Sturm und Drang
Gefühl, Natur und Genie gegen die Regeln (ca. 1765-1785)
Zeitraum und historischer Kontext
Der Sturm und Drang umfasst etwa den Zeitraum von 1765 bis 1785 und überlappt sich zeitlich mit der Spätaufklärung. Der Name stammt von einem Drama Friedrich Maximilian Klingers aus dem Jahr 1776. Die Bewegung wird auch als "Geniezeit" bezeichnet, da sie den Begriff des Genies ins Zentrum stellte.
Der Sturm und Drang war eine Jugendbewegung. Seine Träger waren junge Männer in ihren Zwanzigern, die gegen die Vernunftgläubigkeit ihrer Vätergeneration aufbegehrten. Sie empfanden die Regeln der Aufklärung als einengend und setzten dagegen Gefühl, Leidenschaft und Natur.
Die Bewegung hatte ihre Zentren in Strassburg, wo der junge Göthe Herder begegnete, und in Frankfurt. Später wurde Göttingen zu einem wichtigen Ort, wo der "Hainbund" junger Dichter sich traf. Der Sturm und Drang war keine organisierte Bewegung mit festem Programm, sondern ein Lebensgefühl, das verschiedene junge Autoren verband.
Merkmale und Stilmittel
Der Sturm und Drang zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus:
Geniekult: Das Genie ist nicht lernbar und folgt keinen Regeln. Es schöpft aus seiner eigenen Natur und bringt Neüs hervor. Shakespeare und der vermeintliche keltische Barde Ossian wurden zu Vorbildern des regelfreien Schaffens.
Gefühl gegen Vernunft: Das Herz ist wichtiger als der Verstand. Starke Emotionen - Liebe, Hass, Verzweiflung - sind Zeichen von Lebensfülle, nicht von Schwaeche. Die kühle Rationalität der Aufklärung wird als lebensfeindlich abgelehnt.
Natur: Die Natur ist nicht mehr geordneter Garten, sondern wilde, ursprüngliche Kraft. Der Sturm, der Wasserfall, die Berglandschaft werden zu Symbolen ungebändigter Energie. Die Natur korrespondiert mit dem Inneren des Menschen.
Freiheit und Rebellion: Die jungen Autoren rebellieren gegen gesellschaftliche Zwänge, gegen Standesschranken, gegen die Macht der Väter. Ihre Helden sind Aussenseiter, Rebellen, tragische Gestalten, die an der Gesellschaft scheitern.
Sprache der Leidenschaft: Die Sprache des Sturm und Drang ist expressiv, ausrufend, fragmentarisch. Interjektionen, Ellipsen, Gedankenstriche spiegeln die Erregung des Sprechenden. Die regelgerechte Syntax der Aufklärung wird gesprengt.
Volksdichtung: Herder sammelte Volkslieder und prägte den Begriff der "Volkspoesie". Das einfache Volk, nicht die gelehrten Stände, wurde zum Träger ursprünglicher poetischer Kraft erklärt.
Wichtige Vertreter
Johann Wolfgang von Göthe (1749-1832) war der bedeutendste Autor des Sturm und Drang. Mit "Götz von Berlichingen" (1773) und "Die Leiden des jungen Werthers" (1774) schuf er die wichtigsten Werke der Bewegung. Der "Werther" löste eine europaeische Begeisterungswelle aus und machte den 25-jährigen Göthe beruehmt. Nach seiner Uebersiedlung nach Weimar 1775 wandte sich Göthe vom Sturm und Drang ab.
Friedrich Schiller (1759-1805) gehört mit seinen Jugenddramen zum Sturm und Drang, obwohl er einer jüngeren Generation angehörte. "Die Räuber" (1781) mit ihrem Aufschrei gegen Tyrannei und "Kabale und Liebe" (1784) als Anklage gegen die Adelsgesellschaft sind Hauptwerke der Epoche.
