Raoul Schrott
Weltreisender zwischen Sprachen und Kulturen
Auf einen Blick
- Geboren: 17. Januar 1964 in Landeck, Tirol
- Beruf: Schriftsteller, Übersetzer, Literaturwissenschaftler
- Bekannt für: Tristan da Cunha, Die Erfindung der Poesie, Gilgamesch-Nachdichtung
- Sprachen: Zahlreiche, darunter Provenzalisch, Okzitanisch, Gälisch
Raoul Schrott gehört zu den bemerkenswertesten Erscheinungen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Als Lyriker, Romancier, Übersetzer und Essayist hat er sich einen Namen gemacht, der weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinausreicht. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine ungewoehnliche Verbindung von Gelehrsamkeit und poetischer Kraft aus.
Geboren wurde Schrott 1964 in Landeck in Tirol, doch seine Kindheit verbrachte er in Tunis. Diese frühe Erfahrung des Lebens zwischen verschiedenen Kulturen sollte sein gesamtes Schaffen prägen. Nach einem Studium der Sprach- und Literaturwissenschaft in Norwich, Paris, Innsbruck und Berlin arbeitete er kurzzeitig als Privatsekretär des beruhmten Surrealisten Philippe Soupault.
Akademische Laufbahn
1988 promovierte Schrott mit einer Arbeit über den Dadaismus zum Doktor der Philosophie. Von 1990 bis 1993 war er als Universitätslektor für Germanistik am Istituto Orientale in Neapel tätig. Anschliessend habilitierte er sich am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Innsbruck.
Diese akademische Grundierung zeigt sich in seinem literarischen Werk, das stets von profunder Bildung zeugt, ohne dabei ins rein Gelehrte abzugleiten. Schrott verbindet wissenschaftliche Genauigkeit mit poetischer Sensibilität auf eine Weise, die in der deutschsprachigen Literatur selten anzutreffen ist.
Das literarische Werk
Zu Schrotts wichtigsten Werken zählen die Romane Finis Terrae von 1995 und Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde aus dem Jahr 2003. Die Novelle Die Wüste Lop Nor erschien im Jahr 2000, die Erzählung Khamsin zwei Jahre später. Auch als Lyriker hat sich Schrott einen Namen gemacht, etwa mit den Gedichtbänden Hotels von 1997 und Tropen. Über das Erhabene von 1998.
Besondere Aufmerksamkeit erregte 1998 der Band Die Erfindung der Poesie, der neu übersetzte Gedichte aus allen Kulturen der letzten viertausend Jahre versammelt. Schrott beherrscht zahlreiche Sprachen, darunter Provenzalisch, Okzitanisch und Gälisch - eine Voraussetzung für ein derart ambitioniertes Unternehmen.
2001 legte er eine vielbeachtete Nachdichtung des Gilgamesch-Epos vor. 1994 hatte er bereits den Gedichtband Mittsommer des Literatur-Nobelpreisträgers Derek Walcott ins Deutsche übertragen.
Tristan da Cunha - Eine Topografie der Sehnsucht
Der Roman Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde aus dem Jahr 2003 gilt vielen als Schrotts bedeutendstes Prosawerk. Der Titel verweist auf eine vulkanische Insel im Südatlantik, fernab aller Schifffahrtsrouten, nur wenige Kilometer breit, von Regen und kargem Boden geprägt.
Die Wissenschaftlerin Noomi Morholt gelangt in den Besitz alter Dokumente, die Lebensberichte dreier Männer enthalten. Der Kartograf Christian Reval, der anglikanische Priester Edwin Dodgson und der Briefmarkenhändler Mark Thomson haben zu unterschiedlichen Zeiten auf der Insel gelebt - und alle drei haben unglücklich geliebt. Kunstvoll sind diese Geschichten von unerfüllter Liebe und gestrandeten Hoffnungen miteinander verwoben.
Schrott selbst hat seinen Roman eine Topografie der Sehnsucht genannt: Sehnsucht nach Liebe, nach Zuwendung und nach Sinn. Die winzige Atlantikinsel wird zum Miniaturspiegel der Menschheitsgeschichte. Die Neue Zürcher Zeitung sprach von Weltliteratur und lobte die Spannkraft der Prosa, eine Sprache, die für die unterschiedlichsten Handlungen den richtigen Atem finde.
Stimmen der Kritik
Schrotts Werk wird in der Literaturkritik intensiv diskutiert. Die Frankfurter Rundschau bezeichnete ihn als Tausendsassa des Literaturbetriebs, der mit immer neün Überraschungen aufzuwarten wisse. Hans-Peter Kunisch schrieb in der Zeit über eine Sprache, die zwischen scheinbar selbstverständlicher Unmittelbarkeit und hoch selbstreflektierter Komplexität pendele.
Michäl Braun attestierte ihm im Freitag, dem Erhabenen in seinem Werk zu neün Weihen verholfen zu haben. Die poetischen Rekonstruktionen des Erhabenen wüchsen selbst jene Qualität zu, die nach Kant erstes Kennzeichen des Erhabenen sei: Grösse.
Auszeichnungen
- 1994: Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
- 1995: Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt
- 1996: Rauriser Literaturpreis des Landes Salzburg
- 1996: Robert-Musil-Stipendium
- 1999: Peter-Huchel-Lyrikpreis
- 2004: Mainzer Stadtschreiber
Wichtige Werke
- "Finis Terrae", Roman, 1995
- "Hotels", Gedichte, 1997
- "Die Erfindung der Poesie", Anthologie, 1998
- "Tropen. Über das Erhabene", Gedichte, 1998
- "Die Wüste Lop Nor", Novelle, 2000
- "Gilgamesch", Nachdichtung, 2001
- "Khamsin", Erzählung, 2002
- "Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde", Roman, 2003
- "Weissbuch", Gedichte, 2004