Realismus
Poetische Veredelung der Wirklichkeit (ca. 1848-1890)
Zeitraum und historischer Kontext
Der Realismus in der deutschen Literatur umfasst etwa den Zeitraum von 1848 bis 1890. Die gescheiterte Revolution von 1848 markiert den Beginn: Nach dem Scheitern der bürgerlichen Hoffnungen auf politische Mitbestimmung zog sich das Bürgertum ins Private zurück. Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 und die anschliessende Gründerzeit brachten wirtschaftlichen Aufschwung, aber auch soziale Verwerfungen.
Die Epoche ist geprägt vom Aufstieg des Bürgertums zur bestimmenden gesellschaftlichen Kraft. Industrialisierung und Urbanisierung veränderten die Lebenswelt grundlegend. Die Naturwissenschaften erlebten eine Blütezeit, und der Glaube an Fortschritt und Vernunft prägte das Denken der Zeit.
Der deutsche Realismus unterscheidet sich vom franzoesischen und englischen durch seine poetische Veredelung der Wirklichkeit. Während Balzac und Dickens auch das Hässliche und Abstossende darstellten, mied der deutsche "poetische Realismus" das Extreme und suchte das Versöhnliche, Ausgleichende.
Merkmale und Stilmittel
Der Realismus zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus:
Poetischer Realismus: Die Wirklichkeit wird nicht photographisch abgebildet, sondern künstlerisch verklärt. Das Alltägliche wird erhöht, das Banale poetisch geformt. Otto Ludwig prägte den Begriff "poetischer Realismus" zur Abgrenzung vom bloss dokumentarischen Realismus.
Objektivität und Distanz: Der Erzähler tritt zurück und lässt die Figuren und Ereignisse für sich sprechen. Auktoriale Kommentare werden sparsam eingesetzt. Die Leser sollen sich selbst ein Urteil bilden.
Bürgerliche Lebenswelt: Im Zentrum stehen bürgerliche Figuren in ihrer alltäglichen Umgebung. Die Welt des Adels und der unteren Schichten wird am Rande behandelt, aber nicht zum Hauptgegenstand.
Psychologische Vertiefung: Die Figuren werden in ihrer inneren Entwicklung gezeigt. Ihre Motivationen, Konflikte und Wandlungen werden sorgfältig herausgearbeitet.
Humor und Ironie: Ein milder, versöhnlicher Humor durchzieht viele Werke des Realismus. Die Ironie ist nicht beissend, sondern verständnisvoll. Sie dient der Distanzierung, nicht der Vernichtung.
Regionalismus: Viele Werke sind in bestimmten Landschaften verankert - Fontanes Brandenburg, Storms Schleswig-Holstein, Kellers Schweiz, Raabes Braunschweig. Die Landschaft ist mehr als Kulisse; sie prägt Mentalität und Lebensform der Figuren.
Novelle als bevorzugte Gattung: Neben dem Roman ist die Novelle die wichtigste Gattung des Realismus. Ihre straffe Form und Konzentration auf ein zentrales Ereignis entsprachen dem ästhetischen Ideal der Epoche.
Wichtige Vertreter
Theodor Fontane (1819-1898) gilt als bedeutendster Vertreter des deutschen Realismus. Nach Jahrzehnten als Journalist und Reiseschriftsteller begann er erst mit fast sechzig Jahren, Romane zu schreiben. Werke wie "Effi Briest", "Frau Jenny Treibel" und "Der Stechlin" gehören zu den Meisterwerken deutscher Erzählkunst.
Gottfried Keller (1819-1890) war der bedeutendste Schweizer Erzähler des 19. Jahrhunderts. Sein Bildungsroman "Der grüne Heinrich" und der Novellenzyklus "Die Leute von Seldwyla" zeigen meisterhafte Verbindung von Realismus und Humor.
Theodor Storm (1817-1888) schuf in seinen Novellen unvergleichliche Stimmungsbilder seiner schleswig-holsteinischen Heimat. "Der Schimmelreiter", sein letztes und beruhmtestes Werk, verbindet realistische Darstellung mit mythischen Elementen.
Wilhelm Raabe (1831-1910) entwickelte in seinen Romanen einen eigenwilligen, oft skurrilen Erzählstil. Werke wie "Stopfkuchen" und "Die Akten des Vogelsangs" wurden erst im 20. Jahrhundert als Meisterwerke erkannt.
Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) schrieb historische Novellen von grosser sprachlicher Prägnanz. "Das Amulett", "Der Heilige" und "Die Versuchung des Pescara" zeigen seinen Sinn für dramatische Zuspitzung.
Weitere wichtige Autoren sind Gustav Freytag ("Soll und Haben"), Friedrich Spielhagen und Marie von Ebner-Eschenbach, die bedeutendste österreichische Erzählerin der Epoche.
Bedeutende Werke
"Effi Briest" (1894/95) von Theodor Fontane erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die an den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit zugrunde geht. Der Roman ist ein Meisterwerk psychologischer Darstellung und subtiler Gesellschaftskritik.
"Der grüne Heinrich" (1854/55, überarbeitet 1879/80) von Gottfried Keller ist ein grosser Bildungsroman, der die Entwicklung eines Künstlers von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter verfolgt. Das autobiographisch gefärbte Werk vereint Realismus mit poetischer Vertiefung.
"Der Schimmelreiter" (1888) von Theodor Storm ist eine Novelle über den Deichgrafen Hauke Haien, der gegen die Naturgewalten und den Aberglauben seiner Zeit kämpft. Das Werk verbindet realistische Schilderung mit sagenhaften Elementen.
"Die Leute von Seldwyla" (1856/1874) von Gottfried Keller ist ein Novellenzyklus über die Bewohner eines fiktiven Schweizer Städtchens. Enthalten sind Meisternovellen wie "Romeo und Julia auf dem Dorfe" und "Kleider machen Leute".
"Frau Jenny Treibel" (1892) von Theodor Fontane ist ein Gesellschaftsroman über das Berliner Grossbürgertum. Mit feiner Ironie entlarvt Fontane die Kluft zwischen sentimentalen Bekenntnissen und materiellem Kalkuel.
Einfluss und Nachwirkung
Der Realismus schuf Werke von bleibendem Rang. Fontanes Romane gehören zum festen Bestand der Schullektuere und werden bis heute gelesen und verfilmt. "Effi Briest" hat zahlreiche Adaptionen erfahren und gilt als einer der wichtigsten deutschen Romane überhaupt.
Die Techniken des Realismus - psychologische Vertiefung, objektive Darstellung, Verzicht auf auktoriale Belehrung - wurden von späteren Strömungen aufgegriffen und weiterentwickelt. Thomas Mann knuepfte in seinen frühen Werken bewusst an Fontane an.
Der Naturalismus verstand sich als Radikalisierung des Realismus: Er wollte die Wirklichkeit noch genaür, noch schonungsloser abbilden. Zugleich kritisierte er die Versöhnlichkeit des poetischen Realismus als Beschönigung.
International steht der deutsche Realismus im Kontext einer europaeischen Bewegung. Vergleichbare Entwicklungen finden sich in Frankreich (Balzac, Flaubert), England (Dickens, George Eliot), Russland (Tolstoi, Turgenjew) und Skandinavien (Ibsen). Der deutsche Realismus zeichnet sich durch seinen poetischen Charakter und seine regionale Verankerung aus.
Die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, die der Realismus aufwarf, bleibt bis heute aktüll. Jede Generation muss neu bestimmen, wie Literatur auf die Welt Bezug nehmen kann und soll.