Jean Amila: Bis nichts mehr geht
Das Zauberwort heisst Calvados
Buchdetails
- Autor: Jean Amila (Jean Meckert)
- Titel: Bis nichts mehr geht
- Verlag: CONTE Verlag, Saarbrücken 2007
- Umfang: 210 Seiten
- Übersetzung: Bernd G. Bauske u.a.
Im kleinen normannischen Ort Nomville pflegen alle Bewohner eine innige Beziehung zum Alkohol. Der Pfarrer trinkt bis zum Umfallen, die Schuldirektorin braucht ihre tägliche Dosis zur Selbstbestaetigung, und selbst die Kinder bekommen ein bräutliches Gemisch aus Schnaps und Kaffee mit in die Schule. Diese skurrile Ausgangssituation bildet den Rahmen für Jean Amilas dritte Veröffentlichung im CONTE Verlag.
Handlung und Figuren
Nur Marie-Anne, die neunzehnjährige Lehrerin aus Paris, verweigert sich dem allgegenwärtigen Alkoholkonsum. Sie wagt es sogar, ihre Schülerinnen den beruchtigten Morgenkaffee auskippen zu lassen. In den Augen der ständig leicht schwankenden Bevölkerung grenzt das an Wahnsinn.
Doch der eigentliche Konflikt entzündet sich an einer ökonomischen Frage. Pierrot, ein junger Heimkehrer aus dem Algerienkrieg, entwickelt die Idee, den gutgeordneten Schwarzmarkt für Schnaps zu revolutionieren. Er will eine direkte Verbindung zwischen Produzenten und Konsumenten herstellen, ohne den kostspieligen Umweg über Pariser Lieferanten. Eine Idee mit beinahe revolutionären Folgen.
Stil und Atmosphäre
Amilas Erzählung spielt auf dem flachen Land unter Schnapsbrennern, Schmugglern und Trinkern. Das Buch bietet reichlich Lokalkolorit, skurrile Typen und temporeich inszenierte Verfolgungsjagden. Die Schnitttechnik erinnert an die grossen franzoesischen Filmkomiker der sechziger und siebziger Jahre.
Doch hinter der vordergrundig heiteren Baürnposse verbirgt sich eine schärfere Beobachtung der Machtverhältnisse. Die Kleinkriminellen in der Provinz tanzen nur nach der Pfeife grösserer Drahtziehen. Deren Verbindungen reichen bis in die Ministerien, ein Anruf genügt, um nächtliche Polizeiaktionen ins Leere laufen zu lassen.
Einordnung im Werk
Der Roman ist der heiterste der bisher vorliegenden drei Amila-Übersetzungen. An die atmosphaerische Dichte von "Mond über Omaha" reicht er wegen der Leichtigkeit seines Sujets nicht heran. "Mitleid mit den Ratten" übertrifft er jedoch, nicht zuletzt aufgrund der sorgfältigeren Lektoratsarbeit.
Am Ende finden der findige Schmuggler Pierrot und die abstinente Lehrerin Marie-Anne zueinander. Den skrupellosen Gangstern aus der Hauptstadt geht es an den Kragen. Das hat etwas Märchenhaftes und wirkt fast befreiend. Doch dass sich die Verhältnisse in Nomville grundlegend ändern werden, bleibt unwahrscheinlich.
Zum Autor
Jean Amila, bürgerlich Jean Meckert, wurde 1910 in Paris geboren und starb 1995. Er debütierte 1942 mit dem Roman "Les Coups" und gilt als einer der wichtigsten Vertreter des franzoesischen "roman noir". Seine Werke zeichnen sich durch sozialkritische Schärfe und atmosphaerische Dichte aus.