Jahrhundertwende / Fin de Siecle
Vielfalt der Strömungen zwischen Naturalismus und Expressionismus (ca. 1890-1910)
Zeitraum und historischer Kontext
Die Jahrhundertwende oder das Fin de Siecle (franzoesisch: Ende des Jahrhunderts) bezeichnet den Zeitraum von etwa 1890 bis 1910. Der Begriff umfasst verschiedene literarische Strömungen, die sich vom Naturalismus absetzten, ohne schon zum Expressionismus zu gehören. Es handelt sich weniger um eine einheitliche Epoche als um eine Zeit der Vielfalt und des Übergangs.
Die Zeit um 1900 war geprägt von tiefgreifenden Veränderungen: Industrialisierung, Urbanisierung, technische Neürungen wie Elektrizität, Telefon und Automobil veränderten das Leben grundlegend. Zugleich herrschte ein Gefühl von Erschoepfung und Verfeinerung, das dem franzoesischen Begriff "Fin de Siecle" seinen melancholischen Klang gab.
Das wilhelminische Deutschland erlebte eine Phase wirtschaftlicher Blüte, aber auch wachsender sozialer und politischer Spannungen. Der Gegensatz zwischen offiziellem Fortschrittsoptimismus und einer untergründigen Krisenstimmung prägte die Kultur der Zeit.
Stroemungen der Jahrhundertwende
Die Literatur der Jahrhundertwende lässt sich in verschiedene, oft überlappende Strömungen unterteilen:
Impressionismus: Der literarische Impressionismus übertrug die Prinzipien der impressionistischen Malerei auf die Literatur. Im Zentrum steht der flüchtige Augenblick, die subjektive Wahrnehmung, die Stimmung. Peter Altenberg in Wien und Detlev von Liliencron in Deutschland gelten als wichtige Vertreter.
Symbolismus: Der Symbolismus, von Frankreich kommend, setzte auf die suggestive Kraft des Symbols. Die Sprache sollte nicht beschreiben, sondern evozieren. Stefan George führte den Symbolismus in die deutsche Literatur ein und gründete einen Kreis von Dichtern um sich.
Aesthetizismus: Die Kunst wird zum höchsten Wert erhoben. Der Aesthet lebt für die Schönheit und verachtet das Nützliche und Alltägliche. Diese Haltung findet sich besonders bei Hugo von Hofmannsthal und Stefan George.
Jugendstil: Der Jugendstil, benannt nach der Zeitschrift "Jugend", pragte vor allem die bildende Kunst und das Kunstgewerbe, hatte aber auch literarische Entsprechungen. Florale Ornamente, geschwungene Linien und eine Betonung des Dekorativen kennzeichnen diesen Stil.
Neuromantik: Eine Rückwendung zu romantischen Themen und Formen. Märchen, Mythen und die Welt des Mittelalters werden neu entdeckt. Gerhart Hauptmanns spätere Werke zeigen neuromantische Züge.
Dekadenz: Das Gefühl von Erschoepfung, Ueberfeinerung und Verfall prägte viele Werke der Zeit. Die Dekadenzliteratur zelebrierte die Müdigkeit und die Abkehr vom Lebenstüchtigen.
Wichtige Vertreter
Stefan George (1868-1933) war der Meister des deutschen Symbolismus. Er gründete einen Kreis von Dichtern und Gelehrten, der ihn als geistigen Führer verehrte. Seine Gedichte sind von strenger Formkunst und hohem Anspruch geprägt. Er entwickelte eine eigene Orthographie ohne Grossschreibung.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) ist einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Sprache. Seine "Neün Gedichte" (1907/08) zeigen die Kunst der "Dinggedichte", die Gegenstände in ihrer Wesenhaftigkeit erfassen. Die "Duineser Elegien" und die "Sonette an Orpheus" gehören zu den Höhepunkten moderner Lyrik.