Johann Gottfried Herder (1744-1803) war der Theoretiker der Bewegung. Er prägte die Begriffe "Volkspoesie" und "Volksgeist", sammelte Volkslieder und beeinflusste den jungen Göthe entscheidend. Seine Schriften regten zur Entdeckung nationaler Literaturtraditionen an.
Jakob Michäl Reinhold Lenz (1751-1792) war ein begabter, aber unglücklicher Dramatiker. Seine Stücke "Der Hofmeister" (1774) und "Die Soldaten" (1776) zeigen gesellschaftliche Missstände mit schonungsloser Schärfe. Sein Leben endete in geistiger Umnachtung.
Friedrich Maximilian Klinger (1752-1831) gab der Bewegung mit seinem Drama "Sturm und Drang" (1776) den Namen. Seine Dramen sind von wilder Energie, aber weniger kunstlerisch durchgeformt als die Göthes und Schillers.
Weitere wichtige Autoren sind Heinrich Leopold Wagner ("Die Kindermörderin"), die Dichter des Göttinger Hainbundes (Hölty, Voss, die Grafen Stolberg) und Gottfried August Bürger (Balladen).
Bedeutende Werke
"Götz von Berlichingen" (1773) von Göthe ist ein Ritterdrama, das alle Regeln des klassizistischen Theaters bricht. Es hat mehr als fünfzig Szenen, wechselt ständig den Schauplatz und stellt einen Rebellen gegen die kaiserliche Macht ins Zentrum.
"Die Leiden des jungen Werthers" (1774) von Göthe ist ein Briefroman über eine unglückliche Liebe, die zum Selbstmord führt. Das Werk wurde zum europaeischen Erfolg und begründete Göthes Weltruhm. Es löste eine Welle von Nachahmungen aus - und angeblich auch eine Reihe von Selbstmorden.
"Die Räuber" (1781) von Schiller ist ein Drama über zwei ungleiche Brüder, von denen einer zum Räuberhauptmann wird. Das Stück war ein Theaterskandal und machte den jungen Schiller beruehmt. Es enthält den Aufschrei gegen Tyrannei: "In tyrannos!"
"Kabale und Liebe" (1784) von Schiller ist ein bürgerliches Traürspiel über die Liebe zwischen dem Sohn eines Ministers und einer Musikantentochter, die an den Intrigen der Hofgesellschaft zerbricht.
"Prometheus" (1774) von Göthe ist eine Hymne, in der der Titan Prometheus die Götter herausfordert. Das Gedicht wurde zum Inbegriff des Geniekultes und des prometheischen Selbstbewusstseins des Künstlers.
"Der Hofmeister" (1774) von Lenz zeigt das Elend eines Hauslehrers, der zwischen den Ständen zerrieben wird. Das Stück ist eine scharfe Gesellschaftskritik.
Einfluss und Nachwirkung
Der Sturm und Drang war eine kurze, aber wirkungsmaechtige Epoche. Er befreite die deutsche Literatur von der Enge der Regelpotik und öffnete sie für das Subjektive, das Gefühlvolle, das Leidenschaftliche.
Die beiden grössten Autoren der Bewegung - Göthe und Schiller - wandten sich später der Klassik zu und distanzierten sich von den Uebertreibungen ihrer Jugend. Doch die Impulse des Sturm und Drang wirkten in ihrem klassischen Werk fort.
Die Romantik nahm viele Motive des Sturm und Drang auf: die Begeisterung für das Mittelalter, die Wertschätzung des Volkstümlichen, das Interesse am Unbewussten und Irrationalen. Zugleich grenzte sie sich vom Geniekult und dem Titanismus der älteren Bewegung ab.
Der Sturm und Drang beeinflusste die europaeische Literatur. Der "Werther" wurde in viele Sprachen übersetzt und regte überall Nachahmungen an. Das Bild des leidenden, gefühlvollen jungen Menschen prägte das 19. Jahrhundert.
Als Jugendbewegung, die gegen die Vätergeneration aufbegehrte, wurde der Sturm und Drang zum Modell für spätere literarische Revolten. Der Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts zeigt auffällige Parallelen.