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Mittelalterliche Literatur

Von der Frühzeit der deutschen Dichtung bis zur höfischen Blüte (ca. 750-1500)

Zuletzt aktualisiert: 15.01.2023

Mittelalterlicher Minnesaenger im Burgsaal
Hoefische Dichtung: Minnesang als zentrale Gattung des Mittelalters

Zeitraum und historischer Kontext

Die mittelalterliche Literatur umfasst einen Zeitraum von etwa 750 Jahren - von den ersten deutschsprachigen Texten im 8. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters um 1500. Dieser lange Zeitraum wird traditionell in drei Phasen unterteilt: das Frühmittelalter (ca. 750-1050), das Hochmittelalter (ca. 1050-1250) und das Spätmittelalter (ca. 1250-1500).

Die Literatur des Mittelalters entstand in einer völlig anderen Welt als die der Neuzeit. Die Gesellschaft war feudal gegliedert, das Christentum durchdrang alle Lebensbereiche, und die meisten Menschen konnten weder lesen noch schreiben. Literatur wurde mündlich vorgetragen und gehört, nicht privat gelesen. Die Autoren waren zunächst Geistliche, später auch Adlige und fahrende Sänger.

Die Blütezeit der mittelhochdeutschen Literatur fiel in die Zeit um 1200, die Epoche der Staufer-Kaiser. Die höfische Kultur erreichte ihren Höhepunkt, und Literatur gehörte zum Selbstverständnis des Adels.

Phasen und Gattungen

Frühmittelalter (ca. 750-1050): Die ältesten deutschsprachigen Texte entstanden in Klöstern. Es handelt sich meist um geistliche Dichtung: Gebete, Segen, Bibelübersetzungen. Das "Hildebrandslied" (um 830), ein Fragment einer Heldendichtung, ist das wichtigste weltliche Zeugnis dieser Zeit.

Hochmittelalter (ca. 1050-1250): Dies ist die klassische Periode der mittelhochdeutschen Literatur. Drei Gattungen prägen sie:

Der Minnesang ist die Lyrik der höfischen Liebe. Der Sänger besingt eine unerreichbare Dame und stilisiert seine Sehnsucht zum künstlerischen Ideal. Wichtige Vertreter sind Heinrich von Morungen, Reinmar der Alte und vor allem Walther von der Vogelweide.

Die höfische Epik erzählt in Versform Geschichten von Rittern, Abenteürn und Liebe. Die Stoffe stammen oft aus Frankreich (Artus-Sage) oder aus der Antike. Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Strassburg sind die bedeutendsten Dichter.

Hoefische Szene mit Rittern und Damen
Hoefische Epik: Ritter, Minne und ritterliche Tugenden

Die Heldendichtung greift auf ältere, germanische Stoffe zurück. Das "Nibelungenlied" ist das bekannteste Beispiel. Anders als die höfische Epik zeigt sie eine harte, von Gewalt und Treue geprägte Welt.

Dramatische Szene aus dem Nibelungenlied
Das Nibelungenlied: Heldendichtung zwischen Treue und Untergang

Spätmittelalter (ca. 1250-1500): Die höfische Kultur verliert an Bedeutung, das Bürgertum gewinnt an Gewicht. Neue Gattungen entstehen: Schwank, Fastnachtspiel, Meistersang. Die Literatur wird vielfältiger und volkstümlicher.

Wichtige Vertreter

Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230) gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters. Er erweiterte den Minnesang um politische und gesellschaftskritische Themen (Spruchdichtung) und schuf Liebeslieder von unmittelbarer Empfindung ("Unter der linden").

Wolfram von Eschenbach (ca. 1170-1220) ist der Dichter des "Parzival", des umfangreichsten und gedanklich tiefsten Versromans des deutschen Mittelalters. Das Werk erzählt die Entwicklung eines jungen Ritters vom "tumbem Tor" zum Gralskonig.

Gottfried von Strassburg (gestorben um 1215) schrieb den unvollendeten "Tristan", die Geschichte einer verbotenen Liebe. Sein Werk zeichnet sich durch sprachliche Eleganz und psychologische Verfeinerung aus.

Hartmann von Aue (ca. 1160-1210) verfasste die Artus-Romane "Erec" und "Iwein" sowie die legendenhaften Erzählungen "Gregorius" und "Der arme Heinrich". Er prägte den Stil der höfischen Epik.

Heinrich von Morungen (gestorben um 1222) war ein Minnesänger von grosser lyrischer Kraft. Seine Lieder zeichnen sich durch kuehne Bildlichkeit und musikalische Schönheit aus.

Der Dichter des Nibelungenliedes (um 1200) ist unbekannt. Das Epos erzählt die Geschichte Siegfrieds, Kriemhilds und des Untergangs der Burgunden. Es wurde im 19. Jahrhundert zum deutschen Nationalepos verklärt.

Bedeutende Werke

"Parzival" (ca. 1200-1210) von Wolfram von Eschenbach erzählt in über 25.000 Versen die Geschichte eines jungen Mannes, der zum Gralskonig bestimmt ist. Das Werk verbindet Artus-Sage und Grals-Mystik zu einem tiefgründigen Bild menschlicher Entwicklung.

"Tristan" (ca. 1210) von Gottfried von Strassburg ist die Geschichte einer verbotenen Liebe zwischen dem Ritter Tristan und Isolde, der Frau seines Onkels. Ein Liebestrank bindet die beiden aneinander und führt sie ins Unglück.

"Das Nibelungenlied" (um 1200) erzählt in zwei Teilen die Geschichte des Drachentöters Siegfried und die Rache seiner Witwe Kriemhild, die im Untergang der Burgunden endet. Das Werk verbindet verschiedene Sagentraditionen.

"Iwein" (ca. 1200) von Hartmann von Aue ist ein Artus-Roman über einen Ritter, der wegen einer verfristeten Rückkehr seine Frau verliert und durch Abenteür seine Ehre wiedergewinnt.

"Unter der linden" von Walther von der Vogelweide ist eines der schönsten deutschen Liebesgedichte. Eine Frau erinnert sich an ein Treffen mit ihrem Geliebten in der Natur.

Einfluss und Nachwirkung

Die mittelalterliche Literatur geriet nach 1500 weitgehend in Vergessenheit. Erst die Romantik entdeckte sie neu. Die Brüder Grimm und andere Gelehrte gaben mittelalterliche Texte heraus und machten sie zugänglich. Das "Nibelungenlied" wurde zum Nationalepos erhoben und im 19. Jahrhundert intensiv rezipiert - Richard Wagners "Ring des Nibelungen" ist die bekannteste künstlerische Verarbeitung.

Walthers Lyrik wurde zur Grundlage der deutschen Liedtradition. Seine Verbindung von persönlichem Ausdruck und politischem Engagement inspirierte spätere Dichter.

Wolframs "Parzival" wurde durch Wagners Oper "Parsifal" weltbekannt. Die Grals-Thematik beschäftigte Künstler und Esoteriker bis ins 20. Jahrhundert.

Die Mittelalter-Rezeption ist nicht unproblematisch. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde die mittelalterliche Literatur nationalistisch vereinnahmt. Die Nationalsozialisten missbrauchten Nibelungen-Mythos und Grals-Symbolik für ihre Ideologie. Nach 1945 setzte eine differenziertere Betrachtung ein.

Heute ist die Mediavistik (Mittelalter-Forschung) ein lebendiges Fach. Die mittelalterliche Literatur wird nicht mehr als Vorstufe zur "eigentlichen" deutschen Literatur gesehen, sondern als eigenständige Epoche von grossem ästhetischem und kulturhistorischem Wert.