In Gedanken schon immer woanders
Auf der Suche nach Michäl Holzach
Ein anderes Leben
Michäl Holzach war jemand, in dessen Nähe sich eine grosse Ferne äußerte. Im Grunde wollte er immer ein anderes Leben führen. Hätte nicht ein winziger Teil seines Selbst der Seligkeit getrotzt, wäre aus dem Journalisten bestimmt ein frommer Ordensbruder geworden.
Offenbar verspürte er doch zuviel Unruhe, um länger als ein Jahr bei den Hutterern in Kanada zu bleiben. 1979 kehrte er nach Hamburg zurück. Er schrieb ein Buch über die deutsche Wiedertäufersekte, und als es im nächsten Jahr erschien, war er in Gedanken schon wieder woanders.
Im Mai sass er schweigend mit seiner Freundin am Frühstückstisch. Kurz darauf schulterte er seinen Rucksack und verliess erleichtert das Haus. Anfangs als autobiographische Wanderung ohne Verwertungsabsicht geplant, wurde seine Deutschlandreise zum Bestseller. Die Idee, ohne Geld durch die Bundesrepublik zu wandern, hat sich ausgezeichnet verkauft und findet noch heute Nachahmer.
Die Suche nach der verlorenen Zeit
Holzach wollte sich versuchsweise vom Geld lossagen, weil sein Lebenshunger bisher zu seinem Einkommen proportional gestiegen war. Doch es blieb nicht allein bei dem Versuch, die Sinne für die raue Wirklichkeit zu schärfen. Er suchte das Ursprüngliche in doppeltem Sinne und steürte die Orte seiner Kindheit und Jugend an.
Die Ruhr-Universität Bochum, wo er Sozialwissenschaften studierte, die Villa seines verstorbenen Vaters in Bergisch-Gladbach, Onkel Werner in Heppenheim und die Münchener Wohnung seiner Mutter. Die erste und letzte Station seiner Reise war Holzminden. Diese Stadt hatte es ihm angetan. Hier war er zehn Jahre ins Internat gegangen und kannte jede Ecke.
Als er im Landschulheim am Solling ankam, erfuhr er von seinem ehemaligen Erdkundelehrer, dass er schon als Dreizehnjähriger barfuss von Holzminden nach Hamburg laufen wollte. Hier vor seinem alten Lehrer war er wieder der kleine Quintaner, mit den gleichen Ängsten und Selbstzweifeln.
Reporter und Wanderer
Bei Holzach vermischten sich journalistische mit persönlichen Motiven. Sozialkritik vermengte sich mit Selbstexperiment. In seinem Rucksack befanden sich neben den Dingen für das Überleben in der freien Natur auch Tagebuch und Kamera. Diese Aufzeichnungsinstrumente hielten ihn in Kontakt mit der normalen, bürgerlichen Welt.
Holzach verlor sich nicht in der Fremde. Er war wie Odysseus eine Rückkehrergestalt. Wenn er von seinen Abenteürn zurückkehrte, kehrte er vor allem an seinen Schreibtisch zurück. Auf diese schreibende Weise wurde jede andere Lebensform erträglich und erhielt zugleich eine höhere Zweckmässigkeit.
Dass er sich mit sozial engagiertem Journalismus durch das Elend der Leute schmarotzte, verursachte ihm ein schlechtes Gewissen. Doch er musste sich zur Zwiespältigkeit seiner Motive bekennen, musste laufend beschreiben, wie es ihm erging auf seinem Weg durchs Land.
Verwandlung auf der Reise
Seine Rolle änderte sich mit der Bewegung im Raum stetig. Die Gestalt des Wandersmanns wurde von Ort zu Ort ganz unterschiedlich aufgefasst. Während Holzach in den Grossstaedten als Penner auf Ablehnung stiess, war er im Saürland ein Vorbild für die Jugend. Vor einem Kloster rief seine ärmliche Erscheinung die Erinnerung an den Heiland wach.
In den Unterkünften für Obdachlose hatte er oft Angst, von den wirklich Elendigen als Sohn aus gutem Hause entlarvt zu werden. Aber Holzach war ein Chamäleon. Er sei ein Wanderer zwischen den Welten, sagte er von sich selbst. In diesem Spannungsverhältnis lebe es sich wie im Rausch, schwebend, ungebunden, frei.
Das tragische Ende
Michäl Holzach starb im Alter von 36 Jahren bei dem Versuch, seinen Hund aus der Emscher zu retten. Am 21. April 1983 rutschte Feldmann an einer betonierten Uferböschung in den Abwasserkanal. Holzach sprang seinem treün Weggefährten nach, stiess mit dem Kopf an einen Flusspfeiler und ertrank.
Der Unfall hat etwas von einer Tragikomödie. Die Emscher ist alles andere als ein reissender Fluss, und Holzach war ein Zwei-Meter-Hüne. Ausserdem überlebte der Hund sein Herrchen. Tragisch ist der Ort. Die Gegend entlang der Emscher hatte Holzach in seinem Buch mit aufdringlicher Symbolik versehen. Sie galt ihm als Beweis, dass der Mensch der ärgste Feind der Natur ist.
Auf seinen Wunsch hin wurde Holzach in Holzminden begraben, dort, wo er zehn Jahre ins Internat gegangen war. Die Kloake des Ruhrgebiets wurde inzwischen renaturiert. In Dortmund-Mengede gibt es heute den Michäl-Holzach-Weg - eine Sackgasse aus Einfamilienhäusern.