| Aus Liebe zum geschriebenen Wort
StartseiteEpochen › Expressionismus
Epochen

Expressionismus

Aufbruch, Ekstase und Untergang (ca. 1910-1925)

Zuletzt aktualisiert: 28.08.2023

Expressionistische Darstellung einer naechtlichen Grossstadt
Grossstadt-Vision: Die verzerrte Welt des Expressionismus

Zeitraum und historischer Kontext

Der Expressionismus umfasst in der deutschen Literatur etwa den Zeitraum von 1910 bis 1925. Er entstand im Wilhelminischen Kaiserreich, einer Gesellschaft, die von den jungen Expressionisten als erstarrt, verlogen und lebensfeindlich empfunden wurde. Der Erste Weltkrieg (1914-1918) wurde zum einschneidenden Erlebnis der Generation.

Die Epoche ist geprägt von tiefgreifenden Umbrüchen: Die Grossstaedte wuchsen rasant, neue Technologien veränderten das Leben, traditionelle Werte wurden in Frage gestellt. Die Expressionisten reagierten auf diese Veränderungen mit Begeisterung und Entsetzen zugleich. Sie sehnten sich nach einem "neün Menschen" und einer radikalen Erneürung der Gesellschaft.

Man unterscheidet einen Frühexpressionismus vor dem Krieg, der von Aufbruchstimmung und Vitalismus geprägt war, und einen Spätexpressionismus nach dem Krieg, der die Erfahrung von Tod und Zerstörung verarbeitete. Der Krieg, den manche Expressionisten zunächst als reinigende Katastrophe begrüsst hatten, desillusionierte die meisten bitter.

Merkmale und Stilmittel

Der Expressionismus zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus:

Subjektivität und Ausdruck: Der Name "Expressionismus" verweist auf das Ausdrucken innerer Zustände. Nicht die äußere Wirklichkeit soll abgebildet werden, sondern das innere Erleben. Die Welt wird durch das Prisma intensiver Gefühle gesehen und verzerrt.

Sprachzertrummerung: Die traditionelle Syntax wird aufgebrochen. Substantive dominieren, Verben fehlen oft. Der Satzbau ist zerhackt, elliptisch. August Stramms Gedichte treiben diese Technik auf die Spitze.

Reihungsstil: Bilder und Eindrucke werden unvermittelt nebeneinandergestellt, ohne logische Verknuepfung. Die Leser müssen die Zusammenhänge selbst herstellen.

Chiffren und Symbole: Bestimmte Bilder kehren immer wieder: die Grossstadt als Moloch, der Wahnsinnige als Seher, der Tote als Lebender. Diese Chiffren verdichten komplexe Bedeutungen.

Pathos und Ekstase: Die Sprache ist gesteigert, überhoeht, oft schreiend. Die Expressionisten scheün nicht vor grossen Worten und Gesten zurück. Sie wollen erschüttern, nicht gefallen.

Der Schrei als expressionistisches Motiv
Der Schrei: Ausdruck expressionistischer Intensitaet

Dämmerung und Verfall: Tod, Verwesung, Wahnsinn und Untergang sind zentrale Themen. Die schöne Oberflaeche der bürgerlichen Welt wird aufgerissen, um das Graün darunter sichtbar zu machen.

Grossstadtlyrik: Die moderne Grossstadt wird zum bevorzugten Schauplatz. Sie erscheint als faszinierend und bedrohlich zugleich - als Ort der Entfremdung und der neün Möglichkeiten.

Wichtige Vertreter

Georg Trakl (1887-1914) schuf in seinem kurzen Leben eine Lyrik von dunkler Schönheit. Seine Gedichte beschworen Verfall, Schuld und Untergang in Bildern von grosser suggestiver Kraft. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die Erlebnisse als Sanitäter führten zu seinem Zusammenbruch; er starb an einer Ueberdosis Kokain.

Gottfried Benn (1886-1956) begann als expressionistischer Lyriker mit den schockierenden "Morgue"-Gedichten (1912), die den menschlichen Körper in seiner Hässlichkeit und Vergänglichkeit zeigten. Später wandte er sich anderen Stilrichtungen zu, blieb aber ein wichtiger Lyriker des 20. Jahrhunderts.

Georg Heym (1887-1912) schuf in seinem kurzen Leben visionäre Gedichte, die den Untergang der alten Welt vorahnten. Sein Gedicht "Der Krieg" (1911) erscheint im Rückblick prophetisch. Heym ertrank beim Schlittschuhlaufen auf der Havel.

