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Epochen

Naturalismus

Radikale Wirklichkeitsdarstellung und soziale Anklage (ca. 1880-1900)

Zuletzt aktualisiert: 17.07.2023

Erschoepfte Textilarbeiter in dunkler Fabrikhalle
Soziale Realitaet: Die Weber als Motiv des Naturalismus

Zeitraum und historischer Kontext

Der Naturalismus umfasst in der deutschen Literatur etwa den Zeitraum von 1880 bis 1900. Er entstand in einer Phase rasanter gesellschaftlicher Umbrüche: Die Industrialisierung schritt unaufhaltsam voran, die Bevölkerung wuchs rapide, und in den Städten bildete sich ein Industrieproletariat unter oft menschenunwürdigen Bedingungen. Das Deutsche Reich unter Bismarck erlebte trotz wirtschaftlichen Aufschwungs massive soziale Spannungen.

Die Naturalisten reagierten auf diese Verhältnisse mit dem Anspruch, die Wirklichkeit ungefiltert darzustellen. Sie wandten sich gegen die als verlogen empfundene Literatur des Bürgertums und wollten die sozialen Missstände sichtbar machen. Dabei stützten sie sich auf wissenschaftliche Theorien ihrer Zeit, insbesondere auf den Positivismus, die Evolutionslehre Darwins und die Milieutheorie des franzoesischen Philosophen Hippolyte Taine.

Elendsviertel der Grossstadt
Grossstadt-Elend: Die Schattenseiten der Industrialisierung

Merkmale und Stilmittel

Der Naturalismus zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus:

Determinismus: Der Mensch wird als Produkt seiner Erbanlagen und seines sozialen Milieus verstanden. Er ist nicht frei in seinen Entscheidungen, sondern durch äußere Faktoren bestimmt. Diese Auffassung prägt die Figurenzeichnung und Handlungsführung naturalistischer Werke.

Sekundenstil: Arno Holz und Johannes Schlaf entwickelten eine Erzähltechnik, die Vorgänge in kleinsten Zeiteinheiten wiedergibt. Jede Geste, jedes Zögern, jeder Laut wird protokolliert. Das Ziel ist eine lückenlose Abbildung der Realität.

Dialekt und Soziolekt: Die Figuren sprechen in ihrer natürlichen Sprechweise, einschliesslich Dialekt, Stottern und unvollständiger Sätze. Die literarische Hochsprache wird zugunsten authentischer Redeweisen aufgegeben.

Hässlichkeit und Tabubruch: Krankheit, Armut, Alkoholismus, Prostitution und andere gesellschaftliche Schattenthemen werden ungeschönt dargestellt. Der Naturalismus scheut nicht vor dem Hässlichen zurück.

Drama als bevorzugte Gattung: Obwohl auch naturalistische Prosa entstand, war das Drama die wichtigste Gattung. Die Buehne ermöglichte eine unmittelbare, sinnlich erfahrbare Darstellung sozialer Zustände.

Wichtige Vertreter

Gerhart Hauptmann (1862-1946) gilt als bedeutendster Dramatiker des deutschen Naturalismus. Mit Stücken wie "Vor Sonnenaufgang" (1889) und "Die Weber" (1892) schuf er Meisterwerke der Epoche. Sein Werk "Die Weber" über den schlesischen Weberaufstand von 1844 wurde wegen seiner sozialkritischen Schärfe zunächst verboten. 1912 erhielt Hauptmann den Nobelpreis für Literatur.

Arno Holz (1863-1929) war der wichtigste Theoretiker des Naturalismus. In seiner Schrift "Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze" (1891) formulierte er die beruehmte Formel "Kunst = Natur - x", wobei x für die unvermeidlichen Unzulänglichkeiten des künstlerischen Materials steht. Gemeinsam mit Johannes Schlaf verfasste er die Prosaskizzen "Papa Hamlet" (1889) und das Drama "Die Familie Selicke" (1890).

Johannes Schlaf (1862-1941) arbeitete eng mit Arno Holz zusammen und entwickelte mit ihm den Sekundenstil. Später wandte er sich vom Naturalismus ab und spiritüllen Themen zu.

Weitere wichtige Autoren sind Max Halbe ("Jugend", 1893), Hermann Sudermann ("Die Ehre", 1889) und Carl Hauptmann, der ältere Bruder Gerhart Hauptmanns.

Bedeutende Werke

"Vor Sonnenaufgang" (1889) von Gerhart Hauptmann war das Durchbruchswerk des deutschen Naturalismus. Das Drama schildert den Verfall einer durch Reichtum korrumpierten schlesischen Baürnfamilie und den Alkoholismus als Erbkrankheit.

"Die Weber" (1892) von Gerhart Hauptmann dramatisiert den Aufstand der schlesischen Weber von 1844. Das Stück hat keinen individüllen Helden, sondern zeigt das kollektive Schicksal einer ausgebeuteten Gruppe.

"Papa Hamlet" (1889) von Arno Holz und Johannes Schlaf gilt als Musterbeispiel des konsequenten Naturalismus. Die Prosaskizzen zeigen das Elend eines heruntergekommenen Schauspielers mit photographischer Genauigkeit.

"Die Familie Selicke" (1890) von Holz und Schlaf führt den Sekundenstil im Drama vor. Das Stück spielt in einer einzigen Nacht und schildert den Todeskampf eines Kindes in einer zerrutteten Familie.

"Bahnwärter Thiel" (1888) von Gerhart Hauptmann ist eine novellistische Studie über einen einfachen Mann, der zwischen zwei Fraün und zwei Welten zerrissen wird und schließlich zum Mörder wird.

Einfluss und Nachwirkung

Der Naturalismus war eine verhältnismässig kurze, aber wirkungsmaechtige Epoche. Er öffnete die Literatur für bisher tabuisierte Themen und Milieus. Die unteren Gesellschaftsschichten, bisher höchstens als Randfiguren prasent, rückten ins Zentrum literarischer Darstellung.

Die Techniken des Naturalismus, insbesondere der Sekundenstil und die Verwendung von Dialekt, beeinflussten spätere Strömungen. Der Expressionismus grenzte sich zwar programmatisch vom Naturalismus ab, übernahm aber dessen Offenheit für das Hässliche und Verstörende.

Gerhart Hauptmanns Dramen gehören bis heute zum Repertoire deutschsprachiger Buehnen. "Die Weber" wird immer wieder inszeniert, wenn soziale Ungleichheit und Ausbeutung thematisiert werden sollen. Der Naturalismus hat damit eine Tradition sozialkritischer Literatur begründet, die bis in die Gegenwart fortwirkt.

International stand der deutsche Naturalismus im Austausch mit vergleichbaren Bewegungen in Frankreich (Emile Zola), Skandinavien (Henrik Ibsen, August Strindberg) und Russland (Maxim Gorki). Diese europaeische Dimension verlieh der Bewegung zusätzliches Gewicht und sorgte für wechselseitige Befruchtung.