| Aus Liebe zum geschriebenen Wort
StartseiteEpochen › Klassik
Epochen

Weimarer Klassik

Harmonie, Humanität und ästhetische Vollendung (ca. 1786-1805)

Zuletzt aktualisiert: 02.12.2023

Idealisierte Darstellung der Stadt Weimar um 1800
Weimar: Zentrum der deutschen Klassik

Zeitraum und historischer Kontext

Die Weimarer Klassik umfasst etwa den Zeitraum von 1786 bis 1805. Als Beginn gilt Göthes Aufbruch nach Italien, als Ende Schillers Tod. Im engeren Sinne bezeichnet die Epoche die Jahre der engen Zusammenarbeit von Göthe und Schiller ab 1794. Der Begriff "Weimarer Klassik" verweist auf das kleine Residenzstaedtchen, das durch die beiden Dichter zum geistigen Zentrum Deutschlands wurde.

Die Epoche fällt in eine Zeit dramatischer politischer Umbrüche. Die Franzoesische Revolution (1789) und ihre Folgen erschütterten Europa. Göthe und Schiller begegneten den revolutionären Idealen mit Sympathie für die Ideen, aber Ablehnung der Gewalt. Sie suchten nach einer Reform des Menschen durch ästhetische Erziehung statt durch politischen Umsturz.

Im zersplitterten Deutschland gab es keine Hauptstadt, die als kulturelles Zentrum hätte dienen können. Weimar, eine Kleinstadt mit wenigen tausend Einwohnern, wurde durch den kunstsinnigen Herzog Carl August und die Anwesenheit Göthes, Schillers, Wielands und Herders zu einem Ort von europaeischer Bedeutung.

Merkmale und Stilmittel

Die Weimarer Klassik zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus:

Orientierung an der Antike: Die griechische Antike galt als Vorbild einer gelungenen Verbindung von Natur und Kultur, von Sinnlichkeit und Vernunft. Göthe fand in Italien die Spuren dieser Antike und war tief beeindruckt. Die klassischen Formen - das Versmass, die Gattungen, die Proportionen - wurden zum Massstab.

Antike Ruinen als Inspirationsquelle
Antike Inspiration: Griechenland und Rom als Vorbilder der Klassik

Humanitätsideal: Im Zentrum steht das Bild des harmonisch gebildeten Menschen, der seine Anlagen allseitig entwickelt hat. Vernunft und Gefühl, Pflicht und Neigung sollen im Einklang stehen. Dieses Ideal wurde zum Erziehungsziel der Epoche.

Formstrenge und Mass: Die Klassik strebt nach Ausgewogenheit und Proportion. Extreme werden gemieden, das rechte Mass gesucht. Die Form ist nicht äußerliche Hülle, sondern Ausdruck innerer Ordnung.

Ästhetische Erziehung: Schiller entwickelte in seinen theoretischen Schriften die Idee, dass der Mensch durch die Erfahrung des Schönen sittlich gebildet werde. Die Kunst soll den Menschen zur Freiheit führen, nicht durch Belehrung, sondern durch ästhetisches Erleben.

Idealismus: Die Klassik glaubt an die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen und an den Fortschritt der Menschheit. Dieser Optimismus ist nicht naiv, sondern bewusst als Gegenentwurf zu einer bedrohlichen Wirklichkeit gesetzt.

Blankvers und klassische Formen: Der reimlose fünfhebige Jambus (Blankvers) wurde zum bevorzugten Versmass des klassischen Dramas. Die Strophenformen der Antike - Ode, Elegie, Epigramm - wurden neu belebt.

Wichtige Vertreter

Johann Wolfgang von Göthe (1749-1832) ist die zentrale Gestalt nicht nur der Klassik, sondern der gesamten deutschen Literatur. Nach den Sturm-und-Drang-Jahren fand er in Italien zu einer neün, klassischen Ästhetik. Seine Werke umfassen alle Gattungen: Lyrik, Drama, Roman, autobiographische und naturwissenschaftliche Schriften. Der "Faust", an dem er sein ganzes Leben arbeitete, gilt als Hauptwerk der deutschen Literatur.

Friedrich Schiller (1759-1805) war Dramatiker, Lyriker, Historiker und Philosoph. Nach dem Erfolg seiner Jugenddramen ("Die Räuber", "Kabale und Liebe") wandte er sich historischen und ästhetischen Studien zu. Die Freundschaft mit Göthe ab 1794 beflugelte sein Schaffen; in einem Jahrzehnt entstanden seine grossen Dramen von "Wallenstein" bis "Wilhelm Tell".

