Ein Pandämonium namens Welt
Wiedergelesen: Anmerkungen zu John Irvings Garp-Roman
Buchdetails
- Autor: John Irving
- Titel: Garp und wie er die Welt sah
- Übersetzer: Jürgen Abel
- Verlag: Rowohlt
- Seiten: 636
Wir sind alle unheilbare Fälle
In der Welt, wie Garp sie sieht, sind wir alle unheilbare Fälle, heisst es ganz am Ende des Buches. Das klingt wenig optimistisch und ist doch augenzwinkernd gemeint. Davon zeugt die ausufernde, turbulente Handlung, die, gespickt mit absurden Zufällen und grotesker Situationskomik, so ziemlich alle bizarren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des menschlichen Daseins abdeckt.
Garp und wie er die Welt sah, 1978 erschienen, machte den Autor John Irving über Nacht weltberuehmt. Es ist die skurril-makabre Geschichte des jungen Garp, der unter höchst eigenwilligen Umständen im Amerika der frühen vierziger Jahre gezeugt wird, später zu einem halbwegs erfolgreichen Schriftsteller avanciert und schließlich im Alter von 33 Jahren von einer radikalen Feministin getötet wird.
Jenny Fields - Eine eigenwillige Mutter
Es ist vor allem die Geschichte seiner Mutter Jenny Fields, einer aufopferungsbereiten Krankenschwester, die ohne es recht zu wollen zur Leitfigur der Emanzipationsbewegung wird. Schuld daran ist ihre Autobiografie, die den bitter-ironischen Titel Eine sexüll Verdaechtige trägt.
Darin schildert sie mit selbstverständlicher Offenheit ihr bewegtes, selbstbestimmtes Leben, voller Konseqünz und Eigenwilligkeit. Jenny weiss, was sie will, und es stimmt in den seltensten Fällen mit dem überein, was ihre Umwelt von ihr erwartet.
Als junges Mädchen entflieht sie dem verbiesterten Puritanismus ihres wohlhabenden Elternhauses. Ihr sehnlichster Wunsch: Ein Kind, ganz für sich allein, ohne ehelichen Käfig, fernab aller Bindungskonventionen.
Die ungewoehnliche Zeugung
Ganz ohne Mann lässt sich das freilich nicht bewerkstelligen. So macht sie sich eines Nachts die pathologisch bedingte Dauererektion eines schwer verletzten Jagdbomber-Schützen zunutze. Der solchermassen auf den biologischen Zeugungsakt reduzierte Soldat stirbt kurz darauf, ohne dass Jenny Einzelheiten seines Lebens in Erfahrung bringen kann. Ihrem Kind gibt sie den Namen des Samenspenders: Garp.
Schon Freud wusste: Die Geburt wirkt als seelische Verletzung weiter. Garp bleibt davon nicht verschont. Er hat Erfolg, als Schüler, als Sportler, als Schriftsteller, später auch als Ehemann und Vater. Aber er bleibt ein rastlos Suchender, verfolgt von den eigenen, unerfüllbaren Ansprüchen.
Die Welt als Pandämonium
Garp stellt hohe Ansprüche an das Pandämonium namens Welt, eine Welt voller Gewalt und Sexualität, deren Versuchungen er immer wieder unterliegt und an der das eigene Bedürfnis nach Ruhe und Orientierung zerbricht.
Der Schriftstellerberuf verspricht Hilfe. Doch während Jenny in ihrem Schreiben nur Wahrheit sucht, die Wahrheit ihres Lebens, strebt Garp nach mehr, nach Wahrhaftigkeit, nach dem tieferen Sinn des als Chaos und Bedrohung erlebten Lebens.
Jenny strukturiert im Schreibakt ihre Biografie. Garp verzettelt sich in seiner, wird zum Architekten seines eigenen Untergangs, wie es Irving einmal in einem Interview formuliert hat. Letztlich ein desolater Manager seines eigenen inneren Krisenszenarios.
Komik und Tragik
Das alles erscheint anrührend und abstossend zugleich, unendlich komisch in all seiner Tragik, zutiefst tragisch bei aller aberwitzigen Komik. Und das Buch macht deutlich, was nur wenigen Büchern gelingt: Literatur ist komprimierte Lebenswirklichkeit, gepaart mit Vorstellungskraft und Provokationsbereitschaft.
Sie liefert beides: schonungslose Daseinsanalyse und aufrüttelnde Gegenbilder zur bestehenden Realität, stets bereit, auf deren Fundament neue Realitäten und neue Sinnhorizonte zu produzieren. John Irvings Garp ist zweifelsohne eines der spektakulärsten und gelungensten Beispiele für diese Funktionszuweisung an die Literatur. Grund genug, das Buch neu zu entdecken.