Einheit zweier Gegensätze
Erkenntnisweisen in Hermann Hesses "Narziss und Goldmund"
Zwei Wege zur Wahrheit
Narziss verkörpert die Überzeugung, dass man die Welt nicht unbedingt am eigenen Leib erleben und erleiden muss, um ihre innere Struktur verstehen zu können. Sein Medium der Erfahrung ist das Denken, die Sprache und Schrift. Sie eröffnen die Möglichkeit, vom Wissen anderer zu profitieren und sich in unterschiedlichste imaginäre Welten hineinzuversetzen.
Narziss widmet sein Leben dem strengen Dienst am Geiste und der Annäherung an das Göttliche. Da er die Welt vor allem nur gedanklich zu durchdringen versucht, verkörpert er die Bewusstseinswelt. Er repräsentiert die Fähigkeit, über theoretische Möglichkeiten nachzudenken und logische Schlussfolgerungen aus abstrakten Beziehungen herzuleiten.
In Narziss klingt der Optimismus der Aufklärung an. Der menschlichen Erkenntniskraft wird die Fähigkeit zugesprochen, sich allem Seienden geistig bemaechtigen zu können. Auch der cartesianische Rationalismus, allein mit den Mitteln der Vernunft zu universellen Wahrheiten zu gelangen, findet in ihm Ausdruck.
Goldmund - Die Wahrheit der Erfahrung
In Goldmund personifiziert sich die Feststellung, dass derjenige, der etwas nicht am eigenen Leib erlebt hat, es als Wissen auch nicht inkorporiert. Erkenntnis beruht auf Erfahrung. Wie Nietzsche schreibt, muss man alles selber tun, um selber einiges zu wissen.
Während Narziss vor seinen unberührten Schachfiguren alle Möglichkeiten gedanklich durchgeht, vollzieht Goldmund den Sprung ins Leben und verwandelt sich in die jeweilige Spielfigur. Er scheitert an der Abstraktion seines Freundes, die sich vom konkreten Wirklichkeitsbezug emanzipiert hat.
Für Goldmund muss die Sinnlichkeit der Dinge stets präsent sein. Sein Gedankenleben ist mit seinem Erfahrungsbereich eng verbunden. Bei der Bildung der Begriffe muss er aus eigener Weltbegegnung beteiligt sein. Er will die Erfahrung bis zum letzten Tropfen ausschoepfen.
Wandern und Erkennen
Das Aufsuchen neür Perspektiven und Standpunkte im Denken findet eine natürliche Entsprechung in der Erfahrung des Wanderns und Reisens. Goldmund umfasst die Dinge nicht nur eindimensional, sondern lässt sie mit allen ihren Qualitäten in sich einquellen. Er sieht sie nicht nur, er hört sie, schmeckt sie, riecht sie, befühlt und durchdringt sie.
In Goldmund spiegelt sich die Wahrheit des Sensualismus wider. Die Sinneserfahrung ist die massgebliche Instanz für die Konstitution von Wissen. Erst sie verleiht der unbeschriebenen Seele des Menschen seine kognitive Signatur. Der lateinische Grundsatz lautet: Im Verstande ist nichts, was nicht vorher in den Sinnen war.
Die Dialektik der Gegensätze
In Hesses Roman steht der väterliche Luftgeist der mütterlichen Erdseele gegenüber, die Wissenschaft der Kunst, die Rationalität der Sinnlichkeit. Zwei verschiedene Zugänge zur Wahrheit werden vorgestellt. Doch welcher ist der richtige? Ist es das Bewusstsein oder sind es die Sinne, in denen wir Gewissheit finden?
Auf den ersten Blick scheint Narziss derjenige zu sein, der schon immer Bescheid wusste. Er half Goldmund, seine eigene Wahrheit über sich selbst zu entziffern. Am Ende eines ereignisreichen Lebens kehrt Goldmund ins Kloster zurück, und seine Erfahrungen stimmen oft mit den Erkenntnissen seines Freundes überein.
Doch die Erfahrung verändert die Erkenntnis. Geistig antizipierte Erfahrung allein lässt die kognitive Struktur weitgehend unberührt. Narziss hat seine blutleere Wahrheit nur einmal gefunden, während Goldmund sich immer wieder durch das Wirrwarr der Sinnenwelt zu ihr hindurchkämpfen musste.
Das Abhängigkeitsverhältnis
Die Beziehung der beiden Freunde ist von einem seltsamen Abhängigkeitsverhältnis geprägt. Erscheint Narziss anfangs als führender Geist mit Deutungsmacht über Goldmund, so bringt dieser am Ende die Weisheit der Lebenserfahrung und die Apotheose der Kunst in das karge Leben des Freundes.
Zählt Narziss einerseits zu Goldmunds Vorbild, der für ihn die unerreichbare Sehnsucht nach dem geistigen Prinzip verkörpert, so geschieht andererseits sein Reden und Wirken nur im Hinblick auf ihn. Eine von Goldmund unabhängige Existenz hat er nicht. Dennoch bedarf es seines kritischen Geistes, um die Fehlentwicklung des Freundes zu erkennen.
Die Verschränkung der Gegensätze
Der literarische Entwurf ging aus einem dissoziativen Prozess hervor, der allein auf analytischer Ebene möglich ist. Wie die Erkenntnis notwendigerweise aus den gemachten Erfahrungen schöpft, so kommen auch diese Erfahrungen nur über eine kognitive Vermittlung zustande.
Hermann Hesse schrieb 1931: Narziss ist ebenso wenig der reine Geistesmensch wie Goldmund der reine Sinnenmensch. Sonst brauchte einer den anderen nicht, sonst schwängen sie nicht beide um eine Mitte und ergänzten sich. Ganz der heraklitischen Lehre folgend zeigt sich, dass die Gegensätze voneinander bedingt und ineinander verschränkt sind.
Das Thema ist nicht neu. Doch dass Hesse den Widerspruch zwischen Körper und Geist, unter dem er selbst litt, in der Beziehung der beiden Figuren zu versöhnen versucht, macht den Roman zu einer der schönsten und rührendsten Freundschaftsgeschichten in der Literatur.