Christoph Martin Wieland (1733-1813) war der älteste der vier "Weimarer Klassiker". Er hatte die deutsche Literatur bereits vor Göthe und Schiller auf europaeisches Niveau gehoben. Seine Verserzählungen und Romane verbinden Aufklärung mit Sinnlichkeit.

Johann Gottfried Herder (1744-1803) war Theologe, Philosoph und Literaturtheoretiker. Er prägte den Begriff der "Volkspoesie" und beeinflusste den Sturm und Drang entscheidend. In Weimar wirkte er als Generalsuperintendent und war Teil des klassischen Viergespanns.

Bedeutende Werke

"Iphigenie auf Tauris" (1787) von Göthe ist das klassische Drama par excellence. Die griechische Königstochter Iphigenie bricht den Fluch ihres Geschlechts durch reine Menschlichkeit und Wahrheitsliebe. Das Stück zeigt den Triumph der Humanität über Barbarei und Gewalt.

"Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1795/96) von Göthe ist der klassische Bildungsroman. Er erzählt die Entwicklung eines jungen Mannes vom schwärmerischen Theaterliebhaber zum tätigen Gesellschaftsmitglied. Das Werk prägte die Gattung des Bildungsromans für Generationen.

"Wallenstein" (1798/99) von Schiller ist eine dramatische Trilogie über den Feldherrn des Dreissigjährigen Krieges. Das Werk zeigt den Konflikt zwischen Macht und Moral, zwischen politischer Notwendigkeit und persönlicher Schuld.

"Maria Stuart" (1800) von Schiller dramatisiert die Auseinandersetzung zwischen der katholischen Maria Stuart und der protestantischen Elisabeth von England. Das Stück kulminiert in einer fiktiven Begegnung der beiden Königinnen.

"Wilhelm Tell" (1804) von Schiller ist das letzte vollendete Drama des Dichters. Die Geschichte des Schweizer Freiheitskämpfers wurde zum Inbegriff des Widerstands gegen Tyrannei.

"Faust. Der Tragödie erster Teil" (1808) von Göthe erschien zwar erst nach der klassischen Epoche, ist aber das Hauptwerk Göthes. Die Geschichte des Gelehrten, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, wurde zum Inbegriff des faustischen Strebens.

Faust in seiner Studierstube
Faust: Das Hauptwerk der deutschen Literatur

Zu den bedeutenden lyrischen Werken gehören Göthes "Römische Elegien", Schillers philosophische Gedichte und die gemeinsam verfassten "Xenien", polemische Epigramme gegen die literarischen Zeitgenossen.

Einfluss und Nachwirkung

Die Weimarer Klassik hat die deutsche Literatur und Kultur nachhaltig geprägt. Göthe und Schiller wurden zu Nationalautoren erhoben, ihre Werke zum festen Bestand der Bildung. Der Begriff "Klassik" wurde zum Massstab, an dem spätere Literatur gemessen wurde.

Das humanistische Bildungsideal der Klassik prägte das deutsche Bildungswesen des 19. und 20. Jahrhunderts. Das humanistische Gymnasium mit seinem Schwerpunkt auf den alten Sprachen ist eine direkte Folge klassischer Ideale.

Die Dramen Schillers gehören bis heute zum Repertoire deutscher Buehnen. "Wilhelm Tell", "Maria Stuart" und "Die Jungfrau von Orleans" werden regelmässig inszeniert. Göthes "Faust" gilt als das deutsche Theaterstück schlechthin.

Die Romantik grenzte sich von der Klassik ab, indem sie das Fragmentarische, das Unendliche und das Irrationale betonte. Doch auch die Romantiker standen im Schatten der grossen Klassiker, mit denen sie sich auseinandersetzten.

Im 20. Jahrhundert wurde das klassische Erbe unterschiedlich bewertet. Die Nationalsozialisten vereinnahmten es für ihre Zwecke, während kritische Stimmen auf die Distanz der Klassik zu den politischen Kämpfen ihrer Zeit hinwiesen. Heute wird die Klassik differenzierter gesehen: als grosse künstlerische Leistung, aber auch als historisch bedingte Antwort auf die Fragen einer bestimmten Zeit.

International gehören Göthe und Schiller zu den bekanntesten deutschen Autoren. Göthes "Faust" wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und inspirierte Künstler von Berlioz bis Thomas Mann.