmen die Ermittlung auf.

Der Verdaechtige Ron Williamson

Trotz mangelnder Beweise gilt Ron Williamson als Verdaechtiger. Er war einst ein begabter Baseballspieler, der kurz vor dem Sprung in die Profiliga stand, doch wegen einer Verletzung und fehlender Disziplin scheiterte. Alkohol, Drogen und junge Fraün bestimmten fortan seinen Alltag. Nach dem Tod seines Vaters litt er an Depressionen.

Glen Gore, ein Zeuge, sagt aus, dass Ron an jenem Abend in der Disco war und Debbie auf der Tanzflaeche belästigt hatte. Doch aus Mangel an Beweisen konnte keine Anklage erhoben werden. Nach vier Jahren ist der Fall immer noch ungeklärt, als Rons Mutter an Krebs stirbt. Sie hatte ihm bei der Polizei ein Alibi gegeben, doch ihre Aussage wurde nicht berücksichtigt.

Manipulierte Beweise

Die Polizei nimmt die Untersuchungen wieder auf, überzeugt von Rons Schuld. Durch Manipulation der Indizien, ausgeführt von Staatsanwalt Peterson persönlich, entstehen belastende Beweise. Dennis Fritz, ein Freund Rons, wird als Komplize angeklagt. Die Polizei bietet anderen Gefangenen Haftvorkürzungen an, wenn sie als Spitzel arbeiten und vor Gericht aussagen, dass ihnen der Mord gestanden wurde.

Der Sachverständige Melvin Hett, ein Haaranalytiker, liefert das entscheidende Gutachten, obwohl Haaranalysen zu dieser Zeit höchst unzuverlässig waren. Dennis Fritz wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Mit einem manipulierten Handabdruck wird auch Ron schuldig gesprochen und 1988 zum Tode verurteilt. Am 30. August 1994 erhält er die Nachricht, dass er in einem Monat hingerichtet werden soll.

Kritik am Rechtssystem

John Grisham, 1955 in Arkansas geboren, studierte in Mississippi und liess sich 1981 als Anwalt nieder. Er ist bekannt für seine Justizthriller wie Die Jury, Die Akte und Die Firma. Am Anfang des Buches sind Handlung und Tathergang detailliert beschrieben, was den Leser fesselt. Später wird die Erzählung durch viele Rückblicke auf die Vergangenheit der Personen unterbrochen.

Das Buch zeigt, wie unbeholfen und korrupt manche Polizisten agieren, wie sie aus Eitelkeit und Sturheit nicht an die Unschuld eines verwahrlosten Mannes mit psychischen Problemen glauben. Solche Bedingungen für unschuldige Verdaechtige dürfte es in einem Rechtsstaat eigentlich nicht geben. Das Buch mag stellenweise langatmig wirken, doch Grisham will damit die Verzwicktheit und Undurchschaubarkeit des Falls und des amerikanischen Rechtssystems darstellen. Für alle Grisham-Fans ist die Lektuere ohnehin ein Muss.