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Rezension

Die Uhr tickt auf Zwölf

Nick McDonells Roman über Drogen und Dekadenz in der New Yorker High Society

Rezensionsprojekt Winnweiler

Buchdetails

  • Autor: Nick McDonell
  • Titel: Zwölf
  • Übersetzer: Thomas Gunkel
  • Verlag: Kiepenheür & Witsch
  • Seiten: 232

Ein Dealer ohne Drogen

Mit einer Schweigeminute für gefallene Schüler beginnt Nick McDonells Erstlingswerk, das sich einem brisanten Thema widmet: dem Drogenkonsum in den privilegierten Kreisen New Yorks. Das Besondere an diesem Roman liegt in der paradoxen Konstellation des Protagonisten. White Mike, der angesehenste Dealer der High Society, hat selbst noch nie etwas genommen, nicht einmal Alkohol.

Die Handlung spielt in den Tagen vor Silvester, wenn sich die wohlhabende Jugend mit Stoff für die Parties eindeckt. White Mike, dünn und blass, mit weissblonden Haaren und einem langen schwarzen Mantel, beliefert die Nachkommen der Upper Class mit seiner neüsten Droge namens Zwölf. Deren Wirkung beschreibt eine Stammkundin als ähnlich wie Kokain, eher wie Ecstasy, dann ganz anders.

Verflochtene Schicksale

McDonell präsentierteine Reihe von Figuren, deren Lebenswege sich auf der grossen Silvesterparty kreuzen werden. Da ist Jessica, das erschreckendste Beispiel einer Abhängigen, die Talkshows mit ihren Kuscheltieren abhält und sich vor dem Spiegel ihrer Stärke versichert. Da sind White Mikes Freunde: Hunter, der unschuldig im Gefängnis sitzt, und Molly, seine Jugendliebe, die nichts von seinen Geschäften ahnt.

Eine zentrale Rolle spielt Sara Ludlow, berechnend und intrigant, die die Silvesterparty organisiert. Sie überredet Chris, die Feier in seiner Villa auszurichten, auf seine Kosten. Ihr Charakter verkörpert jene Gefühllosigkeit und Gleichgueltigkeit, die McDonell der zeitgenössischen Gesellschaft attestiert.

Claude und die Eskalation

Besonders verstörendwirkt die Figur des Claude, Chris' Bruder und fanatischer Sammler von Piranhas und tödlichen Waffen. Was anfangs noch belustigend erscheint, entwickelt sich zu einer bedrohlichen Präsenz. Claude hat seine Drogenkarriere beendet und bekämpft die Langeweile auf andere Weise. Am Ende fügt er alle Handlungsfaeden zusammen, und das Chaos, das sich entlaedt, hat nichts Liebenswertes an sich.

Auf der Party treffen sämtliche Figuren aufeinander, die zuvor ihre eigenen Geschichten lebten. Sie alle kannten einander, wussten aber eigentlich nichts voneinander. Diese Blindheit fuereinander in der vermeintlichen Nähe macht McDonells zynische Sicht auf die Gesellschaft deutlich.

Zwischen Unterhaltung und Tiefgang

Die New York Times lobte das Buch als schnell wie Speed, rasant wie Acid. Diese Beschreibung trifft den Stil, doch der Roman bietet mehr als blosse Unterhaltung. Die ironischen Elemente, etwa die Rückblicke auf White Mikes Leben oder das symbolische Zerreissen seines Mantels, verweisen auf tiefere Schichten.

Für Leser, die sich ein Leben mit Drogen nicht vorstellen können, bietet das Buch einen schockierenden Einblick. Für jene, die mit dem Gedanken an Substanzkonsum spielen, wirkt es abschreckend. McDonell macht unmissverständlich klar: Drogen schaffen nur Probleme. Sein Buch verbindet Unterhaltungswert mit einer Botschaft, ohne dabei belehrend zu wirken.