Nachkriegsliteratur
Truemmerliteratur, Kahlschlag und Neuanfang (ab 1945)
Zeitraum und historischer Kontext
Die Nachkriegsliteratur bezeichnet die deutsche Literatur nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Im engeren Sinne meint der Begriff die ersten Jahre nach Kriegsende, in denen die Autoren auf die Katastrophe des Nationalsozialismus und des Krieges reagierten. Im weiteren Sinne umfasst er die gesamte Literatur der Nachkriegszeit bis zur Wiedervereinigung 1990 - oder sogar darüber hinaus.
Die Situation 1945 war beispiellos: Deutschland lag in Truemmern, Millionen Menschen waren tot, vertrieben oder heimatlos. Die Verbrechen des Nationalsozialismus - der Holocaust, der Angriffskrieg, die Zerstörung - mussten verarbeitet werden. Die Teilung Deutschlands in Besatzungszonen und später in zwei Staaten prägte die weitere Entwicklung.
Die deutsche Literatur musste nach 1945 einen Neuanfang wagen. Die Sprache selbst schien durch den Missbrauch der Nationalsozialisten kontaminiert. Die Autoren suchten nach neün Ausdrucksformen, die der veränderten Wirklichkeit gerecht wurden.
Phasen und Stroemungen
Truemmerliteratur (1945-1950): In den ersten Nachkriegsjahren entstand die sogenannte Truemmerliteratur. Der Name bezieht sich sowohl auf die äußeren Truemmer der zerstörten Städte als auch auf die inneren Truemmer zerbrochener Werte und Illusionen. Wolfgang Borchert, Heinrich Böll und andere schrieben kurze, nüchterne Texte, die das Kriegsende aus der Perspektive einfacher Menschen zeigten.
Kahlschlagliteratur: Eng verwandt mit der Truemmerliteratur ist der Begriff "Kahlschlag". Er bezeichnet das Bemuehen, mit den belasteten Traditionen der deutschen Literatur zu brechen und von vorne zu beginnen. Die Sprache sollte von Pathos und Phrase gereinigt werden.
Gruppe 47 (1947-1967): Die Gruppe 47, gegründet von Hans Werner Richter, war das wichtigste literarische Forum der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Sie vergab jährlich einen einflussreichen Preis und förderte Autoren wie Heinrich Böll, Guenter Grass, Ingeborg Bachmann und Martin Walser.
Literatur der beiden deutschen Staaten: Mit der Gründung der Bundesrepublik und der DDR 1949 entwickelte sich die deutsche Literatur in zwei unterschiedlichen Kontexten. Im Westen prägte die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und später die Studentenbewegung die Literatur. Im Osten mussten sich die Autoren mit dem sozialistischen Realismus und der Zensur auseinandersetzen.
Wichtige Vertreter
Heinrich Böll (1917-1985) war der bedeutendste Erzähler der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Seine Romane und Erzählungen schildern das Leben einfacher Menschen in Krieg und Nachkriegszeit. Für sein Gesamtwerk erhielt er 1972 den Nobelpreis für Literatur. Wichtige Werke: "Wo warst du, Adam?", "Ansichten eines Clowns", "Gruppenbild mit Dame".
Guenter Grass (1927-2015) wurde mit seinem Roman "Die Blechtrommel" (1959) weltberuehmt. Das Werk erzählt die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive des kleinwüchsigen Oskar Matzerath. 1999 erhielt Grass den Nobelpreis für Literatur.
Wolfgang Borchert (1921-1947) war der Dichter der Truemmerliteratur. Sein Drama "Draussen vor der Tür" (1947) über einen Kriegsheimkehrer wurde zum Symbol der Nachkriegszeit. Borchert starb im Alter von nur 26 Jahren.
Christa Wolf (1929-2011) war die bedeutendste Autorin der DDR-Literatur. Ihre Romane "Der geteilte Himmel" (1963) und "Nachdenken über Christa T." (1968) machten sie international bekannt. Nach der Wende wurde ihre Vergangenheit als inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi kontrovers diskutiert.
