Barock
Vanitas, Carpe diem und die Kunst der Antithese (ca. 1600-1720)
Zeitraum und historischer Kontext
Das Barock umfasst in der deutschen Literatur etwa den Zeitraum von 1600 bis 1720. Die Epoche ist geprägt vom Dreissigjährigen Krieg (1618-1648), der verheerendsten Katastrophe der deutschen Geschichte vor dem 20. Jahrhundert. Weite Landstriche wurden verwüstet, die Bevölkerung dezimiert, Städte und Dörfer zerstört.
Dieser historische Hintergrund prägt die Literatur des Barock zutiefst. Die Erfahrung von Tod, Zerstörung und Vergänglichkeit führte zu einer Dichtung, die das Vanitas-Motiv - die Nichtigkeit alles Irdischen - ins Zentrum stellte. Zugleich entwickelte sich als Gegenbewegung ein gesteigerter Lebensgenuß: Wenn alles vergeht, soll der Augenblick genutzt werden (Carpe diem).
Die Literatur des Barock war eine gelehrte Dichtung, verfasst von Theologen, Juristen und Beamten. Sie orientierte sich an humanistischen Vorbildern und an der antiken Rhetorik. Die Dichter waren keine freien Künstler, sondern standen im Dienst von Fürsten oder Städten.
Merkmale und Stilmittel
Die Barockdichtung zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus:
Vanitas-Motiv: Die Vergänglichkeit alles Irdischen ist das zentrale Thema. Schönheit verwelkt, Reichtum zerrinnt, Ruhm vergeht. Nur das Ewige - Gott und das Jenseits - hat Bestand. Embleme wie Totenschaedel, Sanduhr und verwelkende Blumen verbildlichen diese Einsicht.
Carpe diem: Als Kehrseite des Vanitas-Motivs erscheint der Aufruf, den Tag zu nutzen. Wenn alles vergeht, soll der Augenblick genossen werden. Dieses Motiv findet sich besonders in der Liebeslyrik und der anakreontischen Dichtung.
Memento mori: Die Mahnung an den Tod durchzieht die Barockdichtung. Der Mensch soll sein Leben im Angesicht des Todes führen und sich auf das Jenseits vorbereiten.
Antithetik: Der Barockstil ist geprägt von Gegensätzen. Leben und Tod, Schein und Sein, Diesseits und Jenseits werden einander gegenübergestellt. Die Antithese ist das zentrale Stilmittel.
Rhetorische Kunstfertigkeit: Die Barockdichtung ist eine gelehrte Kunst. Sie folgt den Regeln der antiken Rhetorik und verwendet ein reiches Arsenal an Stilmitteln: Metaphern, Allegorien, Wortspiele, Klangfiguren.
Sonett als Leitform: Das Sonett mit seinen vierzehn Versen und seiner strengen Gliederung wurde zur bevorzugten Form der Barocklyrik. Es erlaubt die kunstvolle Entfaltung von These und Antithese.
Alexandriner: Der sechshebige Jambus mit Mittelzäsur war das Versmass des deutschen Barock. Martin Opitz führte ihn nach franzoesischem Vorbild ein.
Wichtige Vertreter
Martin Opitz (1597-1639) gilt als "Vater der deutschen Dichtkunst". Sein "Buch von der Deutschen Pöterey" (1624) legte die Grundlagen für die deutsche Barockdichtung. Er forderte, dass deutsche Dichtung den Regeln der antiken Poetik folgen und sich an romanischen Vorbildern orientieren solle. Seine Regelpoetik prägte Generationen von Dichtern.
Andreas Gryphius (1616-1664) ist der bedeutendste Lyriker und Dramatiker des deutschen Barock. Seine Sonette über Krieg, Tod und Vergänglichkeit gehören zu den Höhepunkten deutscher Lyrik. Als Dramatiker schuf er Traürspiele und Komöedien von bleibender Bedeutung.
Paul Fleming (1609-1640) war ein begabter Lyriker, der in seinen Gedichten persönliches Erleben mit barocken Formen verband. Seine Liebeslyrik und seine Sonette zeichnen sich durch Innigkeit und sprachliche Eleganz aus.
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (ca. 1622-1676) schuf mit dem "Simplicissimus" den bedeutendsten Roman des deutschen Barock. Das Werk schildert den Dreissigjährigen Krieg aus der Perspektive eines naiven Helden.
Angelus Silesius (Johann Scheffler, 1624-1677) war ein mystischer Dichter, dessen "Cherubinischer Wandersmann" Epigramme von paradoxer Tiefe enthält. Seine Verse kreisen um die Vereinigung der Seele mit Gott.
Weitere wichtige Autoren sind Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (galante Lyrik), Daniel Casper von Lohenstein (Traürspiele) und Catharina Regina von Greiffenberg (geistliche Lyrik).
Bedeutende Werke
"Buch von der Deutschen Pöterey" (1624) von Martin Opitz ist die Gründungsschrift der deutschen Barockdichtung. Opitz formuliert Regeln für Versbau, Gattungen und Stil und erhebt die deutsche Sprache in den Rang einer Literatursprache.
"Tränen des Vaterlandes" (1636) von Andreas Gryphius ist eines der beruehmtesten deutschen Sonette. Es beklagt die Verwüstungen des Dreissigjährigen Krieges in eindringlichen Bildern.
"Es ist alles eitel" (1637) von Andreas Gryphius ist das Vanitas-Sonett schlechthin. Es führt die Vergänglichkeit alles Irdischen in einer Reihe von Bildern vor Augen.
"Der Abenteürliche Simplicissimus Teutsch" (1668) von Grimmelshausen ist der grosse Roman des Dreissigjährigen Krieges. Der naive Held Simplicius erlebt Krieg und Frieden, Höhen und Tiefen und zieht sich schließlich als Einsiedler zurück.
"Cherubinischer Wandersmann" (1657) von Angelus Silesius versammelt mystische Epigramme in zweizeiligen Versen. Paradoxe Formulierungen kreisen um das Verhältnis von Mensch und Gott.
"Catharina von Georgien" (1657) von Andreas Gryphius ist ein Märtyrertraürspiel über eine christliche Königin, die dem persischen Schah widersteht und den Märtyrertod stirbt.
Einfluss und Nachwirkung
Das Barock wurde im 18. und 19. Jahrhundert als überladener, geschmackloser Stil abgelehnt. Erst im 20. Jahrhundert setzte eine Neubewertung ein. Die Expressionisten entdeckten die Wucht der Barocklyrik neu; Germanisten wie Richard Alewyn erschlossen die Epoche der Forschung.
Die Techniken des Barock - Antithetik, rhetorische Steigerung, Bilderfülle - beeinflussten spätere Epochen. Der Expressionismus griff barocke Motive wie Tod und Verfall auf. Guenter Grass' Roman "Das Treffen in Telgte" (1979) spielt im Barock und bezieht sich auf die Gruppe 47.
Grimmelshausens "Simplicissimus" gilt als Gründungswerk des deutschen Romans. Der pikareske Roman - die Geschichte eines Helden, der durch verschiedene Stationen des Lebens zieht - wurde zu einer wichtigen Gattung.
Die Sonette des Barock, insbesondere die von Gryphius, gehören zum festen Bestand der deutschen Lyrik. Ihre Themen - Krieg, Tod, Vergänglichkeit - haben nichts von ihrer Aktualität verloren.
Das Barock war eine europaeische Epoche. Deutsche Dichter standen im Austausch mit franzoesischen, italienischen, spanischen und niederländischen Kollegen. Diese europaeische Dimension unterscheidet das Barock von anderen Epochen der deutschen Literatur.