Aufklärung
Vernunft, Bildung und der Ausgang aus der Unmündigkeit (ca. 1720-1785)
Zeitraum und historischer Kontext
Die Aufklärung umfasst in der deutschen Literatur etwa den Zeitraum von 1720 bis 1785. Sie ist Teil einer gesamteuropaeischen Bewegung, die im 17. Jahrhundert in England begann und im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. In Deutschland setzte die Aufklärung später ein als in Frankreich und England, entwickelte aber eigene Akzente.
Der Philosoph Immanuel Kant definierte die Aufklärung 1784 als "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit". Der Leitspruch der Epoche lautete: "Sapere aude" - Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Die Vernunft sollte an die Stelle von Autorität und Tradition treten.
Politisch war die Zeit geprägt vom aufgeklärten Absolutismus. Fürsten wie Friedrich II. von Preussen verstanden sich als erste Diener ihrer Staaten und förderten Bildung und Toleranz - freilich ohne ihre absolute Macht aufzugeben. Das aufstrebende Bürgertum gewann an Bedeutung, blieb aber von politischer Mitbestimmung weitgehend ausgeschlossen.
Merkmale und Stilmittel
Die Literatur der Aufklärung zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus:
Vernunft als Leitprinzip: Die Vernunft ist die höchste Instanz. Sie soll Vorurteile überwinden, Aberglauben bekämpfen und zu richtiger Erkenntnis führen. Die Literatur dient der Aufklärung des Verstandes.
Didaktische Funktion: Die Literatur soll belehren und moralisch bessern. Sie hat einen erzieherischen Auftrag. Das "prodesse et delectare" - nützen und erfreün - der antiken Poetik wird neu betont.
Toleranz: Die Forderung nach religioser und geistiger Toleranz ist ein zentrales Anliegen. Lessings "Nathan der Weise" mit seiner Ringparabel wurde zum Inbegriff dieses Toleranzgedankens.
Natürlichkeit und Klarheit: Der barocke Schwulst wird abgelehnt. Die Sprache soll klar, verständlich und natürlich sein. Johann Christoph Gottsched reformierte die deutsche Dichtung im Sinne dieser Prinzipien.
Bürgerliches Traürspiel: Die Aufklärung schuf mit dem bürgerlichen Traürspiel eine neue Gattung. Nicht mehr Könige und Helden stehen im Zentrum, sondern bürgerliche Figuren mit ihren Konflikten.
Fabel und Lehrgedicht: Gattungen, die Belehrung mit Unterhaltung verbinden, werden gepflegt. Die Fabel vermittelt moralische Lehren in Form von Tiergeschichten.
Wichtige Vertreter
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ist die zentrale Gestalt der deutschen Aufklärung. Als Dramatiker, Kritiker und Philosoph pragte er die Epoche wie kein anderer. Seine Dramen "Minna von Barnhelm", "Emilia Galotti" und "Nathan der Weise" gehören zu den wichtigsten Werken der deutschen Literatur. Als Kritiker befreite er das deutsche Theater von der Vorherrschaft des franzoesischen Klassizismus.
Christoph Martin Wieland (1733-1813) war der vielseitigste Autor der Aufklärung. Seine Romane und Verserzählungen verbinden Aufklärung mit Sinnlichkeit und Ironie. Als Übersetzer machte er Shakespeare in Deutschland bekannt. Später gehörte er zu den "vier Sternen" Weimars.
Johann Christoph Gottsched (1700-1766) war der einflussreichste Literaturtheoretiker der Frühaufklärung. Seine "Critische Dichtkunst" (1730) formulierte die Regeln einer vernunftgemässen Dichtung. Später wurde er von Lessing und anderen kritisiert, aber seine Verdienste um die Hebung des literarischen Niveaus sind unbestritten.
Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) war der populärste Autor seiner Zeit. Seine Fabeln und moralischen Vorlesungen wurden viel gelesen. Er prägte das Bild des empfindsamen, tugendhaften Bürgers.
Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) erneürte die deutsche Lyrik durch seine Oden und das Epos "Der Messias". Er entwickelte einen hymnischen Ton, der auf den Sturm und Drang vorauswies.
Bedeutende Werke
"Minna von Barnhelm" (1767) von Lessing ist das erste bedeutende deutsche Lustspiel. Es spielt nach dem Siebenjährigen Krieg und zeigt, wie Liebe und Vernunft Standesschranken und Vorurteile überwinden.
"Emilia Galotti" (1772) von Lessing ist ein bürgerliches Traürspiel über einen Vater, der seine Tochter tötet, um sie vor der Verführung durch einen Fürsten zu bewahren. Das Stück wurde zur Anklage gegen adlige Willkür.
"Nathan der Weise" (1779) von Lessing ist ein dramatisches Gedicht, das für religioese Toleranz plaediert. Die beruehmte Ringparabel zeigt, dass keine Religion den alleinigen Anspruch auf Wahrheit erheben kann.
"Geschichte des Agathon" (1766/67) von Wieland gilt als erster deutscher Bildungsroman. Er erzählt die Entwicklung eines jungen Griechen von schwärmerischem Idealismus zu aufgeklärter Weltklugheit.
"Der Messias" (1748-1773) von Klopstock ist ein religioeses Epos in zwanzig Gesängen. Das Werk begeisterte die Zeitgenossen und machte Klopstock zum gefeierten Dichter.
"Hamburgische Dramaturgie" (1767-1769) von Lessing ist eine Sammlung von Theaterkritiken, die zur wichtigsten dramaturgischen Schrift der deutschen Literatur wurde. Lessing entwickelt hier seine Theorie des Dramas.
Einfluss und Nachwirkung
Die Aufklärung legte die Grundlagen für die moderne deutsche Literatur. Die Emanzipation des Bürgertums, die Forderung nach Toleranz und Vernunft, die Betonung von Bildung und Humanität - all das wirkt bis heute nach.
Lessing gilt als Begründer der deutschen Literaturkritik. Seine Methode, Werke nach ästhetischen und moralischen Kriterien zu beurteilen, wurde zum Vorbild für Generationen von Kritikern.
Das bürgerliche Traürspiel, von Lessing begründet, wurde zu einer wichtigen Gattung der deutschen Literatur. Schillers "Kabale und Liebe" und Hebbels "Maria Magdalene" stehen in dieser Tradition.
Die Aufklärung hatte ihre Grenzen: Sie blieb weitgehend eine Bewegung der gebildeten Stände und erreichte die breite Bevölkerung kaum. Ihr Optimismus wurde durch die Schrecken der Franzoesischen Revolution erschüttert. Der Sturm und Drang und die Romantik reagierten auf die vermeintliche Kühle und Abstraktheit der Aufklärung.
Dennoch bleiben die Ideale der Aufklärung - Vernunft, Toleranz, Menschenwürde - zentrale Werte der westlichen Kultur. In Zeiten von Fundamentalismus und Irrationalismus gewinnen sie neue Aktualität.