Exilliteratur
Deutsche Literatur im Exil während der NS-Zeit (1933-1945)
Zeitraum und historischer Kontext
Die Exilliteratur umfasst die Literatur deutschsprachiger Autoren, die zwischen 1933 und 1945 aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen mussten. Mit der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 begann eine Massenflucht von Schriftstellern, Künstlern und Intellektüllen. Bereits am 10. Mai 1933 wurden in Berlin und anderen Städten die Bücher verfemter Autoren öffentlich verbrannt.
Die Gründe für das Exil waren vielfältig: Viele Autoren waren Juden und wurden aus rassistischen Gründen verfolgt. Andere waren als Kommunisten, Sozialdemokraten oder Liberale politisch missliebig. Wieder andere wurden wegen ihrer Werke angefeindet, die der nationalsozialistischen Ideologie widersprachen.
Die Exilländer waren zunächst europaeische Nachbarstaaten: Frankreich, die Niederlande, die Tschechoslowakei, die Schweiz. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besetzung grosser Teile Europas mussten viele Autoren weiter fliehen - nach Grossbritannien, in die USA, nach Mexiko, Brasilien oder in die Sowjetunion.
Bedingungen des Exils
Das Leben im Exil war für die meisten Autoren von grosser Härte. Die wichtigsten Probleme waren:
Sprachverlust: Die Autoren schrieben in einer Sprache, die im Exilland kaum jemand verstand. Die Veröffentlichungsmöglichkeiten waren stark eingeschränkt. Exilverlage arbeiteten unter schwierigen Bedingungen und erreichten nur ein begrenztes Publikum.
Materielle Not: Viele Autoren lebten in Armut. Die Honorare aus den Exilverlagen waren gering, und andere Einkommensmöglichkeiten waren begrenzt. Manche Autoren mussten sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen.
Isolation: Getrennt von ihrem Publikum, von Freunden und von der vertrauten Umgebung, litten viele Autoren unter Einsamkeit und Depression. Einige begingen Selbstmord, darunter Walter Benjamin, Stefan Zweig und Ernst Toller.
Politische Konflikte: Unter den Exilanten gab es erhebliche politische Differenzen. Kommunisten, Sozialdemokraten und bürgerliche Liberale stritten über die richtige Strategie gegen den Nationalsozialismus.
Wichtige Vertreter
Thomas Mann (1875-1955) war der bekannteste deutsche Exilautor. Als Nobelpreisträger genoss er internationale Anerkennung. Nach der Machtergreifung ging er zunächst in die Schweiz, dann in die USA. Seine "Radioansprachen" an deutsche Hörer über BBC wurden beruehmt. Im Exil vollendete er den Roman "Doktor Faustus".
Heinrich Mann (1871-1950), der ältere Bruder Thomas Manns, war politisch engagierter als dieser. Er war Präsident der Sektion Dichtkunst der Preussischen Akademie der Künste und musste 1933 sofort fliehen. Im Exil schrieb er die Romane über Henri IV.
Bertolt Brecht (1898-1956) ging 1933 ins Exil und lebte in verschiedenen Ländern: Dänemark, Schweden, Finnland, USA. Im Exil schrieb er einige seiner bedeutendsten Werke, darunter "Mutter Courage" und "Der gute Mensch von Sezuan". 1948 kehrte er nach Ostberlin zurück.
Anna Seghers (1900-1983) war Kommunistin und floh 1933 zunächst nach Frankreich, dann nach Mexiko. Ihr Roman "Das siebte Kreuz" (1942) über die Flucht aus einem Konzentrationslager wurde ihr bekanntestes Werk. Nach 1945 lebte sie in der DDR.
Lion Feuchtwanger (1884-1958) war ein erfolgreicher Romanautor. Im Exil schrieb er historische Romane wie "Exil" (1940) und "Die Brüder Lautensack" (1944). Er lebte zuletzt in Los Angeles.
Alfred Doeblin (1878-1957), der Autor von "Berlin Alexanderplatz", floh 1933 nach Frankreich und 1940 weiter in die USA. Im Exil konvertierte er zum Katholizismus. Nach 1945 kehrte er nach Deutschland zurück, fand aber keine Resonanz mehr.
Weitere wichtige Exilautoren sind Franz Werfel, Joseph Roth, Stefan Zweig, Klaus Mann, Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs.
Bedeutende Werke
"Das siebte Kreuz" (1942) von Anna Seghers erzählt von sieben Häftlingen, die aus einem Konzentrationslager fliehen. Für jeden Flüchtling wird ein Kreuz errichtet. Der Roman wurde in den USA verfilmt und machte die Autorin international bekannt.
"Doktor Faustus" (1947) von Thomas Mann ist ein Roman über einen Komponisten, der einen Pakt mit dem Teufel schließt. Das Werk verbindet die Faust-Sage mit einer Reflexion über das Verhältnis von Kunst und Dämonie im deutschen Geistesleben.
"Mutter Courage und ihre Kinder" (1941) von Bertolt Brecht spielt im Dreissigjährigen Krieg und zeigt eine Marketenderin, die vom Krieg zu profitieren versucht und dabei ihre Kinder verliert. Das Stück wurde zu einem der meistgespielten Dramen des 20. Jahrhunderts.
"Der gute Mensch von Sezuan" (1943) von Bertolt Brecht zeigt eine junge Frau, die versucht, gut zu sein, und dabei scheitert. Das Stück fragt, ob es möglich ist, in einer ungerechten Welt gut zu handeln.
"Exil" (1940) von Lion Feuchtwanger erzählt vom Leben deutscher Emigranten in Paris. Der Roman zeigt die Schwierigkeiten und Konflikte des Exillebens aus verschiedenen Perspektiven.
"Transit" (1944) von Anna Seghers schildert die Situation von Flüchtlingen in Marseille, die auf die Ausreise warten. Der Roman ist von Seghers' eigenen Erfahrungen geprägt.
Einfluss und Nachwirkung
Die Exilliteratur wurde lange Zeit wenig beachtet. Nach 1945 interessierte man sich in Westdeutschland mehr für die "innere Emigration" jener Autoren, die in Deutschland geblieben waren. In der DDR wurden dagegen die Exilautoren, die nach Osten zurückgekehrt waren (Brecht, Seghers), hoch geehrt.
Erst seit den 1970er Jahren wird die Exilliteratur als eigenständige Epoche gewürdigt. Die Forschung hat die Vielfalt und Bedeutung dieser Literatur erschlossen. Viele vergessene Autoren wurden wiederentdeckt.
Die Erfahrung des Exils prägte die deutsche Nachkriegsliteratur auf verschiedene Weise. Die Rückkehrer brachten ihre Erfahrungen mit: Brecht gründete in Ostberlin das Berliner Ensemble, Thomas Mann beeinflusste als moralische Instanz das Geistesleben der Bundesrepublik.
Die Frage "innere Emigration oder Exil?" prägte die Debatten der Nachkriegszeit. Thomas Manns Weigerung, zwischen der Literatur der Exilanten und der Literatur jener zu unterscheiden, die in Deutschland geblieben waren, löste heftige Kontroversen aus.
Die Exilliteratur bleibt ein wichtiges Zeugnis des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Sie zeigt, dass die deutsche Literatur auch in der dunkelsten Zeit ihrer Geschichte weiter existierte - ausserhalb der Grenzen des Reiches.