Jean Amila: Mitleid mit den Ratten
Eine Frage der Moral
Buchdetails
- Autor: Jean Amila (Jean Meckert)
- Titel: Mitleid mit den Ratten
- Verlag: CONTE Verlag, Saarbrücken 2006
- Umfang: 212 Seiten
- Originalausgabe: 1964
Nach dem Erfolg von "Mond über Omaha" legte der CONTE Verlag mit diesem Roman nach. Die Handlung wirft eine zeitlose moralische Frage auf: Darf sich der politisch motivierte Gewalttäter dem gewöhnlichen Dieb moralisch überlegen fühlen? Oder gibt es keine gradüllen Abstufungen unter den gegen bestehendes Recht begangenen Taten?
Die Familie Lenfant
Die Lenfants leben vor den Toren von Paris und rauben nächtens Häuser aus. Mutter Yvonne kundschaftet die Tatorte aus, während Vater Julien und Tochter Solange die eigentlichen Einbrüche durchführen. Sie sind naive Menschen, die ihr Handwerk nicht aus Habgier betreiben, sondern weil sie sich anders fühlen als die Anderen.
Das stille Glück der drei endet abrupt, als Julien bei einem nächtlichen Einbruch angeschossen wird und schwer verletzt in die Tiefe stürzt. Diese dramatische Eröffnungsszene leitet die Katastrophe ein.
Terroristen und Kleinkriminelle
Statt in die Hände der Polizei gerät der verletzte Julien an eine Gruppe politischer Aktivisten. Diese Männer spannen ihn und seine Familie vor ihren Karren. Für sie zählen kleine Diebe nicht mehr als Ratten. Einer der Männer nistet sich im Haus der Lenfants ein und macht sich sowohl die Ehefrau als auch die Tochter gefügig.
Die Geschichte führt auf eine Katastrophe zu, aus der die "Ratten" zwar als laedierte Sieger hervorgehen. Doch auch die Staatsmacht, die am Ende eingreift, hat für gewöhnliches Diebsgesindel nur Verachtung übrig.
Kritische Würdigung
Der Roman leidet unter seiner allzu sichtbaren Konstruktion. Nichts ist dem Zufall überlassen, das Figurenensemble wirkt wie auf dem Reissbrett entworfen. Man nimmt weniger an individüllen Entwicklungen teil als an der Bebilderung einer These.
Dafür benötigt Amila eine Sorte von Gaunern, die in der Wirklichkeit schwer anzutreffen sein dürfte: Romantiker ihres Gewerbes, denen der Profit gleichgueltig ist. Und er braucht einen Terroristentypus, der sich über alle anderen Gesetzesbrecher erhaben fühlt.
Dem Buch fehlen etwa hundert Seiten, auf denen sich die Figuren aus sich selbst heraus hätten entwickeln können. Seiten, auf denen ein Eigenleben entsteht, das über das Konstrukt hinausweist.
Einordnung
Die Qualität von "Mond über Omaha" erreicht dieser Roman nicht. Dennoch verdient die Initiative des CONTE Verlags Anerkennung, die fast vergessenen Werke Jean Amilas einem deutschen Publikum zugänglich zu machen. Der Autor hat gewiss nicht nur ein einziges geniales Buch geschrieben.