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Romantik

Sehnsucht, Natur und die Entdeckung des Unbewussten (ca. 1795-1848)

Zuletzt aktualisiert: 28.08.2023

Einsamer Wanderer auf Bergspitze blickt ueber neblige Taeler
Der Wanderer: Sinnbild romantischer Sehnsucht

Zeitraum und historischer Kontext

Die Romantik erstreckt sich in der deutschen Literatur etwa von 1795 bis 1848. Sie entstand als Reaktion auf die Aufklärung und die Weimarer Klassik, deren Vernunftglaube und Formstrenge als zu eng empfunden wurden. Die Franzoesische Revolution (1789) und die napoleonischen Kriege prägten das politische Umfeld und weckten nationale Gefühle.

Die Epoche wird traditionell in drei Phasen unterteilt: Die Frühromantik (ca. 1795-1804) mit Zentrum in Jena, die Hochromantik (ca. 1804-1815) mit Schwerpunkt in Heidelberg, und die Spätromantik (ca. 1815-1848), die vor allem in Berlin beheimatet war. Jede Phase hatte ihre eigenen Akzente, doch verbindet sie ein gemeinsames Grundgefühl: die Sehnsucht nach dem Unendlichen, dem Geheimnisvollen, dem Anderen.

Die Industrialisierung begann in dieser Zeit, die traditionelle Lebenswelt aufzuloesen. Viele Romantiker reagierten darauf mit einer Idealisierung der Vergangenheit, insbesondere des Mittelalters, und mit einer Hinwendung zur Natur als Gegenwelt zur entstehenden modernen Gesellschaft.

Merkmale und Stilmittel

Die Romantik zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus:

Sehnsucht und die blaue Blume: Die romantische Sehnsucht richtet sich auf ein unbestimmtes Ziel, das nie ganz erreicht werden kann. Die blaue Blume aus Novalis' Roman "Heinrich von Ofterdingen" wurde zum Symbol dieser Sehnsucht nach dem Unendlichen, nach einer höheren Wahrheit jenseits der Alltagswelt.

Die blaue Blume als Symbol der Romantik
Die blaue Blume: Zentrales Symbol romantischer Sehnsucht

Natur als Spiegel der Seele: Die Natur ist für die Romantiker nicht bloss Kulisse, sondern lebendiger Ausdruck des Göttlichen. Sie korrespondiert mit der menschlichen Seele und kann Gefühle spiegeln oder wecken. Wald, Nacht und Mondschein sind bevorzugte Motive.

Mittelalterbegeisterung: Das Mittelalter galt den Romantikern als Zeit der Einheit von Glauben, Kunst und Leben. Sie sammelten Volkslieder und Märchen, begeisterten sich für gotische Architektur und entdeckten die altdeutsche Literatur neu.

Verwunschener Maerchenwald
Maerchenwald: Die Romantiker entdeckten Volksmaerchen und Sagen neu

Das Unbewusste und das Unheimliche: Die Romantik entdeckte die Nachtseiten der menschlichen Seele. Träume, Wahnvorstellungen, Doppelgängertum und das Dämonische wurden zu wichtigen Themen, besonders bei E.T.A. Hoffmann.

Romantische Ironie: Die Romantiker wussten um die Grenzen ihrer eigenen Kunst. Die romantische Ironie bricht die Illusion des Kunstwerks auf, indem der Autor seine eigene Künstlichkeit reflektiert und das Erzählte relativiert.

Universalpoesie und Synasthesie: Die Romantiker strebten nach einer Verschmelzung aller Künste und Gattungen. Poesie sollte Musik werden, Musik sollte malen. Die Grenzen zwischen den Künsten sollten aufgehoben werden.

Wichtige Vertreter

Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772-1801) war der Dichter-Philosoph der Frühromantik. Sein früh durch Tuberkulose beendetes Leben wurde selbst zur romantischen Legende. Sein unvollendeter Roman "Heinrich von Ofterdingen" und die "Hymnen an die Nacht" gehören zu den bedeutendsten Werken der Epoche.

Ludwig Tieck (1773-1853) war einer der vielseitigsten Romantiker. Er schrieb Märchen, Novellen und Dramen und wurde später zu einem wichtigen Vermittler romantischer Literatur. Sein "Franz Sternbalds Wanderungen" (1798) gilt als erster romantischer Roman.

