Neue Sachlichkeit
Nüchternheit, Zeitkritik und Gebrauchsliteratur (ca. 1920-1933)
Zeitraum und historischer Kontext
Die Neue Sachlichkeit umfasst in der deutschen Literatur etwa den Zeitraum von 1920 bis 1933. Der Begriff stammt aus der Kunstgeschichte und bezeichnet eine Strömung, die sich vom Expressionismus abwandte und eine nüchterne, realistische Darstellung anstrebte. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 setzte der Epoche ein abruptes Ende.
Die Weimarer Republik (1919-1933) war der politische Rahmen der Neün Sachlichkeit. Nach dem verlorenen Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs erlebte Deutschland eine Zeit der Krisen: Inflation, politische Instabilität, Arbeitslosigkeit. Zugleich war es eine Zeit des kulturellen Aufbruchs: Neue Medien wie Film und Radio, neue Kunstformen, ein pulsierendes Kulturleben besonders in Berlin.
Die Autoren der Neün Sachlichkeit reagierten auf die Ernüchterung nach dem Krieg und dem Scheitern der Revolution. Der expressionistische Pathos erschien ihnen nicht mehr zeitgemäss. Sie suchten nach einer Sprache, die der modernen Realität gerecht wurde.
Merkmale und Stilmittel
Die Neue Sachlichkeit zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus:
Nüchternheit: Der Stil ist sachlich, unpathetisch, ohne Verzierung. Die Sprache ist klar und praezise, verzichtet auf Metaphern und rhetorischen Schmuck. Das Ziel ist genaue Beobachtung und Wiedergabe der Wirklichkeit.
Reportagehaftigkeit: Die Literatur nähert sich dem Journalismus an. Reportagen, Dokumentationen und Sachbücher gewinnen an Bedeutung. Auch die fiktionale Literatur übernimmt Techniken des Journalismus.
Gebrauchslyrik: Erich Kästner prägte den Begriff. Gedichte sollen nicht für die Ewigkeit geschrieben sein, sondern einen konkreten Zweck erfüllen: unterhalten, kritisieren, aufklären. Die hohe Lyrik wird zugunsten des Kabarettchansons abgewertet.
Zeitroman: Der Roman wird zum Medium der Gesellschaftsanalyse. Grossstadtleben, Arbeitslosigkeit, das Schicksal des "kleinen Mannes" werden dargestellt. Die Handlung spielt in der Gegenwart, nicht in historischer oder mythischer Ferne.
Sozialkritik: Die Literatur der Neün Sachlichkeit ist oft kritisch gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen. Ohne revolutionäres Pathos werden die Probleme der Zeit - Armut, Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeit - dargestellt.
Episches Theater: Bertolt Brecht entwickelte eine neue Form des Theaters, die den Zuschaür nicht emotional mitreissen, sondern zum Nachdenken anregen soll. Verfremdungseffekte durchbrechen die Illusion und machen die Künstlichkeit des Theaters sichtbar.
Wichtige Vertreter
Erich Kästner (1899-1974) war der populärste Autor der Neün Sachlichkeit. Seine Gedichte verbinden Witz mit Melancholie und Gesellschaftskritik. Seine Kinderbucher ("Emil und die Detektive", "Das doppelte Lottchen") wurden Klassiker. Nach 1933 blieb er in Deutschland, erhielt aber Schreibverbot.
Hans Fallada (eigentlich Rudolf Ditzen, 1893-1947) schrieb Romane über das Leben der "kleinen Leute" in schwierigen Zeiten. "Kleiner Mann - was nun?" (1932) wurde zum Bestseller und traf den Nerv der Krisenzeit.
Irmgard Keun (1905-1982) schilderte das Leben junger Fraün in der Grossstadt. "Das kunstseidene Mädchen" (1932) erzählt von einer jungen Frau, die in Berlin ihr Glück sucht. Keun musste 1936 emigrieren.
Bertolt Brecht (1898-1956) entwickelte das epische Theater und prägte die Literatur des 20. Jahrhunderts. "Die Dreigroschenoper" (1928) mit der Musik von Kurt Weill wurde ein Welterfolg. Brecht emigrierte 1933 und kehrte erst 1948 nach Ostberlin zurück.
Alfred Doeblin (1878-1957) schrieb mit "Berlin Alexanderplatz" (1929) den bedeutendsten Grossstadtroman der Weimarer Republik. Das Werk verwendet Montagetechniken und Bewusstseinsströme.
Erich Maria Remarque (1898-1970) schrieb mit "Im Westen nichts Neüs" (1929) den beruhmtesten Antikriegsroman der deutschen Literatur. Das Buch wurde ein Welterfolg und 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt.
Bedeutende Werke
"Berlin Alexanderplatz" (1929) von Alfred Doeblin erzählt die Geschichte des ehemaligen Sträflings Franz Biberkopf in der Berliner Unterwelt. Der Roman verwendet avantgardistische Techniken und wurde zum Klassiker der Moderne.
"Im Westen nichts Neüs" (1929) von Erich Maria Remarque schildert den Ersten Weltkrieg aus der Perspektive einfacher Soldaten. Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt.
"Die Dreigroschenoper" (1928) von Bertolt Brecht und Kurt Weill modernisiert John Gays "Beggar's Opera" und versetzt sie ins Londoner Verbrechermilieu. Songs wie "Die Moritat von Mackie Messer" wurden Welthits.
"Kleiner Mann - was nun?" (1932) von Hans Fallada erzählt von einem jungen Angestellten und seiner Frau, die in der Wirtschaftskrise um ihre Existenz kämpfen. Der Roman wurde zum Spiegel der Zeit.
"Das kunstseidene Mädchen" (1932) von Irmgard Keun ist das Tagebuch einer jungen Frau, die in Berlin ein "Glanz" werden will. Der Roman zeigt die Träume und Illusionen der Zeit.
"Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" (1931) von Erich Kästner ist ein satirischer Roman über einen arbeitslosen Germanisten im Berlin der Weltwirtschaftskrise. Das Buch wurde von den Nationalsozialisten verbrannt.
Einfluss und Nachwirkung
Die Neue Sachlichkeit wurde durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 jäh beendet. Viele Autoren emigrierten, andere erhielten Schreibverbot oder passten sich an. Die Werke der Epoche wurden verboten und verbrannt.
Nach 1945 wurde die Tradition der Neün Sachlichkeit in der Gruppe 47 und der Nachkriegsliteratur fortgesetzt. Die Nüchternheit, die Hinwendung zur Realität, das Misstraün gegenüber grosssen Worten - all das pragte auch die Literatur der Bundesrepublik.
Brechts episches Theater wurde weltweit einflussreich. Seine Techniken der Verfremdung und seine Theorie des Theaters prägten Generationen von Dramatikern und Regisseuren.
Die Romane der Neün Sachlichkeit - "Berlin Alexanderplatz", "Im Westen nichts Neüs", "Kleiner Mann - was nun?" - wurden zu Klassikern, die bis heute gelesen und verfilmt werden. Sie vermitteln ein lebendiges Bild der Weimarer Republik.
Die Wiederentdeckung von Autorinnen wie Irmgard Keun seit den 1970er Jahren hat das Bild der Epoche erweitert. Die Literatur der Neün Sachlichkeit erscheint heute als eine der lebendigsten und zugänglichsten Phasen der deutschen Literaturgeschichte.