Ingeborg Bachmann (1926-1973) war eine bedeutende österreichische Lyrikerin und Erzählerin. Ihre Gedichte und ihre Erzählungen, insbesondere der Zyklus "Todesarten", gehören zu den wichtigsten Werken der deutschsprachigen Literatur nach 1945.
Max Frisch (1911-1991) und Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) waren die bedeutendsten Schweizer Autoren der Nachkriegszeit. Frischs "Homo faber" und "Stiller", Dueerrenmatts "Der Besuch der alten Dame" und "Die Physiker" wurden zu Klassikern.
Weitere wichtige Autoren sind Siegfried Lenz, Martin Walser, Uwe Johnson, Peter Weiss, Paul Celan und Heiner Müller.
Bedeutende Werke
"Draussen vor der Tür" (1947) von Wolfgang Borchert ist ein Drama über einen Soldaten, der aus dem Krieg heimkehrt und keinen Platz mehr in der Gesellschaft findet. Das Stück wurde zum Inbegriff der Truemmerliteratur.
"Die Blechtrommel" (1959) von Guenter Grass erzählt die deutsche Geschichte von 1899 bis in die Nachkriegszeit aus der Perspektive des kleinwüchsigen Oskar Matzerath, der sich weigert zu wachsen. Der Roman wurde ein Welterfolg.
"Ansichten eines Clowns" (1963) von Heinrich Böll zeigt einen Tag im Leben eines Clowns, der nach einer gescheiterten Liebesbeziehung sein Leben bilanziert. Der Roman kritisiert die Verlogenheit der westdeutschen Gesellschaft.
"Der geteilte Himmel" (1963) von Christa Wolf erzählt eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Maürbaus. Die Protagonistin entscheidet sich für den Osten, während ihr Freund in den Westen geht.
"Homo faber" (1957) von Max Frisch ist der Bericht eines Ingenieurs, der an seine rationalistische Weltsicht glaubt und durch eine tragische Verkettung von Ereignissen erschüttert wird.
"Die Ermittlung" (1965) von Peter Weiss ist ein dokumentarisches Drama über die Auschwitz-Prozesse. Es basiert auf Protokollen der Gerichtsverhandlungen und konfrontiert das Publikum mit den Verbrechen des Holocaust.
Einfluss und Nachwirkung
Die Nachkriegsliteratur hat die deutsche Literatur und Gesellschaft nachhaltig geprägt. Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, die in den ersten Jahren oft verdrängt wurde, gewann seit den 1960er Jahren an Intensität. Die Autoren trugen wesentlich zur "Vergangenheitsbewältigung" bei.
Die Gruppe 47 prägte Generationen von Autoren und schuf eine literarische Öffentlichkeit, die für die Bundesrepublik wichtig wurde. Der jährliche Preis der Gruppe war das wichtigste Förderinstrument für junge Autoren.
Die Teilung Deutschlands führte zu unterschiedlichen Entwicklungen in Ost und West. Die DDR-Literatur entwickelte besondere Formen, um zwischen offizieller Doktrin und künstlerischem Anspruch zu navigieren. Nach der Wiedervereinigung wurde die Frage des Verhältnisses von Literatur und Staat neu diskutiert.
Die Nobelpreise für Böll (1972) und Grass (1999) zeigen die internationale Anerkennung der deutschen Nachkriegsliteratur. Die Werke der grossen Autoren gehören heute zum festen Bestand der Weltliteratur.
Die Fragen, die die Nachkriegsliteratur aufwarf - nach Schuld und Verantwortung, nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, nach der Möglichkeit moralischen Handelns in unmoralischen Zeiten - bleiben aktüll. Die deutsche Literatur nach 1945 hat einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung einer beispiellosen Katastrophe geleistet.