Clemens Brentano (1778-1842) und Achim von Arnim (1781-1831) gaben gemeinsam die Volksliedsammlung "Des Knaben Wunderhorn" (1805-1808) heraus, die grossen Einfluss auf die deutsche Lyrik hatte. Brentano schrieb zudem bedeutende Erzählungen und Gedichte.

E.T.A. Hoffmann (1776-1822) war Jurist, Komponist, Zeichner und Schriftsteller. Seine phantastischen Erzählungen, in denen sich Alltag und Unheimliches durchdringen, machten ihn weltberuehmt. Werke wie "Der Sandmann", "Der goldne Topf" und "Die Elixiere des Teufels" beeinflussten die Weltliteratur nachhaltig.

Das Unheimliche in E.T.A. Hoffmanns Werk
Das Unheimliche: E.T.A. Hoffmann entdeckte die Nachtseiten der Seele

Joseph von Eichendorff (1788-1857) war der bedeutendste Lyriker der Spätromantik. Seine Gedichte, vielfach vertont, gehören zum festen Bestand deutscher Lyrik. Seine Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts" (1826) ist ein Meisterwerk romantischer Erzählkunst.

Heinrich Heine (1797-1856) steht am Übergang von der Romantik zur Moderne. Er nutzte romantische Formen, brach sie aber ironisch. Sein "Buch der Lieder" (1827) wurde enorm populär, seine spätere Prosa und Lyrik sind von beissender Zeitkritik geprägt.

Bedeutende Werke

"Heinrich von Ofterdingen" (1802) von Novalis ist der romantische Roman schlechthin. Die Suche des mittelalterlichen Dichters nach der blaün Blume wird zur Allegorie der romantischen Sehnsucht nach dem Unendlichen.

"Des Knaben Wunderhorn" (1805-1808) von Arnim und Brentano ist eine Sammlung von Volksliedern, die das Bild von der deutschen Volkspoesie nachhaltig prägte. Viele Gedichte wurden von Komponisten wie Mahler und Brahms vertont.

"Der Sandmann" (1816) von E.T.A. Hoffmann ist eine verstörende Erzählung über Wahnsinn, Automaten und die Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung. Sigmund Freud analysierte sie in seinem beruhmten Essay über "Das Unheimliche".

"Aus dem Leben eines Taugenichts" (1826) von Joseph von Eichendorff erzählt von einem sorglosen Wanderer, der ohne Plan durch die Welt zieht und am Ende sein Glück findet. Die Novelle ist ein Höhepunkt romantischer Erzählkunst.

"Buch der Lieder" (1827) von Heinrich Heine versammelt Gedichte von grosser melodischer Schönheit, die vielfach vertont wurden. Das Werk machte Heine zum meistgelesenen deutschen Dichter seiner Zeit.

Die Märchen der Brüder Grimm (ab 1812) und die Volksmärchen von Ludwig Bechstein gehören ebenfalls zu den wichtigen Leistungen der romantischen Epoche.

Einfluss und Nachwirkung

Die Romantik hat das deutsche Selbstverständnis und die deutsche Kultur tief geprägt. Die Vorstellung von der "deutschen Seele", die Begeisterung für Wald und Natur, die Wertschätzung von Volkslied und Märchen - all das geht auf die Romantik zurück. Diese Prägung war nicht nur positiv: Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde romantisches Gedankengut auch für nationalistische Zwecke missbraucht.

Künstlerisch wirkte die Romantik weit über ihre Epoche hinaus. Die Musik des 19. Jahrhunderts ist ohne die romantische Ästhetik nicht denkbar. Komponisten wie Schumann, Brahms und Wagner griffen romantische Themen und Formen auf. Die romantische Oper und das Kunstlied sind direkte Früchte dieser Epoche.

In der Literatur beeinflusste die Romantik den Symbolismus, den Surrealismus und die phantastische Literatur. E.T.A. Hoffmanns Erzählungen wirkten auf Edgar Allan Poe, Dostojewski und Franz Kafka. Die Beschäftigung mit dem Unbewussten nahm psychoanalytische Erkenntnisse vorweg.

Bis heute ist die Romantik lebendig: in der Fantasy-Literatur, in der Begeisterung für das Mittelalter, in der Natursehnsucht und in der Suche nach dem Geheimnisvollen jenseits der rationalen Welt.