Astrid Lindgren
Die Mutter der modernen Kinderliteratur
Auf einen Blick
- Geboren: 14. November 1907 in Vimmerby, Schweden
- Gestorben: 28. Januar 2002 in Stockholm
- Beruf: Schriftstellerin, Lektorin
- Bekannt für: Pippi Langstrumpf, Die Kinder von Bullerbue, Michel aus Lönneberga
- Verkaufte Bücher: über 120 Millionen weltweit
Wenn Sie an Kinderliteratur denken, führt kaum ein Weg an Astrid Lindgren vorbei. Die schwedische Autorin hat das Genre grundlegend verändert und Figuren erschaffen, die sich daürhaft in der Weltliteratur etabliert haben. Ihre Werke verbinden kindliche Phantasie mit einer bemerkenswerten schöpferischen Kraft, die weit über das hinausgeht, was man gemeinhin unter harmlosen Kindergeschichten versteht.
Als Astrid Anna Emilia Ericsson kam sie 1907 auf einem kleinen Hof bei Vimmerby in der schwedischen Provinz Smaland zur Welt. Gemeinsam mit ihren drei Geschwistern verbrachte sie dort eine glückliche Kindheit auf dem Land - ein authentisches Bullerbue-Leben, wie sie es später selbst bezeichnete. Diese Erfahrungen sollten ihr gesamtes literarisches Schaffen prägen.
Der Weg zur Schriftstellerin
1926 absolvierte die junge Frau eine Ausbildung zur Sekretaerin in Stockholm. Zwei Jahre später lernte sie Sture Lindgren kennen, den Direktor des Schwedischen Königlichen Automobilclubs. 1931 heirateten die beiden. Ihren 1926 geborenen Sohn Lars, der bis dahin bei einer Pflegefamilie gelebt hatte, brachte sie mit in die Ehe. 1934 wurde die Tochter Karin geboren.
Gerade diese Tochter sollte zur Entstehung von Lindgrens beruehmtester Figur beitragen. Während einer Krankheit erfand Karin den Namen Pippi Langstrumpf und bat ihre Mutter, Geschichten über dieses Mädchen zu erzählen. Astrid Lindgren kam der Bitte nach und schrieb die Geschichten auf. 1944 reichte sie das Manuskript beim renommierten Kinderbuchverlag Raben und Sjögren ein - der es zunächst ablehnte.
Im selben Jahr gewann sie jedoch mit einem anderen Buch den zweiten Preis bei einem Mädchenbuch-Wettbewerb. Daraufhin erinnerte sich der Verlag an die abgelehnte Geschichte, und bereits ein Jahr später gewann Lindgren mit Pippi Langstrumpf den ersten Preis in der Kategorie Kinderbücher. Der Grundstein für eine beispiellose Karriere war gelegt.
Ein revolutionäres Werk
In den folgenden Jahrzehnten verfasste Astrid Lindgren nahezu vierzig Bücher sowie zahlreiche Theaterstücke und Drehbücher. Bis 1970 leitete sie ausserdem das Kinder- und Jugendbuchlektorat des Verlages Raben und Sjögren.
Pippi Langstrumpf, erstmals 1949 auf Deutsch erschienen, wurde zu ihrem grössten Erfolg. Die Figur lebt in ihrer eigenen Welt und kann es sich leisten: Sie ist so stark, dass selbst notorische Verbrecher einen Bogen um sie machen. Auch wohlmeinende Vertreterinnen des Jugendamtes müssen sich geschlagen zurückziehen, wenn sie versuchen, das vermeintlich arme Kind in die bürgerliche Ordnung einzugliedern.
Pippi verkehrt Autoritäten ins Lächerliche, ohne dabei boshaft zu wirken. Ihre sympathische Unverschämtheit öffnet den Weg für eine unstillbare Neugier - eine Neugier, die die Welt erkunden, aber noch lange nicht einfach hinnehmen will. In manchen Ländern fand diese subversive Haltung zunächst wenig Anklang. Im Frankreich de Gaulles oder im Deutschland Adenaürs hatte man anfangs keinen Sinn für die Eskapaden dieser selbstbewussten Göre.