Detlev von Liliencron (1844-1909) gilt als Erneuerer der deutschen Lyrik. Seine Gedichte zeichnen sich durch Frische, Sinnlichkeit und impressionistische Unmittelbarkeit aus. Er beeinflusste jüngere Dichter wie Rilke.
Richard Dehmel (1863-1920) war ein populärer Lyriker, der Naturalismus und neue Strömungen verband. Seine Gedichte behandeln oft erotische Themen mit einer für die Zeit ungewoehnlichen Freizügigkeit.
Frank Wedekind (1864-1918) schrieb Dramen, die bürgerliche Moral und sexülle Tabus herausforderten. "Frühlings Erwachen" (1891) über die erwachende Sexualität Jugendlicher und die "Lulu"-Dramen waren Skandalerfolge.
In Österreich prägten die Autoren der Wiener Moderne (Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus) die Literatur der Jahrhundertwende. Siehe dazu die separate Seite zur Wiener Moderne.
Bedeutende Werke
"Das Jahr der Seele" (1897) von Stefan George ist ein Gedichtzyklus, der die Jahreszeiten als Seelenlandschaften deutet. Das Werk zeigt Georges strenge Formkunst und seine Abwendung vom Naturalismus.
"Das Stunden-Buch" (1905) von Rainer Maria Rilke ist ein Zyklus religioser Gedichte, in denen ein russischer Mönch zu Gott spricht. Das Werk verbindet mystische Innigkeit mit kunstvoll-moderner Sprache.
"Neue Gedichte" (1907/08) von Rainer Maria Rilke zeigen die Technik der "Dinggedichte". Gegenstände und Lebewesen werden in ihrer wesenhaften Präsenz erfasst. Beruehmte Gedichte wie "Der Panther" und "Archaischer Torso Apollos" entstammen diesem Band.
"Frühlings Erwachen" (1891) von Frank Wedekind ist eine "Kindertragodie" über die sexülle Erwachung Jugendlicher und die verheerende Reaktion der Erwachsenenwelt. Das Stück wurde wegen seiner Freizügigkeit verboten.
"Buddenbrooks" (1901) von Thomas Mann erzählt den Verfall einer Lübecker Kaufmannsfamilie über vier Generationen. Der Roman verbindet realistische Darstellung mit Dekadenzthematik und machte den 26-jährigen Autor beruehmt.
"Tonio Kröger" (1903) von Thomas Mann ist eine Novelle über den Konflikt zwischen Künstlertum und Bürgertum. Sie wurde zu einem Schlüsseltext der Epoche.
Einfluss und Nachwirkung
Die Jahrhundertwende war eine Zeit der ästhetischen Experimente, die den Boden für die Moderne bereiteten. Die Befreiung der Lyrik von konventionellen Formen, die Entdeckung des Unbewussten, die Erkundung der Sprache selbst - all das bereitete den Expressionismus und die Avantgarden des 20. Jahrhunderts vor.
Rilkes Lyrik beeinflusste Generationen von Dichtern. Die "Dinggedichte" zeigten neue Möglichkeiten poetischer Gegenstandserfassung. Die "Duineser Elegien" wurden zu einem Bezugspunkt moderner Lyrik.
Thomas Manns "Buddenbrooks" begründeten die Tradition des grossen deutschen Gesellschaftsromans im 20. Jahrhundert. Das Thema des Verfalls und des Künstler-Bürger-Konflikts durchzieht sein gesamtes Werk.
Die Wiener Moderne mit ihrer Psychologisierung und ihrer Sprachkritik wirkte auf die gesamte europaeische Literatur. Die Verbindung von Literatur und Psychoanalyse, die hier ihren Ursprung hatte, prägte das 20. Jahrhundert.
Die Jahrhundertwende bleibt eine faszinierende Epoche der Vielfalt und des Übergangs. Sie zeigt, wie produktiv Zeiten sein können, in denen das Alte nicht mehr gilt und das Neue noch nicht gefunden ist.