Wolfgang Hilbig: Der Schlaf der Gerechten
Die Wahrheit des Erfundenen
Buchdetails
- Autor: Wolfgang Hilbig
- Titel: Der Schlaf der Gerechten
- Verlag: S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2003
- Umfang: 191 Seiten
Mit seinem Roman "Das Provisorium" war Wolfgang Hilbig im Jahr 2000 an einer Grenze angekommen. Vergangenheit und Gegenwart fielen ineinander und versperrten die Aussicht auf Kommendes. Von hier aus konnten wirkliche Wege nur zurückführen: in die Kindheit, ins letzte Jahrtausend, in das eigene Werk.
Sieben Erzählungen
Die neün Erzählungen sind in zwei thematische Bloecke gegliedert. Wer sich in Hilbigs Kosmos auskennt, wird sich sofort heimisch fühlen. Wobei heimisch bei Hilbig immer eine unheimliche Doppelbedeutung zukommt. Man nähert sich seinen Schauplätzen nie ohne Graün. Durchdrungen scheint seine Welt von dunklen Verhängnissen.
Ort der Gewitter
Die erste Erzählung ist eine Adoleszenzgeschichte aus der männerlosen deutschen Provinz nach dem Zweiten Weltkrieg. In dichten Bildern entsteht eine Landschaft zwischen Fruchtbarkeit und Zerfall. Nichts ist wirklich bizarr an den tristen Schauplätzen in und um die nordthüringische Kleinstadt Meuselwitz, in der Hilbig 1941 geboren wurde.
Doch die ausgepragte Phantasie des Kindes erzeugt Mythen und Wahngebilde. Im verfremdenden Blick auf Braunkohlegruben und ausglimmende Ascheberge ist bereits alles enthalten, was den späteren Schriftsteller kennzeichnen wird. Am Ende präferiert Hilbigs Protagonist die Wahrheit des Erfundenen.
Erinnerung und Stillstand
Die letzten drei Texte zeigen einen Erzähler, der an die Orte seiner Kindheit zurückkehrt und feststellt, dass die Zeit dort angehalten wurde. In "Der Nachmittag" wird die stehengebliebene Bahnhofsuhr zum Symbol für diesen Stillstand. Die nach der Wende heruntergekommene Stadt erscheint als ewige Baustelle.
In "Die Erinnerungen" kehrt Hilbig in den Heizungskeller eines ominosen Betriebs zurück. In dieser Vorhölle konfrontiert der Autor seinen Helden mit der verschütteten Historie seiner Klasse. Die Arbeiter sind die Verdammten, die nicht aufwachen konnten, Gestalten ohne Erinnerungen, die verschüttet in der Erde liegen.
Der dunkle Mann
Der abschliessende Text erinnert an die Romane "ICH" und "Das Provisorium". Noch einmal erzählt der Autor von einem zerrissenen Schriftsteller, der sich weder im Westen noch im Osten halten kann. Am Kuchentisch der Mutter versucht er, mit den Versäumnissen seines Lebens fertig zu werden.
Aus dem Draussen begegnet ihm der einst für ihn verantwortliche Stasi-Mann. Ein langes nächtliches Gespräch enthüllt ihm die eigene Nichtigkeit. Indem er ihn am Ende tötet, bestraft er sich gleichermassen selbst.