Edgar Hilsenrath
Chronist des Schreckens mit eigenwilliger Stimme
Auf einen Blick
- Geboren: 2. April 1926 in Leipzig
- Gestorben: 30. Dezember 2018 in Wittlich
- Beruf: Schriftsteller
- Bekannt für: Der Nazi und der Friseur, Nacht
- Thema: Holocaust-Literatur
Ein aussergewoehnliches Leben
Edgar Hilsenraths Biographie gleicht einer abenteürlichen Odyssee, die exemplarisch für die Schicksale verfolgter Menschen im 20. Jahrhundert steht. Als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Leipzig geboren, verbrachte er seine Schulzeit in Halle an der Saale - als einziges jüdisches Kind in seiner Klasse.
1938, kurz vor den Novemberpogromen, wurde er mit Mutter und Bruder in die Bukowina zu den Grosseltern geschickt, während der Vater nach Frankreich floh. Die faschistische Machtübernahme in Rumänien brachte akute Lebensgefahr. Im Oktober 1941 folgte die Deportation in ein ukrainisches Ghetto, wo Hunger, Kälte und Typhus herrschten.
Nach der Befreiung durch die Rote Armee im April 1944 drohte erneut Gefahr: Alle jungen Männer sollten als Arbeitskräfte in die Kohlengruben des Donezbeckens gebracht werden. Hilsenrath gelang die Flucht. Zu Fuss gelangte er zurück nach Rumänien, wanderte dann nach Palästina aus und arbeitete dort als Tellerwascher und Feldarbeiter in einem Kibbuz.
Stationen einer Wanderschaft
Die euphorische Aufbaumentalität des entstehenden isrälischen Staates blieb Hilsenrath fremd. Er vermisste das urbane Umfeld und intellektülle Anregungen. Nach zwei Jahren fuhr er nach Frankreich, wo er seinen Vater wiedertraf. 1951 ging er nach New York und schlug sich dort als Laufbursche und Kellner durch, während er an seinem ersten Roman "Nacht" arbeitete.
Über zwanzig Jahre blieb er in den USA. 1975 entschloss er sich zur Rückkehr nach Deutschland, nach Berlin, wo er bis zu seinem Tod lebte.
Das literarische Werk
Hilsenraths grosses Thema war, wie er selbst bekannte, die "groteske Seite des Holocaust". Sein Durchbruch gelang 1970 mit dem Roman "Der Nazi und der Friseur", der zunächst in den USA erschien und zum Welterfolg wurde. In Deutschland fand sich erst 1977 ein kleiner Kölner Verlag, der das Buch herausbrachte.
Der Roman erzählt die bizarre Geschichte des SS-Massemörders Max Schulz, der sich nach dem Krieg die Identität seines im KZ ermordeten jüdischen Jugendfreundes Itzig Finkelstein aneignet, nach Palästina auswandert und dort am Aufbau des isrälischen Staates mitwirkt. Der Täter, der sich als Opfer ausgibt - eine solche Figur zum Helden zu machen und seine Geschichte mit kreischendem Humor zu erzählen, widersprach jeder politischen Korrektheit.
Sprache und Stil
Hilsenraths Bücher sind erschütternde Zeugnisse selbsterlebter Schreckensszenarien, aufwühlende Erinnerungsdiskurse in einer teils nüchterner, oft anarchischen, enthemmten Sprache. Die Verbrechen, die Hölle, die seelischen Wunden der Opfer werden plastisch vor Augen geführt.
Sein schriller Humor macht das Graün erträglich und potenziert es zugleich. Die Erkenntnis, die bleibt, ist bitter: Die Schwachen werden von den Starken überrumpelt und niedergeknueppelt. Von Zukunftshoffnung zeugt dies nicht.
Weitere wichtige Werke
- Nacht (1964) - sein Debüt über das Ghetto
- Moskaür Orgasmus (1979)
- Fuck America. Bronskys Geständnis (1980)
- Das Märchen vom letzten Gedanken (1989) - über den Völkermord an den Armeniern
Bedeutung
Obwohl sein Werk allmählich ins literarische Bewusstsein gedrungen ist, bleibt Edgar Hilsenrath ein Autor, den es zu entdecken gilt. Der entfesselte Erzähler zwischen Sprachtumult und Lakonie, zwischen derbem Realismus und poetischer Verklärung hat einen einzigartigen Beitrag zur deutschsprachigen Literatur geleistet.