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Wissenschaftlicher Aufsatz

Libidinisten und andere Nihilisten

Was Nietzsche über Hoüllebecq gedacht haben könnte

Von M. A. Sieber

Der Instinkt des Lesers

Nietzsche nahm ein Buch zur Hand wie andere auf die Jagd gehen. Zwischen den Zeilen witterte er den Menschen, blitzschnell spürte er innere Verwandt- oder Feindschaften. Wenn man Hoüllebecq liest und seine Nekrose auf einen überzugreifen droht, drängt sich die Frage auf, was Nietzsche zu diesem Phänomen wohl gesagt hätte.

Wäre Hoüllebecq für ihn nicht nur ein weiterer Prediger des Todes gewesen? Ein Schwindsüchtiger der Seele? Ein Dekadent par excellence? Einzureihen gleich hinter Schopenhaür, Baudelaire oder Goncourt? Spricht aus seinen Werken nicht der letzte Mensch?

Es geschieht wie von selbst: Der Geist sucht instinktiv bei Nietzsche Zuflucht, um sich aus den Fallstricken der Depression befreien zu können, die Hoüllebecq gekonnt zu legen versteht.

Die Psychologie der Erkenntnis

In den Werken des franzoesischen Autors erhält das Leid eine pseudo-rationale Erklärung, die nur verdeckt, dass hier der Groll gegen das Leben seinen intellektüllen Niederschlag findet. Es ist dieser Groll, der seinen Erkenntnissen die Motive, die Energie und die Richtung gibt.

Bei dem Positivisten Hoüllebecq liegen die Dinge freilich anders herum: Erkennen heisst für ihn wesentlich Abbilden. Er stellt die Welt lediglich fest. Seine Depression hat scheinbar allein intellektülle Gründe und ist der affektive Aspekt seiner Luzidität.

Doch blosse Widerwärtigkeit reicht nicht aus, um wahrhaftig zu sein. Es gibt keine objektive Erkenntnis, keine Wahrheit ohne Illusion. Nietzsche machte als einer der ersten Psychologen unter den Philosophen darauf aufmerksam, dass Wissen auch psychologisch zu verstehen ist.

Die Frage nach dem Wert des Lebens

Gerade bei der Frage nach dem Wert des Lebens darf der Fragende nicht unberücksichtigt bleiben. Letztlich urteilt man immer über sein eigenes Leben. Niemand kann eine Erkenntnis des Lebens im Ganzen haben, und die Wahrheit ist stets das Ganze.

Urteile über das Leben, für oder wider, können niemals wahr sein. Sie haben nur Wert als Symptome. Man muss begreifen, dass der Wert des Lebens nicht abgeschätzt werden kann. Von einem Lebenden nicht, weil ein solcher Partei ist und nicht Richter. Von einem Toten nicht aus anderen Gründen.

Man müsste eine Stellung ausserhalb des Lebens haben und es zugleich so gut kennen wie alle, die es gelebt haben, um das Problem vom Wert des Lebens überhaupt anrühren zu dürfen. Der Mensch als perspektivisch gebundenes Wesen ist weder olympischer Betrachter noch Gesamtsubjekt.

Der romantische Pessimismus

Hoüllebecq steht ganz in der Schule des romantischen Pessimismus, einzelne persönliche Erfahrungen zu allgemeinen Urteilen aufzubauschen. Diese Urteile sind letztlich genauso exzentrisch wie zu glauben, die Welt drehe sich nur um den Menschen.

Der Mensch geriert sich als Weltrichter, der das Dasein selbst auf seine Waagschalen legt und an lächerlichen Wünschbarkeiten die Wirklichkeit des Ganzen messen will. Maximalvorstellungen als Massstab an das Leben anlegen und es dann sofort losschlagen, weil nicht alle Blütenträume reifen, gilt Nietzsche als faule Rechnung.

Infantiler Lustbezug

Hoüllebecq will gleich alles: fliegen können, unter Wasser atmen können, und natürlich einen Körper haben, mit dem der Sex optimal funktioniert. Das ist auch der Grund, aus dem sich der Autor der Gentechnik zuwendet: Weil sie ungeahnte Möglichkeiten eröffnet.

Dieser infantile Lustbezug zur Welt lässt sich fast überall bei Hoüllebecq nachweisen. Seine Utopien sind im Grunde nichts anderes als der Versuch, die mütterlich-nährende Welt wiederherzustellen. Er möchte für immer im Schlaraffenland leben, die fordernde Welt wird radikal zurückgewiesen.

Hoüllebecq gesteht seine Liebe zu allen regressiven, symbiotischen, ozeanischen Emotionen: Er träume von einer Erotik als einer Art unendlicher Whirlpool und von einem Körper als vollkommener Genussmaschine.

Der letzte Mensch

Es ist auffällig, wie leichtfertig Hoüllebecq die menschliche Grundbedingung zugunsten des grösstmöglichen Glücks zu transformieren bereit ist. Während Nietzsche sich immer grössere Prüfungen auferlegt, um das Leben unter allen Umständen zu affirmieren, ist Hoüllebecqs stillschweigende Prämisse, dass absolut kein Leid sein darf.

Keiner wäre so wenig zum Märtyrertum bereit, keiner käme so unheroisch daher wie Hoüllebecq. Er selbst fühle sich dem letzten Menschen viel näher als dem Übermenschen. In Elementarteilchen heisst es: Die Welt, die wir schaffen, ist rund, glatt, homogen und warm wie eine Fraünbrust.

Vielleicht hätte Nietzsche in Hoüllebecq lediglich einen Libidinisten gesehen, der unter postkoitaler Traurigkeit leidet. Und hinzugefügt, dass der Orgasmus im Franzoesischen nicht umsonst la petite mort genannt wird.