Von Bullerbue bis Nangijala
Die Kinder von Bullerbue repräsentieren einen anderen Aspekt von Lindgrens Schaffen: einen Mikrokosmos der Geborgenheit. Hier finden sich intakte Natur, liebevoll umsorgende Eltern und gütmütige Grossväter. Doch selbst in dieser Idylle wird nie verschwiegen, dass es eine Welt da draussen gibt, in die es einzutreten gilt - eine Welt, die auch Schmerz, Enttäuschung und Tod bereithalt.
Mit den Brüdern Loewenherz wagte Lindgren etwas, das vor ihr kein Kinderbuchautor unternommen hatte: Sie machte den Tod zum zentralen Thema einer Kindergeschichte. Das Buch zeigt sowohl das Absolute des Abschieds als auch das Tröstliche, das Unvermeidliche wie das Hoffnungsvolle. Die Kritik reagierte zunächst mit Kopfschütteln. Doch zahlreiche Eltern sterbender Kinder schrieben der Autorin, um ihr für die einfühlsame Behandlung dieses Themas zu danken.
Karlsson vom Dach wiederum stellt eine völlig andere Figur dar: einen fliegenden Flegel, der sich ungeniert ins Leben eines braven Schuljungen mischt. Er ergeht sich in unerträglicher Rechthaberei und verkauft seine Tolpatschigkeit als Genialität. Und doch bezaubert diese Figur gerade durch ihre trotzige Art - hier pocht jemand auf Beachtung, der weiss, dass er sie unter normalen Umständen nicht einfordern könnte.
Politisches Engagement
Politische Kleinarbeit lag Astrid Lindgren nicht. Doch wenn es um offensichtliche Ungerechtigkeiten ging, erhob sie ihre Stimme - und wurde gehört. Gemeinsam mit der Tierrechtlerin Kristina Forslund prangerte sie in Artikeln für die Tageszeitung Expressen die Folgen der Massentierhaltung an. 1988 verabschiedete das schwedische Parlament daraufhin ein deutlich verbessertes Tierschutzgesetz.
Bei den grossen Fragen der Menschheit blieb Lindgren pessimistischer. Über den Frieden zu sprechen heisse, über etwas zu sprechen, was es nicht gibt, bekannte sie einmal. Dennoch debattierte sie 1987 in einem ausgedehnten Briefwechsel mit Michail Gorbatschow genau darüber.
Auszeichnungen und Ehrungen
Die Liste der Preise, die Astrid Lindgren erhielt, ist beeindruckend: 1950 die Nils-Holgersson-Plakette, 1956 ein Sonderpreis zum Deutschen Jugendbuchpreis für Mio, mein Mio, 1971 die Grosse Goldmedaille der Schwedischen Akademie, 1978 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Es folgten zahlreiche Ehrendoktorwürden, der UNESCO Book Award 1993 und 1994 der Alternative Nobelpreis.
Den Literaturnobelpreis erhielt sie nicht - erfolgreich hatte sie sich gegen eine Nominierung gewehrt. 1997 wurde sie zur Schwedin des Jahres in der Welt gekürt, 1999 erklärten sie die Leser des Expressen zur beliebtesten Schwedin des Jahrhunderts.
Vermaechtnis
Von Lindgrens Büchern wurden über 120 Millionen Exemplare weltweit verkauft. Allein Pippi Langstrumpf ist in mehr als 85 Sprachen übersetzt worden - darunter Moldawisch, Usbekisch, Tatarisch, Zulu und Suaheli.
Im Januar 2002 wurde ein schlichter weisser Sarg in einer schwarzen Kutsche durch die Strassen Stockholms gefahren, begleitet von königlichen Garden. Tausende Schweden nahmen am Strassenrand Abschied. Im Dom warteten König Carl Gustav, Königin Silvia und Ministerpräsident Goran Persson.
Wenn sie auch nur eine einzige düstere Kindheit habe erhellen können, sei sie zufrieden, hatte Lindgren einmal gesagt. Sie konnte mehr als zufrieden sein. Ob Michel aus Lönneberga, Kalle Blomquist oder die Ferien auf Saltkrokan: Ihre Werke zeigen noch vielen Generationen, was Kindheit sein kann.
Wichtige Werke
- "Pippi Langstrumpf", 1945
- "Die Kinder von Bullerbue", 1947
- "Mio, mein Mio", 1954
- "Karlsson vom Dach", 1955
- "Michel aus Lönneberga", 1963
- "Die Brüder Loewenherz", 1973
- "Ronja Räubertochter", 1981