Ernst Stadler (1883-1914) verband expressionistische Sprachgewalt mit einem Pathos des Aufbruchs. Sein Gedichtband "Der Aufbruch" (1914) gilt als wichtiges Dokument des Frühexpressionismus. Er fiel im ersten Kriegsjahr.

Else Lasker-Schüler (1869-1945) schuf eine ganz eigene poetische Welt aus orientalischen und jüdischen Motiven. Ihre Lyrik verbindet expressionistische Intensität mit zarter Innerlichkeit. Sie emigrierte 1933 und starb in Jerusalem.

Franz Kafka (1883-1924) wird oft dem Expressionismus zugeordnet, obwohl sein Werk sich jeder Einordnung entzieht. Seine Erzählungen und Romane zeigen eine Welt der Entfremdung und der absurden Bedrohung in nüchtern-praeziser Sprache.

Im Drama waren Georg Kaiser ("Von morgens bis mitternachts", "Gas"), Ernst Toller ("Masse Mensch") und Walter Hasenclever ("Der Sohn") die wichtigsten Vertreter.

Bedeutende Werke

"Morgue und andere Gedichte" (1912) von Gottfried Benn schockierte das Publikum mit Gedichten aus der Leichenhalle. Die nüchterne Beschreibung verwesender Körper war ein Frontalangriff auf bürgerliche Ästhetik.

"Der Aufbruch" (1914) von Ernst Stadler versammelt Gedichte von grosser Dynamik und Lebensintensität. Das titelgebende Gedicht wurde zum Inbegriff expressionistischer Aufbruchstimmung.

"Die Verwandlung" (1915) von Franz Kafka erzählt von Gregor Samsa, der eines Morgens als Ungeziefer erwacht. Die Erzählung ist ein Meisterwerk der Entfremdungsliteratur und wurde weltberuhmt.

"Sebastian im Traum" (1915) von Georg Trakl versammelt Gedichte von dunkler Schönheit, die Verfall und Untergang beschworen. Der Band erschien postum nach Trakls Tod.

"Menschheitsdämmerung" (1920), herausgegeben von Kurt Pinthus, ist die wichtigste Anthologie expressionistischer Lyrik. Der Titel wurde zum Synonym für die Epoche. Die Sammlung macht die ganze Bandbreite expressionistischer Dichtung zugänglich.

Menschheitsdaemmerung - Untergang und Neubeginn
Menschheitsdaemmerung: Zwischen Untergang und Aufbruch

"Von morgens bis mitternachts" (1912) von Georg Kaiser ist ein Stationendrama, das einen Bankkassierer auf seiner Suche nach dem "wahren Leben" begleitet. Das Stück wurde zu einem Klassiker des expressionistischen Theaters.

Einfluss und Nachwirkung

Der Expressionismus war eine der wirkungsmaechtigsten Strömungen der deutschen Literaturgeschichte. Er befreite die Sprache von konventionellen Zwangen und öffnete neue Ausdrucksmöglichkeiten. Die Sprachexperimente der Expressionisten wirkten auf die gesamte Moderne.

Im Drama bereitete der Expressionismus das epische Theater Bertolt Brechts vor. Die Techniken der Verfremdung, der Typisierung und des Stationendramas wurden von Brecht aufgegriffen und weiterentwickelt.

Franz Kafkas Werk wurde nach seinem Tod weltberuhmt und beeinflusste die gesamte Literatur des 20. Jahrhunderts. Der Begriff "kafkäsk" ist in viele Sprachen eingegangen.

Die Lyrik Trakls und Benns gehört zum festen Bestand deutscher Dichtung. Ihre Wirkung auf spätere Lyriker ist immens. Die Verbindung von sprachlicher Praezision und visionärer Kraft bleibt ein Massstab.

Der Expressionismus war nicht nur eine literarische, sondern eine gesamtkuenstlerische Bewegung. In der bildenden Kunst (Kirchner, Nolde, Marc), im Film ("Das Cabinet des Dr. Caligari"), in der Musik (Schönberg) finden sich parallele Entwicklungen. Diese Intermedialität macht den Expressionismus zu einer Schlüsselbewegung der künstlerischen Moderne.

Die Nationalsozialisten verfemten den Expressionismus als "entartete Kunst". Viele Expressionisten emigrierten oder wurden verfolgT. Nach 1945 wurde ihr Werk wiederentdeckt und neu gewürdigt.