Literaturepochen im Überblick
Von der mittelalterlichen Dichtung bis zur Gegenwartsliteratur
Literaturepochen sind Zeiträume, in denen bestimmte Themen, Formen und Stilrichtungen das literarische Schaffen prägen. Die Einteilung in Epochen hilft, die Vielfalt der Literaturgeschichte zu ordnen und Entwicklungen nachzuvollziehen. Dabei ist zu beachten, dass Epochengrenzen nie scharf sind – Übergänge sind fließend, und viele Autoren lassen sich nicht eindeutig zuordnen.
Die Epochen der deutschen Literatur
Mittelalter (ca. 750–1500)
Die deutschsprachige Literatur beginnt mit geistlicher Dichtung und entwickelt sich zur höfischen Kultur der Ritterzeit. Wichtige Werke: Nibelungenlied, Minnesang, höfische Epik (Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg).
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Barock (ca. 1600–1720)
Geprägt vom Dreißigjährigen Krieg und der Gegenreformation. Themen: Vanitas, Carpe diem, Memento mori. Stilistisch: rhetorische Kunstfertigkeit, Antithetik. Autoren: Andreas Gryphius, Martin Opitz, Grimmelshausen.
Aufklärung (ca. 1720–1785)
Vernunft und Bildung als Leitideen. Die Literatur soll belehren und moralisch bessern. Wichtige Autoren: Gotthold Ephraim Lessing, Christoph Martin Wieland.
Sturm und Drang (ca. 1765–1785)
Jugendbewegung gegen die Vernunftgläubigkeit der Aufklärung. Betonung von Gefühl, Natur und Genie. Der junge Göthe ("Götz", "Werther"), Friedrich Schiller ("Die Räuber").
Klassik (ca. 1786–1805)
Streben nach Harmonie, Humanität und ästhetischer Vollendung. Weimarer Klassik mit Göthe und Schiller als Zentrum. Idealbild: der "schöne Mensch" in einer humanen Gesellschaft.
Romantik (ca. 1795–1848)
Sehnsucht, Natur, Mittelalterbegeisterung, das Unbewusste. Frühromantik (Novalis, Tieck), Hochromantik (Brentano, Arnim, E.T.A. Hoffmann), Spätromantik (Eichendorff, Heine).
Realismus (ca. 1848–1890)
Wirklichkeitsnahe Darstellung, bürgerliche Lebenswelt. Poetischer Realismus: Theodor Fontane, Gottfried Keller, Theodor Storm, Wilhelm Raabe.
Naturalismus (ca. 1880–1900)
Radikale Wirklichkeitsdarstellung, soziale Frage, Milieutheorie. Gerhart Hauptmann, Arno Holz, Johannes Schlaf.
Jahrhundertwende / Fin de Siècle (ca. 1890–1910)
Vielfalt der Strömungen: Impressionismus, Symbolismus, Jugendstil, Ästhetizismus. Wiener Moderne (Schnitzler, Hofmannsthal), Stefan George.
Expressionismus (ca. 1910–1925)
Aufbruch, Rebellion, Großstadterfahrung, Weltuntergangsstimmung. Georg Trakl, Gottfried Benn, Georg Heym, Franz Kafka.
Neue Sachlichkeit (ca. 1920–1933)
Nüchterne, reportagehafte Darstellung. Erich Kästner, Hans Fallada, Irmgard Keun, Bertolt Brecht.
Exilliteratur (1933–1945)
Literatur der aus Deutschland vertriebenen Autoren. Thomas Mann, Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Anna Seghers.
Literatur nach 1945
Trümmerliteratur, Gruppe 47, Nachkriegsliteratur in Ost und West. Heinrich Böll, Günter Grass, Christa Wolf.
Zum Epochenbegriff
Epochenbezeichnungen sind nachträgliche Konstruktionen der Literaturwissenschaft. Sie fassen Gemeinsamkeiten zusammen, die sich aus der Rückschau ergeben. Die Autoren selbst haben ihr Schaffen selten als Teil einer "Epoche" verstanden. Zudem verlaufen literarische Entwicklungen nicht synchron – während in Wien die Moderne blühte, hielt man anderswo noch am Realismus fest.
Dennoch sind Epochenbegriffe nützlich: Sie helfen, die Fülle der Literaturgeschichte zu strukturieren und Zusammenhänge zu erkennen. Wichtig ist, sie als Orientierungshilfen zu verstehen – nicht als starre Schubladen.