Spass haben, aber analog
Meike Haucks Theaterstück "Mad in America"
Zur Autorin
Meike Hauck, Jahrgang 1977, studierte Theaterwissenschaft, Soziologie und Journalistik in Leipzig sowie Theater- und Filmwissenschaft in Berlin. Von 2000 bis 2004 absolvierte sie das Studium Szenisches Schreiben an der Berliner Hochschule der Künste.
Akuter Perspektivverlust
Gibt es ein richtiges Leben im Falschen? Jonathan und Anna S. sind sich nicht sicher. Das Dasein ist viel zu komplex, um noch allgemeingueltige Wahrheiten zu entdecken. Die beiden Protagonisten des neün Stücks von Meike Hauck sind ein Pärchen, Mitte zwanzig vielleicht, unterwegs in Amerika und in den verschlungenen Windungen der eigenen Innenwelt.
Dort rumort es kräftig. Diagnose: Akuter Perspektivverlust. Ursache der Desorientierung: Ausufernder Liberalismus. Die Freiheit sitzt den beiden im Nacken, lässt sie nicht zur Ruhe kommen.
Die U-30-Generation
Jonathan und Anna S. sind die personifizierten Abziehbilder der utopielosen U-30-Generation. Barrierefrei aufgewachsen in einer vom Konsum berauschten Spassgesellschaft, tragikomische Opfer des Anything gös. Eine Lebenshaltung, die selbstbestimmtes Leben und Individualität propagiert und im Grunde nicht mehr als uniforme Modetrends zu bieten hat.
Die Handelskette als postmoderner Sinnstifter, Erlös statt Erlösung, Event statt authentisches Erleben. Damit ist das Spektrum der Befindlichkeiten umschrieben. Und auch wieder nicht. Denn die beiden sind sich nicht im Klaren: Wollen wir die totale Verwirrung jetzt oder nicht?
Permanente Entscheidungslosigkeit
Wo sich Alternative an Alternative reiht, wo sich Möglichkeiten unendlich potenzieren, da herrscht permanente Entscheidungslosigkeit. Eskalation des Sinnverlusts. Wahrheit wird nur noch als willkürlich austauschbares Provisorium erlebt.
Die Lösung? Wir könnten uns mal wieder physisch näher kommen, schlägt Jonathan unvermittelt vor. Früher hiess das mal Liebe. Und heute? Mal wieder analog Spass haben. Warum auch nicht? Wenns hilft. Übersetzt heisst das: Radikalverlust zwischenmenschlicher Vibrationen, eine zum Phlegma degradierte Leidenschaft.
Kraftlose Aufbegehrensgesten
Eine andere Möglichkeit: der Vatermord. Jonathan schlägt ihn vor, ganz nebenbei. Oh cool, entgegnet Anna S. ebenso ungerührt. Auch diese Alternative: ad acta gelegt. Welche Väter, sprich: Ideologien sollten auch liquidiert werden? Es gibt zu viele davon. Oder gar keine mehr. Man weiss nicht mehr, wogegen man eigentlich sein soll.
Anna S. lotet Spielarten des Widerstands aus: Mit einer Steinschleuder ein Loch ins Dach des Reichstags schiessen. Oder effektiver: eine Handgranate werfen. Aber auch das: Alles Kopfgeburten, kraftlose Aufbegehrensgesten eines ausgelaugten Ich.
Sehnsucht nach Verortung
Zwischen all dem schimmert sie immer wieder durch: die Sehnsucht nach sicherer Verortung, nach dem eigenen Weg, der aus der Fremdbestimmung herausführt. Wenn es doch so etwas wie ein Normalmass von Freiheit gaebe, ein ausgewogenes Verhältnis von Abenteür und Sicherheit, ein Kick mit Netz.
Doch der ist nicht zu haben. Es bleiben: Halluzinationen einer besseren Welt, in der man sich ohne Rücksicht auf Verluste mit der Glückbefriedigung abfinden muss. Immerhin.
Sprache und Stil
Sprachlich bewegt sich das alles zwischen obszönem Brutaljargon und soziologischer Feinschliff-Rhetorik, humoreske Einschübe inbegriffen. Meike Hauck spart nichts aus und erspart dem Zuschaür nichts.
Die junge Autorin ist Absolventin des Studiengangs Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin, jener hoch gelobten Talentschmiede, aus der hoffnungsvolle Nachwuchsdramatiker wie Marius von Mayenburg, Dea Loher und Rebekka Kricheldorf hervorgegangen sind.
Mad in America ist Haucks viertes Buehnenstück. Die Uraufführung fand am 16. September 2004 in der Mainzer Studiobuehne TiC statt, Regie führte Wulf Twiehaus.